Dmitri Gluchowski · Registrierung
1.
Warum zögerte Uljana?
Weil sie Angst hatte, deshalb. Weil es besser war, es nicht zu wissen, als es zu wissen: Solange man es nicht mit Sicherheit weiß, kann man noch ein bisschen sein altes Leben leben, sein eigenes. Man musste nur irgendwie die Unruhe vertreiben, sich irgendwie ablenken – in den freien Minuten Reels oder TikToks scrollen, mit Kristina quatschen – und abends, während sie sich Makkaroni kochte oder Kartoffeln briet, das Radio-Mama auf Lautsprecher einschalten: Was gab’s bei den Nachbarinnen, was im Laden, was im Garten? Dann ein Serienfilmchen, dann eine kochend heiße Dusche, dann sich mit dem Brummdings kitzeln, dann plumps – und ab ins Schwarze. Und da war wieder so ein Tag, dieselben Leute, und man konnte die Zeit genauso totschlagen.
Vielleicht würde es sich von selbst erledigen, wenn sie nur wartete. Sie durfte nur nicht daran denken: Es hing ja wie Nebel oder ein Schatten irgendwo in der Nähe herum, also sollte es dort ruhig weiter herumhängen. Ihm keinen Namen geben, es nicht heraufbeschwören. Einfach Zeit schinden. Es würde ihm langweilig werden, und es würde vorübergehen.
Aber es ging nicht vorüber.
Wie sehr Uljana auch versuchte, es nicht hereinzulassen, wie sehr sie sich auch von ihm wegwand, es verdichtete sich trotzdem nach und nach. Etwas wurde in ihrem Bauch zäh und zugleich – spiegelbildlich zum Bauch – schwer in der Magengrube: kein Tumor, keine Wunde, keine Vorahnung, sondern schon Gewissheit. Uljana ahnte, wie die Antwort lauten würde, und deshalb hatte sie solche Angst, die Frage zu stellen.
Aber dort tickte es trotzdem, Sekunden zogen sich zu Minuten, Minuten zu Stunden, Tage klickten weiter, und es sammelte sich an, sammelte sich an. Daran durfte sie nicht denken, doch an etwas anderes konnte sie auch nicht denken.
Uljana ging immer wieder die Male durch – das letzte, das vorletzte. Sie fragte sich, wie das hatte passieren können, sie hatten doch aufgepasst. Aber nicht alles kam ihr wieder in den Sinn – es gab Lücken, Nächte, die der Alkohol verwischt hatte und von denen nur kurze Blitze geblieben waren; nicht einmal klar war, ob sie sich an Träume erinnerte oder an eine derart irre Wirklichkeit.
Sie zählte die Tage, zählte sie noch einmal, aber aus diesen Rechnereien ließ sich nichts herauslesen: Uljanas Körper war völlig durcheinander, aus dem Takt geraten, auf seine Pünktlichkeit konnte man sich nie verlassen, bei ihr war es ständig mal so, mal so – besonders, seit sie die Tabletten abgesetzt hatte. Und warum hatte sie die überhaupt abgesetzt? Idiotin.
In ihrem Kopf wurde alles zu Grütze, die Luft wurde grützig, und durch diese kalte Grütze kam sie nur mühsam voran. Die Leute fragten Uljana irgendetwas: Kunden, der Chef, Kristinka, ihre Mutter, aber es drang nur langsam zu ihr durch, und sie antwortete schleppend, weil der Schall nur schwer durch die Grütze kam. Diese kalte Grütze war Angst.
Sie zögerte, weil sie wusste: Sie würde eine Entscheidung treffen müssen. Und allein konnte sie keine Entscheidung treffen.
Wie oft war sie schon an der Apotheke vorbeigegangen und hatte auf das Kreuz geschaut, ohne sich dazu bringen zu können, hineinzugehen. Doch eines Morgens wachte sie auf und wusste ganz klar: Jetzt steht sie auf, wäscht sich und geht los. Vielleicht war nachts irgendetwas passiert – die Nacht-Uljana hatte der Tages-Uljana befohlen, es nicht länger aufzuschieben, und nach dem Aufwachen den erteilten Befehl vergessen. Oder vielleicht war ihr einfach klar geworden, dass es Zeit war, den Abszess aufzuschneiden. Uljana stand auf, kochte sich Grütze, schüttete extra viel Zucker hinein, um sich Mut zu machen, und stapfte zur Apotheke – nicht zu ihrer üblichen, sondern zu einer fremden. Ohne der Apothekerin in die Augen zu sehen, bat sie um einen Test. Sie ging nach Hause und machte ihn.
Na ja, zwei Striche.
• • •
Tatjana klebte Tapete. Die Tapete hatte ein Muster: kaum wahrnehmbare Blattsilhouetten, vielleicht Akazienblätter. Beige, blass, friedlich. So eine hätte man bedenkenlos in einer Klapsmühle an die Wände kleben können, um die Tobenden zu beruhigen. Vitalja stand auf der Stehleiter, balancierte auf der obersten Sprosse, leuchtete Tatjana mit dem gelben Zehennagel durch ein Loch im Socken ins Auge und drückte die obere Kante der Bahn in den weißen Kleister, während Tatjana die Rolle langsam nach unten abrollte, sie glatt strich und die Luftblasen nach außen verdrängte, damit alles schön eben wurde.
Vitalja schnaufte und fluchte, oben auf der Leiter war ihm nicht geheuer, die Knie zitterten ihm. Tatjana, obwohl sie Vitalja gerade mal bis zur Brust reichte, hätte bis ganz nach oben klettern und dort fest und gelassen stehen können, aber Vitalja das Glattstreichen der Tapete anzuvertrauen war unmöglich. Seine Hände waren unsicher, und ganz bestimmt hätte er die Bahn schief abgerollt, die bereits geklebte Tapete beschmiert und die ganze Arbeit zunichtegemacht. Das hatte er schon getan, war dafür ausgeschimpft und verprügelt worden und hatte trotzdem wieder gesündigt, bis man ihn abgezogen hatte.
