Dmitri Gluchowski · Registrierung
11.
Ihre Frikadellen waren trocken, aber Maxim kritisierte sie nicht, sondern würgte sie gehorsam hinunter: Das war nun einmal der Preis für die Versöhnung. Und die Gespräche plätscherten weiter leer und gesellschaftlich dahin – erst ein Update zu den Zahlen der vom Hurrikan umgestürzten Bäume und der von ihnen erschlagenen Menschen, dann Wochenendpläne, dann Urlaubsträumereien und so weiter; sie tanzten um den Krater herum, der sich gestern Abend in ihrer Küche aufgetan hatte, um den schwarzen Abgrund ohne Boden.
Dass Marina ihn bei diesem Tanz so eifrig vom Rand fernhielt, ließ Maxim die ganze Zeit an das schwarze Loch denken. Uljana saß noch immer in ihrem Zimmer, aber er wollte nicht nach ihr fragen, wollte sie nicht in die Küche rufen. Als wäre heute gar nicht heute, sondern vorgestern, bevor sie in ihr Leben getreten war.
Doch schließlich waren alle Frikadellen durchgekaut, Marina nahm ihm die leeren Teller ab und begann, die Spülmaschine ordentlich und ohne Geklapper einzuräumen – und da sagte sie, ohne sich zu Maxim umzudrehen:
— Kannst du dir das vorstellen? Im Krankenhaus erpressen sie Uljana um Schmiergeld.
Er schwieg, und Marina stellte weiter Teller hinein: sorgfältig, die großen getrennt von den kleinen, die Tassen ins obere Fach, Gabeln und Messer in den eigens dafür vorgesehenen Korb. Und obwohl der Whisky Maxim schon auf den Arm genommen hatte, ihn sanft zu schaukeln und in den Schlaf zu wiegen begann, erkannte er durch die anrollende süße Schläfrigkeit hindurch erst das eine kleine Eisenteil, aus dem Marina offenbar das abendliche Gespräch zusammensetzen wollte, dann ein zweites und schließlich ein drittes.
— Kann ich mir vorstellen, — schnaubte er. — So ungefähr stelle ich mir das Ganze auch vor.
Das alles fügte sich zu einer verständlichen Konstruktion zusammen: der Whisky, die Frikadellen, die Nichtssagereien, dieses ganze Vorspiel; Marinas ausgedachte Dramaturgie des Abends zeichnete sich ab. Die Ränder der Grube bröckelten wie die Falle eines Ameisenlöwen. Maxim schob sein Glas weg.
— Wie viel verlangen sie?
Das erste Gefühl war Triumph. Triumph darüber, dass er recht gehabt hatte – gestern und überhaupt. Sie locken einen, zermalmen einen, verstümmeln einen, und behandeln wollen sie einen nur gegen Geld – gegen dasselbe Geld, mit dem sie einen verführt haben. An Eleganz ist das kaum zu überbieten. Fast völlig abfallfrei – nur die abgetrennten Arme und Beine landen auf dem Müll. Na bitte, damit war der Streit von gestern entschieden, das Leben selbst hatte den Schlusspunkt gesetzt.
— Eine Million. Und sie hat nur noch sechsundzwanzigtausend.
Dass sie das Geld nicht von Uljana, sondern von ihm und Marina wollte, begriff Maxim sofort. Natürlich hatte es ihn erst einmal gepackt – rein reflexartig, ein kleiner Anfall von Feigheit, aber kaum hatte er ihn in sich bemerkt, hatte er ihn schon überwunden. Diejenigen, die schwächer waren als er, tat er ihm leid – und oft half er ihnen auch ganz konkret. Es war eine beträchtliche Summe, aber nicht ihr letztes Geld. Einatmen, ausatmen, die Faust öffnen.
— Wofür? Für die Operation? — fragte er. — Für die Reha?
Man konnte noch Mitleid mit ihr haben, mit Uljana. Man konnte ihr verzeihen. Gerade weil der Staat sie zu zermalmen versuchte, ihr alles wegnehmen wollte, musste man ihr die Hand reichen und sie unter der Dampfwalze hervorziehen. Er erinnerte sich daran, wie er sie gestern fast hatte lieb gewinnen können, bevor der Streit wegen des Fernsehers ausgebrochen war. Und zum Teufel mit der Million. Na gut, eine Million. Zehntausend Euro, etwas mehr. Man konnte sie geben und musste nichts dafür verlangen – eine Gegenleistung zu fordern wäre kleinlich und unwürdig. Schließlich mussten wir uns doch irgendwie von denen unterscheiden.
— Das ist nicht für die Behandlung. Sie stellen die Bescheinigung nicht ohne Schmiergeld aus.
— Was?
— Sie weigern sich, die Ehe zu registrieren.
Das brachte ihn durcheinander: Wieso sollte eine Eheschließung plötzlich eine Million kosten? Das war doch kein marktüblicher Preis. Für ein Leben konnte man so viel verlangen, aber für eine Hochzeit?
Marina drehte sich endlich zu ihm um. Ihr Gesicht war abwesend. Maxim runzelte die Stirn, fragte aber nicht nach Hinweisen. Sie wartete darauf, dass er selbst darauf kam.