Fürs Wohnzimmer reichte die Tapete gerade so: Lieber etwas Teureres und weniger davon kaufen als etwas Billigeres und dafür mit Reserve, hatte Tatjana beschlossen. Sie hatten so lange auf diese Renovierung gewartet, auf diese Wohnung. Eigentlich ihr ganzes Leben lang. Also wollte sie jetzt keine Kompromisse, jetzt wollte sie sich etwas leisten. Wer wusste schon, ob sie jemals wieder renovieren würden. Wahrscheinlich jetzt nicht mehr.
Mit dem Spachtel trieb Tatjana die Blasen zum Rand, die Akazienblätter schmiegten sich an die gekalkte Wand, und mit jedem Strich wurde es besser. Es wurde eben, es wurde sauber. Endlich gehorchte das Leben Tatjana. Unterwarf sich ihren aufgedunsenen, purpurroten, wie verbrühten Händen, ließ sich glatt streichen, ordnete sich in Reihen.
Und selbst Vitalja, der unter der Decke gespielt litt und seinen Preis hochtreiben wollte, damit ihm diese Schwarzarbeit irgendeine künftige Vergünstigung einbrachte, ging ihr kaum auf die Nerven – solange er dastand, solange er hielt, während Tatjana Bahn um Bahn diesen beruhigenden beigen Wald durchs Wohnzimmer rollte.
Arbeit war nötig. Man musste irgendetwas tun. Was man tun konnte, musste man auch tun. Und was man nicht tun konnte, das konnte man eben nicht tun.
Vitalja fing an zu jammern, er müsse mal. Tatjana drohte ihm, er solle keine Faxen machen: Er sollte bis zum Ende der Tapetenrolle warten und ihr ja nicht auf dumme Gedanken kommen. Sie wusste ja, was dann passieren würde – er würde sich auf dem Klo einschließen und rauchen. Aber ihn allzu sehr zu tyrannisieren ging auch nicht, den armen Kerl.
Die beige Bahn fügte sich in die Reihe beiger Bahnen, die letzten Bläschen entwichen ihr wie einem Ertrinkenden, und Tatjana packte das Leiterbein: Steig runter, na gut.
Vitalja schloss sich auf der Toilette ein und schmauchte natürlich, während Tatjana in die Küche ging. Die Küche sah vorerst aus, als hätte man sie nach Bombenangriffen wiederhergestellt: Der Linoleumboden war noch zerfetzt, aber die hübschen Fliesen waren schon verlegt; eine Wand war verspachtelt, die andere abgeschabt und voller Risse; Tisch und Hocker waren provisorisch, aus Brettern, aber das Waschbecken war schon gekauft und stand da.
Sie machten es so: Was von dem Bezahlten ankam, daran machten sie sich. Die Wohnung sah dadurch aus wie eine Zigeunerhütte oder eine Junkiebude, aber durch das Durcheinander und den Dreck hindurch schimmerte allmählich eine helle Zukunft: Tatjana und Vitalja flickten das Alte mit Neuem aus, überstrichen den Schimmel weiß, überklebten die Fetzen mit Beige. Eine fremde, heruntergekommene und versiffte Wohnung, aber eine Dreizimmerwohnung mit zweiundsiebzig Quadratmetern, wurde Streifen für Streifen in ihre eigene verwandelt, in der auch das Schlafzimmer endlich ihr Schlafzimmer sein würde und die Kinder endlich jeder ein Zimmer bekämen.
Tatjana wischte die Krümel vom Tisch, strich die Handtücher glatt und stellte den Wasserkessel auf den Gasherd. Sie setzte sich gegenüber von Saschkas Ikonenecke, die fast die ganze Fensterbank einnahm. Sie sah ihren Sohn an.
Dort standen drei Fotos: Auf dem ersten stand er in seiner Schuluniform mit einem Blumenstrauß, der ihn beinahe umwarf. Sein erster Schultag, ein blondes, dünnes Kerlchen mit aufgerissenen Augen und einem verängstigten Lächeln. Auf dem zweiten Foto war er schon nach der Fachschule – er saß mit seiner Großmutter, Tatjanas Mutter, auf einer Bank neben ihrem Haus und hatte seinen braungebrannten Arm um die Oma gelegt. Hinter ihnen: von der Zeit ausgebleichte Bretter; am Rand schoben sich Apfelbaumzweige ins Bild, auf seinem Gesicht lagen Schatten und Sonnenflecken, Lichtstrahlen waren durch das Laub gebrochen. Die Oma neigte den Kopf zu ihm und lächelte faltig, seine Augen aber waren geschlossen: Die Kamera hatte im falschen Moment ausgelöst, und noch einmal zu posieren war ihm dann zu lästig gewesen. Auf dem dritten Foto stand Saschka in Uniform; es war das jüngste, gerade einmal zwei Monate alt, deshalb sah er darauf sich selbst am ähnlichsten und zugleich am wenigsten ähnlich. Auch hier klebte ihm das verängstigte Lächeln des Erstklässlers im Gesicht, es hielt sich gerade noch, sein Rücken war ebenfalls gekrümmt, als trüge er einen mit Schulbüchern vollgestopften Ranzen, obwohl auf diesem Foto gar kein Ranzen zu sehen war, und weil sein Schädel rasiert war, standen die Ohren ab wie Lappen. Neben ihm standen Vitalja und Tatjana selbst, die Saschka unter den Ellbogen gefasst hatten. Alle blickten gerade in die Kamera: Vitalja dämlich, Saschka verwirrt, Tatjana entschlossen.
Dieses Fensterbank-Triptychon war von Geranien überwuchert, und mitten im Grün und den Blüten ragte die Nase eines Fayence-Zwergs mit roter Mütze hervor, als säße der Zwerg auf der Lauer.
Tatjana nahm Saschkas Kinderfoto und wischte mit dem Handtuch über das Glas: Es war sauber gewesen, jetzt waren fettige Schlieren darauf. Sie sah sich fest, hörte nicht gleich, wie der Wasserkessel pfiff.
„Das Wasser kocht doch, Tan!“ rief Vitalja aus der Toilette.
„Ich bin nicht taub!“, antwortete Tatjana und kam zu sich.
Sie stellte den kleinen Saschka wieder an seinen Platz, seufzte – nicht hörbar, sondern einfach, um den Druck auf der Brust loszuwerden – und begann, das kochende Wasser in die Tassen zu gießen, das Brot zu bestreichen und die Doktorwurst aufzuschneiden: Dann war eben jetzt Pause.
Vitalja suchte reflexartig mit den Augen nach Bier, fand aber nur schwarzen Tee, schwarz wie Tschifir, blickte Tatjana mit seinen wässrigen Augen an und widersprach nicht – er wusste selbst, dass es für Bier noch zu früh war und man das Thema besser gar nicht erst ansprach. Er verbrannte sich am kochenden Wasser, verzog das Gesicht, verbrannte sich gleich noch einmal und kaute die elastische Wurst, von einem Rosa, als wäre sie mit einem Kinderfilzstift angemalt.
„Wir sollten mal anrufen, Tan.“
„Hab ich angerufen. Am Telefon wollen sie nichts sagen.“
„Dann wärst du halt hingegangen.“
„Hör mal. Dann geh du doch hin! Immer schickt er mich los.“
„Was soll ich denn dort? Wer hört schon auf mich? Du kannst wenigstens Krach machen. Vor Müttern haben sie Angst.“
„Krach machen … Na klar. Mütter wie mich gibt’s bei denen wie Sand am Meer.“
Sie schwiegen und schlürften. Natürlich musste man hingehen – Saschkas Telefon schwieg schon die dritte Woche, die mütterlichen Klagen hingen ungelesen mit nur einem Häkchen da.
Das Schmatzen ließ das Schweigen noch hörbarer und bedrückender werden. Da schaltete Tatjana den Fernseher ein, damit er sie beim Essen zulaberte. Der Fernseher leuchtete blau auf und sprang sofort an:
„Kampfhandlungen. Der Durchbruch der letzten Verteidigungslinie der ukrainischen Streitkräfte im Donbass entlang der Linie Kramatorsk–Slawjansk–Konstantinowka hat begonnen. Sobald unsere Truppen den Durchbruch abgeschlossen haben, müssen sie nur noch das natürliche Hindernis, den Dnepr, überwinden. Unterdessen setzte unsere Luftwaffe in der Nacht von Donnerstag auf Freitag ihre Angriffe tief im Hinterland des Gegners auf Objekte der militärischen Transportinfrastruktur fort, die im Interesse der ukrainischen Streitkräfte genutzt werden. Auf diesen Aufnahmen ist zu sehen, wie ein Damm von einer schweren Fliegerbombe vom Typ FAB-500 getroffen wird.“
Vitalja starrte auf den Fernseher, war sofort wie gebannt, und mit der Wurst ging es gleich viel flotter voran. Der gepflegte Moderator schritt vor einem riesigen Panoramabildschirm durchs Studio, der die zerfressene und aufgewühlte ukrainische Erde zeigte, gesehen mit den Augen eines Vogels oder eines Gottes. Der Moderator schwang den Arm – und unten, auf die Bewegung seiner Finger hin, platzte die Materie auf und starben die Insektenmenschen, erblühte das Feuer und quollen schwarze Rauchwolken auf.
Vitalja quakte bei jedem Treffer zufrieden. Tatjana schaute angespannt.
„Heute kehrten 187 unserer Kämpfer aus ukrainischer Gefangenschaft nach Hause zurück. Das geschah im Austausch gegen die gleiche Zahl von Kämpfern der ukrainischen Streitkräfte.“
Aufnahmen aus den Bussen liefen über den Bildschirm, in denen die Gefangenen nach Russland zurückkehrten – wohlgenährt, aber aufgedunsen und wie verheult. Tatjana drehte lauter und rückte ganz nah an den Fernseher, damit ihr kein einziges Gesicht entging. Es waren alles fremde Fratzen, fremde Ehemänner und Söhne von irgendwem. Tatjana hätte sich für ihre Mütter freuen sollen, aber sie konnte nur wütend werden. Diese hier hatten Glück gehabt: Man hatte sie gefunden, identifiziert, ausgetauscht. Diese hier hatten Glück gehabt … Aber Saschka war unter den Gesichtern in den Bussen nicht dabei. Ungerecht.
„Man hätte die Chocholen nicht zurückgeben dürfen“, sagte Tatjana plötzlich ganz deutlich. „Das geht nicht. Die kapieren doch nichts, ziehen keine Lehren daraus. Gleich morgen gehen sie wieder unsere Jungs töten.“
„Na, und wie denn?“, fragte Vitalja.
„Na eben“, Tatjana zuckte mit den runden Schultern. „Abknallen, und damit basta.“
• • •
„Wellnesssalon ‚Siebter Himmel‘, guten Tag“, sagte Uljana in den Hörer. „Ja, wir bieten Massagen an. Whirlpool, Sauna, Solarium. Bis elf. Nein, nachts haben wir nicht geöffnet. Nein. Mhm, alles klar, wir erwarten Sie.“
Sie legte auf und sah Kristinka an. Die hatte die Beine auf das violette Kunstledersofa gezogen und war ganz in ihrem Handy versunken. Über dem Sofa war eine auf eine Plane gedruckte tropische Insel an die Wand gespannt – Zuckerstrand, schiefe Palmen und ein chemisch blaues, wie kräftig chloriertes Meer. Am Meer standen leere Liegestühle, die Uljana und Kristinka einluden, sich auszuziehen und zu sonnen, bevor sie baden gingen. Auf dieser Insel gab es so viele weiße Körnchen, wie in den Sanduhren während der Jahre von Uljanas langweiliger Arbeit langsam hinuntergerieselt waren. Die Farben im Paradies waren längst verblasst, das Meer war blass geworden, die Sonne ausgebrannt, und die betrübliche Erkenntnis hatte sich eingestellt, dass die Zauberinsel in Photoshop zusammengebastelt war und man aus diesem Keller niemals dorthin gelangen würde.
„Chris! Gehen wir eine rauchen?“, schlug Uljana vor.
Kristinka nickte, ohne den Blick vom Bildschirm zu lösen, und ließ die Beine herunter. Sie war klein, ein zierliches Brünettchen mit einem Pony wie bei einem Comic-Pony, pechschwarz gebräunt in ihrem kostenlosen Solarium. Aber ihre Arme waren stark, und verspannte Muskeln knetete sie mühelos wie Hackfleisch für Frikadellen.