— Er ist wirklich schwer krank, er könnte sterben, — fuhr sie schließlich fort. — Dabei hat sie eigentlich das Recht, sich noch am selben Tag registrieren zu lassen, an dem der Antrag eingereicht wird. Für Teilnehmer der SVO gibt es so ein Gesetz …
— Entschuldige, was? — Das traf Maxim wie ein Schlag. — SVO? „S-we-O“? So nennen wir das jetzt also auch, ja?
— Leg nicht jedes Wort auf die Goldwaage, Maxim. Das ist ihre juristische Formulierung … Wie soll ich es denn deiner Meinung nach nennen? Teilnehmer an Kriegshandlungen?
— Das ist keine juristische Formulierung, Marina. Das ist eine propagandistische Formulierung. Wir haben doch darüber gesprochen, erinnerst du dich nicht? Nicht nur einmal.
— Ich erinnere mich, — sie verdrehte die Augen. — Ja, ich erinnere mich. Dass sie uns zwingen, es „SVO“ zu nennen, weil sie unser Bewusstsein über die Sprache programmieren … Dass sie nur erlauben, darüber in den von ihnen vorgegebenen Begriffen zu sprechen … Dass sie uns zwingen, das zu akzeptieren … Uns markieren … Uns in die Eigenen und die Fremden aufteilen … Unsere Loyalität prüfen. Denn wenn wir einverstanden sind, den Krieg „SVO“ zu nennen, akzeptieren wir damit sozusagen schon, dass er normal ist. Richtig? Stimmt alles? Maxim, könntest du mich ausreden lassen?
— Ich lasse dich ausreden, wenn du den Krieg Krieg nennst.
— Gut. Kriegsteilnehmer.
— Danke, — zischte Maxim.
— Jedenfalls … Gestern haben sie sie abgewiesen und sich auf Überlastung berufen, und heute verlangen sie schon Schmiergeld. Die reinsten Erpresser! — Marina sah ihn fragend an.
Und da begriff er es. Es wurde ihm klar, und dann brach alles über ihn herein. Als Kind hatte er einmal mit seinen Eltern das Puppentheater besucht, das von Obraztsow. Und irgendwann fiel das Licht so ungeschickt, dass die Fäden aller Marionetten aufblitzten.
Maxim pulte an einem Fleck auf der Tischdecke herum, um sich im Zaum zu halten, um nicht wieder in den Streit von gestern hineinzurutschen. Es gelang ihm nicht.
— Ach! — sagte er lang gezogen. — Sie ist also hergekommen, um zu heiraten, oder was?
— Was ist denn daran so schlimm? Sie ist schwanger, Maxim! Ja, sie ist hergekommen. Was bleibt ihr denn sonst übrig?
— Verstehe.
Er nahm sein Glas und trank einen Schluck. Der Eiswürfel klirrte leise gegen das Glas. Seine Hand zitterte, begriff Maxim.
— Es geht also um das Sterbegeld?
— Maxim …
— Das hast du wirklich schön eingefädelt, Marina.
— Das stimmt nicht! Ich bin ehrlich zu dir, Maxim! Du weißt doch, dass ich Manipulationen hasse …
— Schon gut. Schon gut, ist egal.
— Nein, jetzt hör zu. Ich hätte übrigens selbst hingehen und das Geld von meinem Konto abheben können. Aber ich fand, das wäre nicht ehrlich … Nicht richtig. Solche Entscheidungen müssen wir gemeinsam …
— Genau! — schrie er. — Genau! Solche Entscheidungen! Du ziehst mich da mit rein! Sie hat dich mit reingezogen, und du ziehst mich mit rein!
— Maxim. Es geht doch nicht darum, ihr das einfach so … Wir würden ihr das Geld nur leihen … Und sie würde es uns zurückgeben, sobald sie könnte … — Marina stockte.
— Das ist doch völlig egal! Darum geht es doch gar nicht! Ihr das Geld dafür geben und es ihr dann wieder abnehmen? Von ihrem Sterbegeld?!
Er sprang auf.
— Ich will nicht! Ich werde mich daran nicht beteiligen, hörst du?! Hör auf, mich so anzustarren! Mein ganzes, ganzes Leben lang habe ich mich mit Mühe, du weißt selbst, mit welcher Mühe, so eingerichtet und alles so organisiert, dass ich mich nicht mit diesem Dreck beschmiere! Und du schlägst mir vor – was?! Schmiergeld zu zahlen, damit dein Püppchen das Sterbegeld für ihren Verlobten kassieren kann?! Nein, Marina! Nein! Weder von unserem Konto noch von deinem! Nein, nein und nochmals nein! Ich mache da nicht mit! Klar? Und damit ist dieses Gespräch beendet!
— Sie ist schwanger! Schwanger, Maxim! Sie braucht das Geld! Wie soll sie das Kind großziehen?!
— Schwanger?! Bist du überhaupt sicher, dass sie schwanger ist?
— Maxim …
— Was denn?! Mich würde inzwischen gar nichts mehr wundern!