Sie stiegen die Stufen hinauf und tauchten aus der äquatorialen Zeitlosigkeit des Kellers in den sonnigen, kühlen Sommer von Wologda auf. Sie holten ihre E-Zigaretten hervor und zogen daran: Chris hatte Erdbeergeschmack, Uljana Melone.
Auf der Lermontowstraße knatterten hin und wieder Autos vorbei, hinter der Straße floss ein dicker, langsamer Fluss, zäh wie Kondensmilch; Flussboote klebten darin fest, auf den Booten trank man Bier und lachte. Auf der anderen Seite leuchtete in sattem Grün die Mariä-Entschlafens-Kirche weiß, mit einem Büschel kleiner Kuppeln, und jede Kuppel reckte sich mit ihrem eigenen Kreuz ganz für sich zum Himmel.
Über dem Eingang zu ihrem Keller stand auf einem Schild: „7. HIMMEL“.
Der Salon schien sich in den Hinterhöfen zu verstecken, lag in Wirklichkeit aber strategisch günstig: Das Viertel war nicht ohne, obwohl es grün, leer, staubig und verschlafen wirkte. Unter seinem Deckel verflochten sich die verschiedensten Drähte des Wologdaer Lebens zu einem Knäuel, und in diesem Knäuel verwirrten sich – kunterbunt und ohne jede Logik – die Epochen von Wologda und vom ganzen Land, die nach den Straßen benannt waren.
Die Mariä-Entschlafens-Kirche stand am Ufer einer Promenade, die nicht nach sich selbst, sondern nach irgendeiner Sechsten Armee benannt war; die Uferpromenade der Unbefleckten Jungfrau lag genau gegenüber, auf der anderen Flussseite, und dort stand das Krankenhaus des Innenministeriums. Hinter der Kirche lag die regionale Drogenberatungsstelle, und beim Krankenhaus des Innenministeriums waren niedrige Universitätsgebäude verstreut. Hier gab es auch die Stadtverwaltung und das schmucke Gedenkhaus, in dem Warłam Schalamow entweder geboren worden oder gestorben war, und gleich daneben den riesigen Lenin in einem offenen Mantel, wie bei einem Exhibitionisten, auf einem riesigen Granitsockel, groß wie das Grabmal eines Riesen, und die Kasaner Kirche, die Siegesallee, die Straße des Friedens, die Kirche des heiligen Johannes Chrysostomos, die Maria-Uljanowa-Straße, den Platz der Wiedergeburt, den Komsomol-Park, die Puschkinstraße, die Galkinstraße, Venerologen, Fleischrestaurants, die Migrationsbehörde, Schawarma, Barbershops, Sushibars, Pelmenilokale, ein sandsteinernes Denkmal für die Helden der Revolution, das düstere bronzene Mädchen mit Eis und Kätzchen, „Welt der vergessenen Dinge“, das Café „Gagarin“, das Café „Pariserin“, das Spitzenmuseum, das Unterhaltungszentrum „Spiegelwelt“, die Drogenkontrollbehörde, die Kirche der Heiligen Sosima und Sawwatij und den Wellnesssalon „Siebter Himmel“.
Die Geschichte hatte Wologda mit Namen überschwemmt, wie mit Flusstreibgut, wie mit Schlamm; aus jeder Epoche blieb etwas an einer Untiefe hängen, verfing sich in den größeren Ästen am Flussgrund, setzte sich fest und blieb für immer hier, die Namen wurzelten, ihre Bedeutungen gerieten in Vergessenheit, die Namen einstiger Feinde verwuchsen miteinander, wurden vom Rost zusammengehalten und widersprachen einander in ihrer gemeinsamen Amnesie nicht mehr.
Alle Ämter waren in vorrevolutionären zweistöckigen Herrenhäusern untergebracht, die in Küken-Gelb und schmutzigem Weiß gestrichen waren; alle Kirchen waren ausgebessert, alle Straßen breit, rissig und leer, es gab mehr Bäume als Häuser und mehr Bäume als Menschen, der durchsichtige Himmel begann gleich dort, wo die Baumkronen endeten, und zerzauste Wolken zogen den Wologdanern beinahe über die Köpfe hinweg.
Kristinka tippte ihre Nachricht zu Ende und steckte das Handy in die Tasche. Sie nahm einen Zug und kniff die Augen zu.
„Na, was gibt’s?“, fragte Uljana.
„Also, kurz und gut, er hat mich in den ‚Goldenen Drachen‘ neben dem Dramtheater mitgenommen, den Sushi-Laden, hat dort alles Mögliche bestellt – Philadelphia, California, noch Aal dazu –, und schaut mich ganz stolz an, ob ich wohl zu schätzen weiß, was für ein Wohltäter er ist, hat mir quasi die Schlaraffen-Tafel ausgerollt, und ich hab nur ein bisschen Lachs gepickt, damit ich nicht so abdrehe, soll er ruhig denken, ich sei im Grunde genügsam … Am Ende musste er die ganze Philadelphia selbst aufessen, wäre beinahe geplatzt, aber hat alles restlos aufgegessen, der Arme, da sieht man gleich: schwere Kindheit, immer Hunger. Und dann sagt er so: Ich möchte dich zu einem Spaziergang am Ufer einladen, und ich denke: Als ob mir ein Spaziergang am Ufer gerade noch gefehlt hätte, gleich sehe ich dort lauter bekannte Gesichter und die mich … Und das war’s dann, die Scheiße war perfekt.“
Kristina lachte, und Uljana lachte ebenfalls. Kristina lachte nach Erdbeere, Uljana nach Melone. Vom heruntergekommenen Krankenhausgebäude zog der Geruch nach Karbol herüber, vom Fluss der nach Schlamm.
„Na ja, und sonst? Ist er okay?“
„Was heißt denn ‚okay‘? Weißt du, was er letzte Woche zu mir gesagt hat? Er sagt: Na, sag Bescheid, falls du mal irgendetwas brauchst. Na klar nicke ich, aber ich denke dabei: Was ist das denn für eine Frage? Falls du irgendwann mal vielleicht etwas brauchst … Eine Frau braucht alles und immer! Alles und immer! Und das musst du kapieren, wenn du ein anständiger Mann bist. Du willst doch, dass ich ein Kätzchen bin, dahinschmelze und strahle, aber wo soll ich die Kraft dafür hernehmen, wenn ich von morgens bis abends schufte? Ich will keine Rambo-Frau sein, ich will dahinschmelzen und strahlen! Oder liege ich falsch?“
„Dahinschmelzen und strahlen wäre super“, sagte Uljana mit einem Grinsen.
„Und wie sieht’s bei dir aus? Gibt’s nichts Neues?“
„Nö.“
Uljana schlang die Arme um sich: Ihr war kalt geworden. Im Moment hatte sie nicht die Kraft, ihre Neuigkeiten zu erzählen. Sie wollte weder mitfühlende Seufzer noch Ratschläge noch Anteilnahme; erst musste sie selbst begreifen, was das überhaupt für Neuigkeiten waren.
Das alles war nicht so gekommen, wie sie es sich ausgemalt hatte.
Kurz vor Neujahr war ihr TikTok mit Horoskopen für Steinböcke überflutet worden; mit ihrem Aszendenten im Skorpion versprachen ihr die Sterne tiefgreifende Veränderungen, wundersame Verwandlungen und ein ganz anderes, neues Leben. Uljana verteilte mechanisch Likes, wie hypnotisiert, und TikTok fing sie an, schmeichelte ihr und warf ihr gleich neue bedeutungsschwangere Andeutungen hin: Grauhaarige Tarotlegerinnen und Astrologinnen im Bikini sagten ihr abwechselnd ein Jahr der Transformation voraus.
Und jetzt – es hatte sich erfüllt. Aber auf welche Weise.
Wie viele Jahre hatte sie sich ausgemalt, dass sich eines Tages ein kleiner Mensch in ihr einnisten, sie ganz ausfüllen und alles für sie begreifen würde, während sie ziellos in dieser fauligen Wologdaer Kondensmilch herumtrieb; dass er Uljana den Weg weisen, sie auf die nächste Spielebene, auf die nächste Wirklichkeitsebene bringen würde. Denn auf der jetzigen Ebene hatte Uljana alles begriffen und erwartete von ihr nichts Gutes mehr – ja nicht einmal etwas bloß Interessantes.
Diese Stufe war wie verhext. Hier kam man einfach keinen Schritt weiter. Das Gehalt betrug sechzigtausend, manchmal gab es noch Trinkgeld, aber in diesen schwierigen Zeiten auch nur an eine Gehaltserhöhung zu denken, kam gar nicht infrage. Was konnte man mit diesen, na gut, sagen wir siebzigtausend, wenn man das Trinkgeld mitrechnete, schon anfangen? Miete und Nebenkosten bezahlen, Essen kaufen, ohne sich groß etwas zu gönnen, einmal im Monat irgendein Kleidungsstück, alle zwei Wochen mit den Freundinnen in einer Bar sitzen – einen Cocktail pro Nase –, und ein bisschen was zurücklegen: für einen Fernseher mit größerem Bildschirm, ein angesagteres Handy, das Meer. Ans Meer zu fahren blieb allerdings ein unerfüllbarer Traum, weil das dafür Ersparte jedes Mal irgendwie spontan und völlig sinnlos verprasst wurde. Immerhin konnte sie sich im Salon freundschaftshalber die Nägel machen lassen und kostenlos ins Solarium.
Wovon lebte Uljana eigentlich? Davon also, schien es, dass sie ihre Arbeit absaß wie eine Haftstrafe, auf den Zahltag wartete und dabei mal von Spitzenunterwäsche träumte, mal von einem neuen Samsung – in Wahrheit aber von sich selbst in Spitze, von einer anderen Uljana, hinreißend und unwiderstehlich verführerisch, oder von sich mit dem neuesten Handymodell, einer tollen neuen Uljana, auf die ganz andere Männer, Männer einer höheren Liga, sofort aufmerksam würden, sobald sie das Gerät im Café auf den Tisch legte. Offenbar lebte Uljana in Wirklichkeit in der zähen Erwartung einer schicksalhaften Begegnung, und all diese Einkäufe brachten sie ihr bloß näher, feuerten das Schicksal an. Sie waren wie Lottoscheine, die man bündelweise kaufen musste, um die Chance auf den Jackpot zu erhöhen.
Doch Tops, Schuhe, Kopfhörer und Handys erwiesen sich allesamt als Nieten: Sie kosteten Zeit und Kraft, aber an Uljanas Leben konnten sie nichts ändern. Unter dem Wust der Dinge blieb Uljana sie selbst, wurde nicht entzaubert, verwandelte sich durch die Kleider nicht in eine Disney-Prinzessin, sondern wurde nur immer saurer und ausgebrannter, während sich die Enttäuschung in ihr staute und sie sich in dem konkaven Kosmetikspiegel immer genauer betrachtete, der jede ihrer ersten Fältchen vergrößerte – und ihre Angst vor den Jahren, die an ihr vorbeisurrten.
Festgefahren.
Festgefahren in dieser unechten Gegenwart, in der Warteschleife, wo die Zeit nervte und es einem nichts ausmachte, sie mit Serienchen und Reels totzuschlagen, sie von Gehalt zu Gehalt, von einem Handymodell zum nächsten durchzuspulen, bis sich darunter endlich das Zaubergerät fand, auf dem sie angerufen und mit dem sie endlich in die Zukunft gerufen würde.
Also. Wie stellte Uljana sich diese Zukunft überhaupt vor?
Na ja … wahrscheinlich wie einen Werbespot, so einen für eine Hypothek. Aus Postern ausgeschnittene Bilder, zu einem Clip montiert: Mama, Papa, ich, alle lächeln. Eine größere Wohnung. Außerdem sollte es einen Hund geben – entweder einen Dackel oder einen Dalmatiner. Familienkuscheln vor dem großen Bildschirm, unter einer Decke. Gemeinsam Urlaub machen, auf einer Insel wie der in ihrem Keller, nur mit knalligeren Farben. Allerlei Niedlichkeit eben. Glück.