— Hör auf, ich bitte dich. Lass uns wenigstens die Tür zumachen …
Aber es war zu spät. Uljana stand in der Tür. Ihr Gesicht war weiß. Die Arme vor der Brust verschränkt.
— Soll ich euch etwa den Ultraschall zeigen? — sagte sie. — Na, Onkel Maxim?
— Ich brauche deinen Ultraschall nicht! Was hat der Ultraschall überhaupt damit zu tun?!
Scham übergoss Maxim für einen Moment wie heißes Wasser, dann kam sofort die böse Freude darüber, dass wenigstens dieser Abszess endlich aufbrechen würde.
— Und was hat überhaupt irgendwas damit zu tun? — sagte Uljana tonlos.
— Hör mal, Uljana … Ich wollte dir das alles nicht sagen … Vielleicht hat Marina tatsächlich recht, und du bist hier einfach ein Opfer der Umstände …
— Na los, sagen Sie schon, wenn’s schon sein muss.
Sie trat in die Küche und stellte sich Maxim entgegen – sie war genauso groß wie er. Knochig, blass, die Augen wie Kohlen, die Kiefer mahlten. Maxim wich vor ihr zurück wie vor einem Magneten mit dem gleichen Pol.
— Du kannst doch nicht nicht verstehen, was das für Geld ist.
— Was ist das denn für Geld?
— Na das. Das ist Geld für den Mord an Menschen. Für den Mord an Ukrainern. Und du willst dir dieses Geld unter den Nagel reißen.
— Maxim, bitte! Jetzt bist du schon wieder auf die Barrikaden gegangen …
— Ich bin auf keine Barrikaden gegangen, Marina!
— Das ist Krieg, Maxim! Da kämpfen zwei Seiten gegeneinander! Alle schießen aufeinander! So einfach, wie du es darstellst, ist es nicht … Die schießen dort auch auf uns … Dort sind alle Opfer …
— Auf uns? Auf wen bitte schießen sie auf uns?
— Na, auf uns, — antwortete Uljana. — Auf unsere Leute.
— Einen Moment. Auf uns? Wir hier, zu Hause. Auf uns schießt niemand. Weil wir nicht auf sie schießen. Weil wir niemanden umbringen wollen. Und dieses Geld ist genau fürs Töten! Das habe ich gesagt und das sage ich wieder! Und sie will es sich aneignen! So eine Art Erbe, verstehst du?!
— Und? — sagte Uljana kalt.
— Wie, und? — fragte Maxim verdutzt.
— Na und, wenn es ein Erbe ist? Ich werde ihm einen Sohn gebären. Na und, ein Erbe, ja.
— So ein Erbe?!
— Was es eben gibt.
— Was redest du da für einen Scheiß?! Begreifst du überhaupt, was du da redest?! Schluss jetzt, hau ab! Lass uns in Ruhe! Geh zur Bank, ich weiß nicht, nimm einen Kredit auf und zahl mit dem Geld, was du willst! Das ist deine Sache, aber zieh uns da nicht mit rein!
— Wer soll mir denn einen Kredit geben … Wollt ihr mich verarschen, oder was?
— Ich weiß es nicht! Ich will es nicht wissen! Das geht mich nichts an und darf mich nichts angehen!
— Wenn euch das Geld leid tut, hättet ihr das einfach sagen können, — Uljana lächelte.
Maxim machte einen Schritt zurück – er stand fast dicht vor ihr. Er zitterte, vor Wut wurde seine Stimme zu einem heiseren Krächzen.
— Du wohnst bei uns, in meinem Haus, und sagst mir so was?! Du bist wegen des Sterbegeldes hierhergekommen! Du bist hergeeilt, um ihn zu begraben, deinen Sascha! Wegen des Geldes, der Kohle, der Kohletten! Wegen der sechs Millionen oder wie viel auch immer, die er dort verdient hat, indem er Leute abgeknallt hat! Wegen des Preisgeldes! Damit für dich auch was abfällt! Wird dir von dir selbst eigentlich nicht schlecht?! Ich weiß langsam nicht mehr, wer von euch beiden schlimmer ist – er oder du!
— Maxim! Warum wirst du persönlich … Maxim!
Marina fing an zu weinen, aber ihre Tränen machten Maxim nur noch rasender – mit diesen Tränen wollten sie ihn aufweichen, wollten ihm Schuldgefühle injizieren, damit er innerlich weich wurde; und er, in die Enge getrieben, spürte, dass er die Kraft hatte, sie zu schlagen. Und den Wunsch dazu.
— Und du bittest ausgerechnet mich, mich um das Geld! Das, was er für die nicht bekommen hat, die er nicht mehr töten konnte – das willst du dir vom Staat holen, und dann sollen wir dir auch noch dabei helfen, ja?
Marinas Tränen änderten nichts, bewirkten nichts. Er wollte, dass Uljana auch losheulte. Vielleicht wäre ihm dann ein wenig leichter ums Herz. Vielleicht würde er sie dann nicht mehr hassen. Vielleicht würde sich dann wenigstens seine Kehle wieder öffnen.