Wenn Uljana Paare mit Kinderwagen sah, schaute sie ihnen lange nach, ihr Kopf drehte sich ganz von selbst. So etwas stellte sie sich auch vor: zu dritt im Park spazieren, in der einen Hand ein Eis, in der anderen einen schönen Kinderwagen, und darin gurrte jemand. Ein Junge oder ein Mädchen? Mal ein Mädchen, mal ein Junge.
Und obwohl ihre verheirateten Klassenkameradinnen, nachdem sie aufgehört hatten, sich über ihre Einsamkeit zu beklagen, nach einer kurzen Pause anfingen, sich über ihre Arschlochmänner zu beschweren, und obwohl Uljanas eigener Vater fehlte – erst hatte er sie und ihre Mutter verlassen, dann eine andere geheiratet, dann hatte er sich totgesoffen und war schließlich ganz verschwunden –, diskreditierte das in Uljanas Augen die Idee des Heiratens kein bisschen. Na gut, da gab es vielleicht tausend Beispiele für gescheiterte Ehen, aber was hatten die mit dem Traum vom Kuscheln unter der Decke zu tun, vom süßen Nichtstun mit einem geschäftigen und möglichst wortkargen Ehemann und einem gurrenden Baby? Gar nichts. Das war das wahre Leben, und das hier war ein Märchen. An Märchen musste man doch glauben!
Ja, Uljana wollte das: Was sollte ein normaler Mensch denn sonst wollen?
Aber mit wem sollte das alles sein? Von wem?
Wie soll man das erklären … In manchen Fotostudios standen solche Stellwände – darauf waren Piraten gemalt oder Rotarmisten, und statt Gesichtern gab es runde Öffnungen, in die man den Kopf stecken und sich so fotografieren lassen konnte. Uljana hatte ihre eigene solche Stellwand immer dabei. Sie selbst war darauf glücklich und schön gemalt, neben ihr zwei Gestalten, eine männliche und eine kindliche – frei, gesichtslos. Wenn sie anfing, sich mit einem Typen zu treffen, setzte sie ihn dort ein. Manchmal schien es ganz gut zu passen, sie sahen zusammen gut aus. Dann lief gelegentlich eine schwarze Katze zwischen ihnen durch, und Uljana musste den Kandidaten aus der Stellwand herauspulen und auf den Müllhaufen der Geschichte werfen. Manchmal blieb der Kandidat mit dem Kopf stecken, ließ sich nicht ablösen, die glückliche Stellwand riss in Stücke, Uljana weinte, aber mit der Zeit klebte sie die Risse in ihren verträumten Bildern irgendwie wieder zu, gewann ihren Glauben an die Liebe und an die Möglichkeit einer glücklichen Zukunft zurück und führte einen neuen, vorerst interessanten und vielversprechenden Typen an der Hand zu ihrer Stellwand – zur Anprobe. Und obwohl in Disneyfilmen und türkischen Serien viel davon die Rede war, man müsse auf den Einzigen, den Auserwählten warten, passten viele in Uljanas Glücksstellwand.
Saschas abstehender Schopf passte sogar durch diese Öffnung.
Uljana ließ Kristinka vor sich in den Keller gehen und blieb selbst noch oben stehen – unten hatte sie schlechten Empfang. Sie zog noch einmal an der Erdbeere, entsperrte das Display und öffnete die Liste der letzten Anrufe. Dort führte eine Reihe unbeantworteter Anrufe von Uljana nach unten, wie eine Leiter aus Klammern in die Tiefe eines Brunnens: „Sascha, Sascha, Sascha, Sascha, Sascha – Kommandeur Alex. Serg., Sascha, Sascha, Rostow-Morg, Dimon Freund Saschas Armee, Wehrkommissariat, Sascha, Sascha …“
Dieser Brunnen hatte keinen Boden.
Mit der Fingerspitze, damit der lackierte Nagel nicht störte, tippte sie auf den obersten Sascha. Wieder zog es ihr den Bauch zusammen: Würde jetzt gleich das Urteil verkündet? Aber natürlich piepte es nur, dass der Teilnehmer nicht erreichbar sei. Sie waren alle unerreichbar geworden – Alexej Sergejewitsch, Dimon und auch Marat, Saschas anderer Kamerad. Irgendwohin waren sie gegangen, in ein Land, in das keine Radiowellen drangen und aus dem kein Licht kam. In ein schwarzes Loch.
Sie dachte daran, noch einmal in der Leichenhalle anzurufen, brachte aber nicht mehr den Mut dazu auf. Sie paffte noch ein bisschen an der Kippe – ein, aus, ein, aus, schnell wie ein Taucher vor dem Abtauchen, nur dass sie sich nicht mit Sauerstoff, sondern mit Ruhe versorgte – und ging nach unten.
„Er geht nicht ran“, sagte sie zu Kristinka, die stumm fragte.
Kristinka schwieg einen Moment, kam herüber und legte den Arm um sie. Dabei hätte sie es belassen sollen, aber Kristinka konnte nicht aufhören.
„Ehrlich gesagt verstehe ich nicht“, platzte sie heraus, „wie du ihn überhaupt hast gehen lassen?“
Uljana erstarrte sofort.
Die Wahrheit war, dass niemand Uljana gefragt hatte, ob Sascha einen Vertrag unterschreiben sollte. Es war einfach passiert: Eines Tages war er gekommen und hatte gesagt, er habe beschlossen, zu gehen. Sie waren damals seit einem halben Jahr zusammen, beinahe sieben Monate. Lange genug, um Sascha in die Stellwand ihres Familienlebens einzupassen und festzustellen, dass es im Grunde passte. Es war zwar nicht gerade Liebe wie in den Serien, aber so eine Liebe hatte Uljana seit der zehnten Klasse nicht mehr erlebt. Na ja, sie hatte sich schnell auf Sascha eingestellt; er übernachtete oft bei ihr, seine Zahnbürste hatte bei ihr ihren festen Platz, alles lief darauf hinaus, dass sie ganz zusammenziehen würden. Nach betrunkenem Sex hatten sie sogar mal die Hochzeit angesprochen, wenn ihnen das Hirn schmolz. Es gab Hindernisse, aber Uljana ließ alles laufen, und Sascha nahm diese Hindernisse auf seine sanfte Art nicht frontal, sondern umschiffte sie. Man musste ihn nicht zu den nächsten Schritten zwingen, nicht an unsichtbaren Fäden ziehen – in dieser Geschichte schien alles von selbst voranzugehen, und deshalb entspannte Uljana sich.