• • •
Die da in der Küche haben so laut gebrüllt, dass man gar nicht richtig lauschen musste. Ich hielt’s aus und hielt’s aus – und dann hielt ich’s nicht mehr aus. Wie immer, kurz gesagt.
Na, jedenfalls stand er jetzt vor ihr und spuckte ihr seine Speicheltropfen ins Gesicht, und Uljana hatte eine Antwort parat, eine gute, feste und schwere Antwort, wie ein Schlagring. Sie hielt die Hand mit dem Schlagring nur noch in der Tasche, wartete: Würde er aufhören oder nicht, wie Tante Marina ihn gebeten hatte?
Und jetzt prallte alles, was er ihr ins Gesicht schleuderte, an ihr ab. Nichts davon war neu. Es war sogar gut gewesen, das alles zu hören, besser von Onkel Maxim als von sich selbst. Er war ganz verschwitzt, so sehr hatte er sich ins Zeug gelegt, und Uljana hatte ihre Wut bewahrt. Tief in ihr stieg dunkle Freude auf. Wenn er nachgegeben hätte, hätte auch sie nachgegeben. Aber er wollte nicht, also wollte sie auch nicht. Und nun, da Onkel Maxim ihr sein ganzes Inneres vor die Füße gekippt hatte, verzog sie keine Miene. Sie sagte ihm alles ganz deutlich.
— Sascha ist nicht deswegen hingefahren. Ich hab’s euch gesagt, ihr habt nicht zugehört. Denn das mit der Kohle, das kommt von euch, Onkel Maxim. Sascha ist hingefahren, weil seine Mutter es ihm gesagt hat. Weil es sein musste. Pflicht, schon mal gehört? Das Land braucht es. Glauben Sie, er hat nicht verstanden, dass dort alles Mögliche passieren kann? Hat er. Und er hat nicht gekniffen. Anders als euer Kirjuschenka.
Und sofort schluckte er alles wieder hinunter, was er hatte erwidern wollen, womit er sich aufgeplustert hatte. Und Uljana, die sich den ganzen Tag lang hilflos gefühlt hatte, spürte in der schweren Faust in ihrer Tasche genau dieses angenehme Gewicht, das ihr so gefehlt hatte. Ohne das sie sich hin und her geworfen fühlte.
— Was meinst du damit?
— Genau das, was ich sage. Als er hier seinen Einberufungsbescheid bekommen hat, was hat er da gemacht? Ist abgehauen, das hat er gemacht. In sein Georgien. Glaubst du, ich weiß das nicht?
— Was geht dich das an … Und was für einen Unterschied macht das überhaupt?! — keuchte er.
— Das geht mich sehr wohl was an. Ihr erzählt mir hier die ganze Zeit, was richtig ist und was falsch … Ist es etwa richtig, dass mein Sascha ohne Beine daliegt, und keiner weiß, ob er überhaupt durchkommt, und selbst wenn, wird er sein Leben lang im Rollstuhl sitzen! Während euer Kirjuschenka da in seinen Clubs herumtanzt, abhängt und die Nächte durchsäuft … Frauen aufreißt. Ist das gerecht?
— Was für ein Unsinn …
— Dabei wurde er einberufen, anders als Sascha! Vielleicht ist er ja anstelle eures Kirjuscha hingegangen …
— Uljana … — Tante Marina griff ihr auf schleimige Weise an den Arm, aber Uljana schüttelte ihre Hand ab.
— Was soll denn daran so schlimm sein?! — kam Onkel Maxim wieder zu sich. — Kirill hat seine Entscheidung getroffen! Er hat entschieden, an diesem Krieg, an diesem Gemetzel nicht teilzunehmen! Und jetzt sollen wir uns deswegen auch noch schuldig fühlen, oder was? Und übrigens sind alle Einberufungsbescheide aus dem letzten Jahr längst aufgehoben …
Doch nun klapperte er schon, bekam Risse und geriet ins Wanken. Und da holte Uljana ihren schweren Schlagring aus der Tasche und verpasste ihm für alles auf einmal einen Hieb:
— Wisst ihr was? Finden wir doch raus, ob sie aufgehoben wurden oder nicht. Ich gehe hin und reiche eine Anzeige gegen ihn ein. Wegen Wehrdienstentziehung. Und gegen euch, weil ihr ihn versteckt. Sollen sie ihn auch holen. Er kann seinen Dienst antreten. Das wäre dann gerecht. Und jetzt könnt ihr euch alle zum Teufel scheren.
Sie sah in sein völlig verdattertes Gesicht, kostete den Augenblick eine Sekunde lang aus, drehte sich um und ging.
— Uljana! Uljanotschka, wohin gehst du?
Erst ging sie in ihr Zimmer, holte ihre Dokumententasche und das Ladegerät und ging dann nach draußen.
— Uljascha, komm zurück! Es regnet!
Scheißegal, dass es regnet.
Nach einer Minute war sie durchnässt, aber das machte nichts: Der Regen fühlte sich weder nass noch kalt an, und der Sturmwind schob sie nur vorwärts; sie war ganz wie ein Segel. Kraft pulsierte in ihr, in ihr saß das klare Wissen, was zu tun war. Sie rannte in ein Café, zog einen Hocker heran, öffnete die KI, ChatGPT.
Auf dem vom Regen nassen Bildschirm begann sie, die wegrutschenden Buchstaben hineinzudrücken.
„Wie verfasst man eine Anzeige beim FSB richtig?“
Wir wissen schon, wie wir euch drankriegen. Danke, Onkel Maxim, dass du dich so offenbart und mir die Idee zugesteckt hast. Ihr habt Schiss – und das zu Recht: Ihr habt Dreck am Stecken.
Der Chat dachte nicht lange nach – keine Sekunde.
„Eine Anzeige beim FSB Russlands wird formlos verfasst, es empfiehlt sich jedoch, einen offiziellen Stil und eine klare Struktur einzuhalten. Die Eingabe kann eingereicht werden:
• Über die elektronische Empfangsstelle auf der offiziellen Website des FSB Russlands
• Per Post
• Persönlich
• Über die regionale FSB-Verwaltung am Wohnort.
Eine Anzeige wird üblicherweise folgendermaßen verfasst:
An die Verwaltung des FSB Russlands für das Gebiet __________. Vollständiger Name, Adresse, Telefonnummer, E-Mail.
ANZEIGE
Ich, vollständiger Name, teile Folgendes mit:
(Schildern Sie kurz und sachlich den Sachverhalt: was geschehen ist, wer beteiligt war, welche Beweise oder Zeugenaussagen vorliegen.)
Ich bitte darum:
• Die genannten Sachverhalte zu überprüfen
• Maßnahmen im Einklang mit den Gesetzen der Russischen Föderation zu ergreifen
• Mich über die Ergebnisse der Untersuchung informieren
Dem Antrag füge ich … bei
Datum, Unterschrift“
Danach riet die KI, ohne überflüssige Emotionen zu schreiben, ganz sachlich. Wenn es Screenshots gab, sollte man Screenshots beifügen, wenn Dokumente, dann Dokumente.
Uljana las es einmal, noch einmal, ein drittes Mal.
Macht: Das war es, was sie fühlte. Ihre Arme und Beine füllten sich mit Macht, mit Blei. Kein Wind konnte sie mehr von der Stelle bewegen. Sie war niemand gewesen, und alle hatten sie einen Scheißdreck behandelt, aber jetzt wurde sie zu jemandem. Jetzt konnte sie sich hinter dem Staat verstecken, hinter einem steinernen Riesen, und nicht nur hinter ihm verstecken, sondern ihm auf die Schulter klettern und ihm ins Ohr sagen: Den da – mach ihn zu Pulver, zerquetsch ihn wie eine Kakerlake unter deiner Ferse, bis nur noch ein feuchter Fleck übrig ist. Und den da. Und den da. Und der Riese würde jetzt auf sie hören, würde sie auslöschen, würde sie zerquetschen.
Das Telefon klingelte: „Tante Marina Moskau“. Uljana drückte sie weg.
Ihr ganzes Leben lang hatte Uljana sich wie Scheiße gefühlt, wie eine Feder, wie ein Nichts – weil sie dieses Geheimnis nicht gekannt hatte. Das Geheimnis, wie man zu einem Menschen wird. Die Macht lag auf der Erde herum, man musste sich nur bücken und sie aufheben. Man konnte auch Onkel Maxim zum Schafshorn drehen, Kirjuscha und überhaupt jeden, wen auch immer. Uljana packte eine böse Schalkhaftigkeit. Allmacht.
Die Nachrichten begannen einzutrudeln: „Uljascha, komm her, lass uns re-den, bit-te.“
Ach ja, Scheiße, gleich.
Sie öffnete die Notizen und fing an, einen Text aufzusetzen.
„Hiermit teile ich mit, dass Savvin Kirill Maximowitsch, nachdem er im September 2022 eine Einberufung vom Wehrersatzamt zum Dienst in der Ukraine im Rahmen der Sonderoperation erhalten hatte, sich der Mobilmachung entzogen hat und nach Georgien geflohen ist. Nachdem er sich einige Monate in Georgien aufgehalten hatte, kehrte Savvin K. M. nach Moskau zurück, wo er sich derzeit aufhält und im Haus seiner Eltern, Savvin Maxim und Savvina Marina, unter der Adresse Moskau, Leninski-Prospekt 37, Wohnung 380, wohnt.“
Als sie bei Tante Marina ankam, wurde sie langsamer. Tante Marina wollte sie nicht mit hineinziehen, dafür reichte ihr der Zorn nicht. Aber es war auch seltsam, in der Anzeige nichts von ihr zu schreiben, als hätte Onkel Maxim ihn versteckt, während Tante Marina danebenstand und nichts tat. Ach, warum sollte sie sie schonen, dachte Uljana für einen Augenblick, die Bullen würden sowieso alles herausfinden, ob sie es nun schrieb oder nicht. Interessant, welche Strafe es fürs Verstecken von Leuten gab, die sich dem Dienst entzogen hatten. Uljana wollte den Chatbot danach fragen, schämte sich dann aber. Dann überlegte sie, was sie ihrer Mutter sagen würde – dass sie Anzeige gegen deren Cousine erstattet hatte? Das würde die Mutter natürlich nicht gutheißen. Sie war wie Tante Marina in erster Linie für die Familie und erst an zehnter Stelle für die Wahrheit. Aber ihrer Mutter musste sie es ja nicht unbedingt sagen.