„Was hätte ich denn machen können?“, sagte Uljana.
Sie betrachtete ihr Leben überhaupt wie einen Film.
Sie fuhr als Passagierin mit. Die Ereignisse widerfuhren ihr, sie nahm sie hin, stimmte ihnen zu oder nicht, wunderte sich manchmal, weinte manchmal, lachte manchmal. Doch der Gedanke, dass sie hier oder dort das Steuer packen und woanders hinlenken könnte – nicht dorthin, wohin es sie trug –, kam ihr nur selten. Und wenn sie als Teenager noch geglaubt hatte, man könne hier Gas geben und dort auf die Bremse treten, dann hatten die fünfzehn Wologdaer Jahre seither ihr ein anderes Gefühl eingeimpft: dass unter den Rädern ewiges Glatteis lag, von dem man nicht herunterlenken und auf dem man nicht anhalten konnte. Man konnte nur erraten, wohin es einen schleudern würde – mit Horoskopen oder Wahrsagerei herumtasten oder in der Kirche eine Kerze für das gewünschte Ergebnis anzünden. Mehr hing nicht von Uljana ab. Und besonders in den letzten vier Jahren, seit die SVO ausgerufen worden war.
Dinge wie die SVO waren für Uljana zu groß. Was konnte ein Mensch da schon tun? Nichts. Man musste das nicht einmal hinnehmen und sich damit abfinden; es war wie ein Tsunami, wie eine Supernova oder das Erlöschen der Sonne: Ob du es hinnahmst oder nicht, niemanden interessierten deine Gefühle.
Und doch machte Uljana sich Vorwürfe, weil sie zugelassen hatte, dass Sascha in den Krieg ging. Sie tadelte sich dafür, dass sie sich so schnell damit abgefunden hatte, nicht lauter geweint und sich nicht schon vorher eine Schwangerschaft ausgedacht hatte, noch vor der echten Schwangerschaft – um sein Mitleid zu erregen und ihn aufzuhalten. Und jetzt, da sie mit Saschas Kind in sich zurückgeblieben war – allein, ganz allein mit einer Entscheidung, die allein zu treffen so furchtbar war –, machte sie sich noch mehr Vorwürfe deswegen.
Warum hatte sie es zugelassen?
Weil sie Zweifel bekommen hatte: Was, wenn das doch nicht das Richtige war? Wenn er nicht der Richtige war? Und sie hatte beschlossen, alles wie gewöhnlich einfach laufen zu lassen.
„Ich hätte meinen niemals hergegeben“, schüttelte Kristinka den Kopf.
„Weißt du was?“, sagte Uljana da zu ihr. „Meinen! Leg dir erst mal eine vernünftige Beziehung zu, statt nur zu ficken, und dann kannst du mir Ratschläge geben! Du Fotze mit Ohren.“
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Tatjana wollte ihr nicht aufmachen, aber so zu tun, als wäre niemand zu Hause, war inzwischen zu spät, und Uljanka auf der Treppe stehen zu lassen, wäre nun wirklich nicht die feine Art gewesen. Tatjana fluchte, warf dem hinter Glas stehenden Saschka einen wütenden Blick zu: Na, sieh mal einer an, mit wem du dich eingelassen hast! – und stapfte zur Tür, um aufzuschließen. Vitalja wollte sich vordrängeln, aber Tatjana scheuchte ihn mit einer einzigen Bewegung zurück. Vitalja hatte ja nichts gegen Uljanka, der Dummkopf.
Auch Tjoma, der jüngere Sohn, tauchte auf, um zu sehen, wer gekommen war. Er stand da und kratzte an einem Pickel am Kinn herum.
„Hol dir gefälligst dein Tablet, da, wo ich das Bügelbrett versteckt habe, und lass dich nicht aus deinem Zimmer blicken!“, befahl Tatjana ihm.
Er freute sich und rannte spielen.
Uljanka stand im Türspion, zusammengesunken, den Blick aufs Handy gesenkt, doch während Tatjana am Schloss herumfummelte, hatte sie sich aufgerichtet – und sah nun von oben auf die Hausherrin herab, aus ihrer giraffenhaften Höhe. Sie war erstaunlich schick angezogen, als wollte sie in die Kirche.
„Guten Tag, Tatjan-Nikolajewna.“
„Na, hallo.“
Sie stand in der Tür, doch Tatjana beeilte sich nicht, sie hereinzubitten. Erst musterte sie sie, scannte sie mit Röntgenblick. Sie musste herausfinden, weshalb Uljanka gekommen war, was sie mit in ihr Haus brachte.
„Ich wollte reden.“
„Wir wissen nicht mehr als du“, warnte Tatjana sie. „Morgen gehe ich zum Wehrkommissariat.“
„Darum geht es nicht. Na ja, also, auch darum …“
Da überkam Tatjana eine schwere Vorahnung. Hoffentlich würde auf dem Röntgenbild nicht das auftauchen, was sie befürchtete.
„Na gut. Komm rein. Aber zieh die Schuhe aus.“
Uljanka gehorchte, schlüpfte aus den Schuhen und sah sich um, während sie in die Küche ging.
„Renoviert ihr?“
Tatjana deutete auf einen mit Farbe bekleckerten Hocker, selbst setzte sie sich auf einen anderen, damit sie Uljanka auf Augenhöhe war. Tee bot sie nicht an, damit sie sich nicht erst mit unnötigem Gerede aufhielten.
„Na?“
„Ich … Ich habe … Also. Kurz gesagt, ich bin schwanger.“
Als hätte jemand die Vorhänge zugezogen – so wurde es Tatjana vor Augen dunkel. Das Blut schoss ihr in den Hals, ihre Wangen brannten sofort in einer unheilvollen Hitze, und der Kopf begann zu pochen. Sie wartete, sagte nichts, bis es nachließ, damit sie sich keine Schwäche anmerken ließ.