Das waren schlechte Gedanken, sie machten Uljana wieder schwach, ließen sie erschlaffen. Um sich dabei zu helfen, die Meldung fertigzustellen, erinnerte sie sich wieder daran, wie Onkel Maxim sie angeschrien und Sascha einen Mörder genannt hatte, und vor allem daran, wie er ihre Schwangerschaft angezweifelt hatte. Wenn du mich sowieso für so eine Schlampe hältst, Onkel Maxim, dann bin ich für dich eben auch so eine Schlampe. Da, friss.
Sie googelte die Website des FSB und öffnete die Seite, auf der man Anzeigen erstatten konnte. Sie kopierte den Text aus den Notizen und klickte ins Eingabefeld, um ihn einzufügen. Das war ein erstaunlicher Moment, so etwas hatte Uljana noch nie erlebt. Sie erstarrte und horchte in sich hinein. In ihr wogte Quecksilber, schwer und flüssig. In ihr bebte alles vor Begeisterung. Und sie selbst jagte sich Angst ein. Das war Macht, genau das war es.
Sie hielt den Finger über der Schaltfläche „Senden“.
Uff.
Und dann fiel ihr noch etwas ein.
• • •
In ihren Ohren klingelte es, als hätte man gerade hier geschossen.
Als Uljana die Tür zuschlug, war es, als hätte man Marina den Stecker gezogen. Sie ließ sich auf einen Stuhl fallen, die Augen matt, die Arme schlaff. Mühsam schob sie den Salzstreuer über den Tisch. Als wäre Maxim gar nicht in der Küche gewesen.
„Na, was ist? Was?!“, stellte er sich vor sie. „Worin habe ich unrecht?!“
„Maxim, bist du ein Idiot?“, fragte Marina leise.
„Wie bitte?!“
„Warum hast du diese Szene gemacht? Bist du irgendeine hysterische Zicke?“
„Eine Szene?..“
„Warum fragst du ständig nach? Warum fragst du ständig nach?! Warum hast du ihr das alles an den Kopf geworfen?!“ Sie sah ihn voller Hass an.
„Ich kann meinen Ohren einfach nicht trauen“, erwiderte Maxim nach einer Weile. „Bin jetzt also ich schuld?“
„Warum wirfst du mit solchen Anschuldigungen um dich?“
„Marina! Was für Anschuldigungen? Ich nenne die Dinge beim Namen!“
„Du hast ihn einen Mörder genannt! Woher weißt du, ob er jemanden getötet hat oder nicht?“
„Aber er war doch bereit zu töten? War er das?“
„Du kennst ihn nicht. Du weißt nicht, wozu er dort bereit ist. Warum? Warum?! Es ist Krieg, Maxim.“
„Aber wiederhol jetzt nicht noch einmal diesen ganzen Schwachsinn, ja? Wir wissen, wer diesen Krieg angefangen hat und wer ihn an jedem beliebigen Tag beenden könnte. Du wirst jetzt doch nicht wie all die anderen sagen, dass an einem Krieg immer beide Seiten schuld sind?!“
„Übrigens“, sagte Marina leise, „übrigens, wenn Selenskyj seine Leute so schonen würde, wie wenigstens wir unsere schonen, könnte er einfach abtreten. Er könnte sich unter Sicherheitsgarantien an einen warmen Ort evakuieren lassen, und alles wäre sofort vorbei.“
„Was redest du da für einen Scheiß?!“
„Was denn, stimmt das etwa nicht? Bei unserem ist doch längst alles klar: Ja, ein Tyrann, ja, ein Blutsauger, da kann es keine zwei Meinungen geben. Aber wir wissen schon lange alles über ihn. Ein Krokodil kann nicht rückwärtsgehen. Und er soll verflucht sein dafür, dass er das angefangen hat. Aber die da … Selenskyj. Was ist mit ihm? Kann ihm seine Leute denn wirklich egal sein? Seine eigenen Leute? Was ist das für ein Patriotismus?“
„Hör sofort auf, diesen Unsinn zu reden, ich flehe dich an. Ist dir überhaupt klar, was du da von dir gibst?!“
„Zwei Machos messen ihre Schwänze, und auf beiden Seiten der Grenze sterben Menschen. Menschen, die einfach hätten weiterleben können. Das ist mir klar, Maxim.“
Maxim setzte sich neben sie. Sie wollte ihn immer noch nicht sehen. Sie waren über den losen Sand in eine Grube gerutscht, sie fielen hinunter, so schnell, dass ihnen die Eingeweide bis zum Hals hochrutschten; um sie herum gab es keine Küche mehr, keine Wohnung, nur noch Schwärze.