„Zeig her.“
„Was denken Sie denn, soll ich den Test etwa mit mir herumschleppen?“
Tatjana überlegte: Glauben oder nicht? Auch Uljana saß rot da, die Augen huschten umher.
„Wann hast du es erfahren?“
„Na, gerade eben.“
„Warum hast du so lange gewartet?“
„Na ja, mein Zyklus ist generell unregelmäßig. Dann war es ganz … Da hab ich einen gemacht.“
„Ihr Zyklus ist unregelmäßig … Na so was.“
Tatjana fiel es schwer, sich weiter zu beherrschen: Sie konnte und wollte nicht schauspielern. Sie war es gewohnt, gleich geradeheraus zu reden, statt um den heißen Brei herumzureden. Theater sollten solche Schabracken machen wie diese hier.
„Und was hast du vor?“, sagte sie hart und deutlich, damit Uljanka möglichst schnell selbst begriff, was sie mit ihrer Schwangerschaft tun sollte.
Uljanka sah Tatjana verwirrt an.
„Wie meinen Sie das?“
„Wie mit der Tragbahre.“
Uljanka begriff, runzelte die Stirn, brummte etwas; offenbar raffte sie einen Rest Entschlossenheit zusammen, richtete sich auf und ragte über Tatjana auf.
„Wie können Sie so etwas sagen? Das ist immerhin Saschas Kind. Ihr Enkel.“
„Wer weiß.“
„Wie bitte – wer weiß?!“
Bis dahin hatten sie geflüstert, doch jetzt sprach sie laut, kreischte beinahe. Von dem Kreischen schaute der besorgte Vitalja aus dem Flur herein und reckte den Hals. Er hatte gelauscht, der Drecksack, ganz bestimmt hatte er gelauscht.
„Verschwinde hier!“, befahl Tatjana ihm. „Geh dich bei dir drüben verbrennen und misch dich nicht ein!“
Vitalja zuckte erschrocken zurück und verschwand.
„Willst du mir etwa die Heilige vorspielen? Hör mal“, Tatjana konnte Uljanka auch von unten mit den Augen grillen, aufstehen musste sie dafür nicht, sollte sie ruhig stehen bleiben, der Wachturm. „Die Verwalterin von einem Fickschuppen … Und du bist selber bestimmt auch so eine! Solange Saschka sich mit dir amüsiert hat, war das für einen Jungen normal, da hab ich ja noch, na gut, den Mund gehalten …“
Saschka beobachtete sie aufmerksam in allen drei Erscheinungsformen und hörte dem Gespräch zu. Das betraf schließlich auch ihn. Na, dann sollte er eben zuhören. Er hatte sich mit einer Schlampe eingelassen und wollte sie obendrein beinahe noch heiraten. Und glaubst du etwa, sie lässt nur dich ran? „Da gibt’s auch noch gutes Trinkgeld.“ Wofür, glaubst du Trottel, steckt man ihr wohl Trinkgeld zu? Du bist ein Klotz, ein Klotz. Du selbst hattest nicht genug Verstand, das zu kapieren, jetzt muss Mama es für dich richten. Das ist nicht deins, mach dir keine Sorgen! Für deins ist es sowieso längst zu spät.
„Sie haben doch überhaupt nicht den Mund gehalten, oder meinen Sie, ich weiß das nicht?!“
„Na schön, hab ich eben nicht. Aber das ist was anderes. Sich amüsieren ist das eine, und das andere … Kurz und gut: Ich lasse dich nicht in unser Haus!“
„Das ist Ihr Kind, Ihr Enkel! Wie können Sie nur so ein Miststück sein?“
„Schluss jetzt. Raus mit dir!“
„Wie soll ich ihn denn großziehen?“, spielte Uljanka wieder die Dummchen.
„Ach, Liebes. Da. Da haben wir’s!“
Tatjana nickte zufrieden: Uljanka zum Reden zu bringen, war nicht schwer gewesen.
„Was soll das heißen, da haben wir’s?“
„Nichts. Du hast nur eins im Kopf, nur Geld. Das war schon immer so. Raus jetzt, hörst du? Marsch!“
Jetzt sprang auch Tatjana selbst auf, um Uljanka mit ihrer riesigen, schweren Brust wie mit einer Bulldozerschaufel zusammenzuschieben und aus ihrem Haus zu fegen.
Doch Uljanka klammerte sich am Tisch fest, starrte Tatjana an, wies mit ihrem langen Kinn auf die drei Fotos von Saschka und sagte wie eine Schlange:
„Warum hast du ihn überhaupt dorthin geschickt? Wegen dir ist ihm das passiert … Und jetzt bin ich auch noch allein …“
Ihre Stimme zitterte, als wäre sie kurz davor loszuheulen. Doch sie hielt sich zurück, weinte nicht, und gerade deshalb machte sie Tatjana noch wütender.
„Hör auf, Unheil zu krähen, was kräht du da? Was soll das heißen, ihm ist ‚das‘ passiert? Was soll das heißen?! Ihm geht’s gut! Hast du gehört?! Du wirst ihn mir hier nicht für tot erklären, du verfluchte Schlampe, du elendes Miststück! Meinen Sohn!“
Sie stieß Uljanka gegen die Brust, traf aber den Bauch, dann packte sie sie am dünnen, bläulichen Handgelenk und riss daran, um sie vom Tisch loszureißen. Doch Uljanka ging schon von selbst, hatte endlich Angst vor ihr bekommen. Sie lief sogar voraus, als hätte sie selbst beschlossen, sie zu verlassen, statt von Tatjana hinausgeworfen zu werden. Hastig versuchte sie, ihre knochigen Beine in die Schuhe zu stecken und traf nicht gleich hinein. Vitalja beobachtete aus dem Zimmer mit kläglicher Miene, wie Uljanka hinausgeworfen wurde.
„Er ist schließlich losgezogen, um das Vaterland zu verteidigen! Ist das klar? Wie im Großen Vaterländischen Krieg! Was weißt du schon davon, du Schabracke!“
„Und wo ist denn der Große Vaterländische Krieg, und wo ist das hier?!“, rief Uljanka noch von der Treppe, und da knallte Tatjana ihr die Tür vor der Nase zu.