„Marina. Meinst du das ernst?“, fragte Maxim seine Frau, die Zunge kaum beweglich, als hätte er einen Schlaganfall.
Plötzlich spürte er, dass er sich von ihr scheiden lassen könnte.
„Du hast sie sehr verletzt, Maxim“, antwortete Marina. „Sie wird hingehen und Anzeige erstatten.“
„Ach, die schreibt doch keine Anzeige, Marina! Keine! Das ist alles nur leeres Getue! Weibliche Erpressung! Eine vorgetäuschte Hysterie! Bluff!“
„Wem willst du was vormachen, Maxim?“, Marina schüttelte den Kopf. „Wen willst du hier entlarven?“
„Weißt du …“, sagte er leise. „Du bist irgendwie anders geworden. Nach dieser Ausstellung über Mariupol und … nach diesen verdammten Pflanzkübeln … Da bist du schon anders geworden. Früher hättest du sie nie in Schutz genommen. Und jetzt … Weißt du, warum? Weil du selbst schon mit einem Fuß in diese Sache eingestiegen bist. Du nimmst nicht sie in Schutz, Marina. Genau da in Mariupol ist es mir damals schon aufgefallen.“
Marina richtete endlich ihren Blick auf ihn – die Augen geschwollen, nässend, von einem roten Netz durchzogen. Ihre Lippen zitterten. Sie seufzte, schluchzte und begann wie eine Dorffrau zu wehklagen:
„Begreifst du überhaupt, in was für einer Welt wir leben, Maxim?!.. Du begreifst gar nichts!.. Gar nichts!“
Sie sprang auf, griff nach dem Telefon und rief jemanden an. Sie lief im Flur auf und ab, biss sich auf die Lippe und schrieb Nachrichten – natürlich an Uljana. Dann bemerkte sie, dass Maxim ihr aus der Küche nachsah, und schloss sich im Zimmer ein.
Sie wird es nicht wagen, Anzeige zu erstatten. Gegen Verwandte? Gegen die eigene Familie? Und weswegen – nur weil er ihr alles gesagt hatte, wie es war? Sie weiß doch selbst genau Bescheid, sie hatte ja nicht einmal vorgehabt, etwas abzustreiten. Na, das Erbe. Ein Erbe ist nun mal ein Erbe, was soll’s. Hat er sie etwa verletzt, die Ärmste? Es reicht, überhaupt daran zu denken, das ist lächerlich, einfach lächerlich, bei Gott.
Wie sie über Kirjucha hergezogen war. Und er Dussel hatte gedacht, er käme mit ihr klar, hätte sie für sich gewonnen, sie wären Freunde geworden. „Euer Kirjuschenka.“ Was für eine Schlampe.
Sie wird ihm nichts tun. Wir schreiben schließlich nicht das Jahr siebenunddreißig. Und Sobjanin hatte wirklich erklärt, dass die Einberufungen aus dem Jahr 2022 für alle aufgehoben worden waren, die damals nicht eingezogen worden waren. Irgendwo hatte es eine Meldung gegeben, ganz sicher, sonst hätten sie Kirill niemals die Rückkehr erlaubt.
Maxim rief Kirjucha an – umsonst hörte er sich das Klingeln an. Jeder Klingelton kratzte noch an seinem Trommelfell und drückte noch stärker auf das bebende Fetzchen in seiner Brust. Er wählte noch einmal – dieselbe Geschichte. Er schrieb ihm eine Nachricht: „Wann bist du da?“ und saß wie ein Idiot mit dem geöffneten WhatsApp-Chat da und wartete, bis der sich herabließ, sie zu lesen. Dann fiel ihm ein, dass WhatsApp was für Opas war und Kirjucha eher bei Telegram unterwegs war, also schrieb er ihm dort. Zwei Häkchen erschienen – zugestellt, aber Kirill hatte offenbar nicht vor, irgendetwas zu lesen. Was machst du denn so Interessantes, dass du nicht lesen kannst?
Er hätte sich nicht von seinem Gejammer erweichen lassen dürfen, hätte ihm die Rückkehr aus Georgien nicht erlauben dürfen. Er hätte sich dort ein bisschen die Hörner abstoßen, abhärten und weiterziehen können, nach Europa oder meinetwegen nach Thailand. Nein, hier war es ihm mit Honig bestrichen, in Moskau. Clubs, Weiber … diese Freunde von ihm. Und Karriere? Was für eine Karriere willst du hier schon machen, Träumer, eine gute Karriere können hier nur die Opritschniki machen. Es war doch klar, dass es zu Lebzeiten seiner Generation hier nichts Gescheites mehr geben würde, dass alles kaputt war und sich niemand ans Reparieren machen würde, solange der Zar nicht verschieden war. Nein, verdammt noch mal.
Er rief ihn noch einmal an. Drei verpasste Anrufe, da hätte er doch inzwischen kapieren können, dass sein Vater etwas Ernstes von ihm wollte. Was macht er, fickt er da etwa wirklich gerade?! Selbst wenn er fickt!
Maxim goss sich einen Whisky ein, seine Hand zitterte, er schenkte zu viel ein. Er versuchte, einen Eiswürfel aus der Form zu klopfen – er fiel auf den Boden. Maxim bückte sich und wollte ihn aufheben, doch das Eisstück glitt davon und rutschte schließlich unter die Küchenzeile, wo man nicht mehr herankam. Dort lag es und zog ihn an, machte ihn wahnsinnig. Wie ein Splitter, den der Chirurg übersehen und nicht herausgeholt hatte.
Er begann nach Beweisen dafür zu suchen, dass Sobjanin tatsächlich alle überflüssigen Einberufungen aufgehoben hatte. Er fand eine Oktobermeldung in Kommersant und las sie noch einmal. Ja, am 17. Oktober 2022 waren alle zurückgezogen worden. Die Mobilmachungsstellen in den Moskauer Museen waren geschlossen worden. Gleichzeitig hatte der Gouverneur des Moskauer Gebiets, Andrej Worobjow, die Erfüllung des Mobilmachungsplans verkündet. Na also. Natürlich. Zurückgezogen. Sie soll erpressen, so viel sie will. Er nahm einen Schluck und suchte aus irgendeinem Grund weiter, Gott weiß, warum. Dabei stieß er auf einen Artikelchen bei Meduza, in dem stand, Putin habe die Mobilmachung ausgerufen und nur er habe angeblich das Recht, sie zu beenden, er habe sie aber nicht beendet, also dauere sie offiziell noch immer an – und in manchen Regionen sogar ganz und gar nicht nur offiziell.
Er nahm noch einen Schluck und rief Kirill an. Um den Splitter herum entzündete sich alles.
Dann klingelte es an der Tür. Hartnäckig, unverschämt. Maxim ging öffnen, doch Marina war schon zuerst dort. Sie schaute durch den Spion, richtete sich die Haare und schob ihren Mann von der Tür weg: „Geh weg.“
Uljana kam herein, bis auf die Haut durchnässt. Kein Hallo, nicht mal ein halbes Hallo; sie sah durch beide hindurch, schniefte nur einmal, stapfte mit nassen Füßen ins Wohnzimmer, setzte sich in Maxims tiefen Sessel und schaltete den Fernseher ein. Sie wählte einen Sender: Rossija.
Dort lief wieder dieser Zirkus der Missgeburten, böse Clowns verzogen ihre Fratzen, der Moderator knallte mit der Peitsche. Maxim ging vorbei, aber der Lärm drang bis in die Küche.
„Ich finde, und das ist meine Meinung, dass es völlig in Ordnung ist, sie ‚Chochly‘ zu nennen. Wen nennen wir so? Nicht alle Ukrainer nennen wir so. So nennen wir diejenigen, die auf dem Maidan herumgesprungen sind und ‚Moskal an den Galgen‘ skandiert haben. Diejenigen, die im Donbass acht Jahre lang Kinder umgebracht haben! Die meine ich. Entschuldigung, aber das sind keine Ukrainer. Das sind die echten Choch-ly! Und wir sollen mit denen noch zimperlich sein, oder was? Nein, natürlich nicht! Und wir dürfen kein Mitleid mit ihnen haben!“
Das konnte Maxim sich nicht anhören, und so tun, als höre er es nicht, konnte er auch nicht. Er wollte sich nicht einmischen, hatte vorgehabt, einfach seinen Whisky auszutrinken und dann zu sich zu gehen, aber es ging nicht. Er kam ins Wohnzimmer zurück und holte tief Luft.
„Uljana. Lass uns das bitte in Ruhe besprechen.“
Sie reagierte nicht.
„Da stimme ich zu“, meldete sich der Moderator. „Wie Sie alle wissen, bin ich selbst oft dort, hinter dem Band, ich habe einiges gesehen. Sie töten unsere Jungs, unsere Burschen. Mit Autos, mit Drohnen, kaltblütig.“
„Mach es bitte leiser, und lass uns wie erwachsene Menschen reden“, sagte Maxim ruhig.
Uljana wandte sich zu ihm um, sah ihn gelassen an – und kam seiner Bitte nicht nach.
„Unsere Jungs sagen einfach: Dort ist der Feind“, fuhr der Moderator fort. „Das sind keine Menschen, das sind Feinde. Dort ist alles einfach. Wenn nicht wir sie, dann sie uns. Das ist alles. Und der Rest, wissen Sie, wie mein geistlicher Vater sagt, das ist alles vom Teufel.“
„Uljana?“
Endlich hörte sie ihn. Sie nahm die Fernbedienung und drückte auf eine Taste – der weiße Lautstärkebalken wuchs.
„Genau! Genau!“, brüllte der Experte. „Das ist ein existenzieller Kampf! Sie haben dort aufgebaut … Nicht einmal sie, sondern der Westen hat ihnen dort etwas aufgebaut … samt Biolaboren …“
„Uljana!“
Und sie machte es noch lauter! Jetzt schepperte der Fernseher vor Überlastung. Marina rannte herein, starrte sie an und zog sich zusammen.
„Unser Präsident hat ihre sogenannte Ukraine sehr treffend bezeichnet! Das ist ein künstliches Gebilde! Anti-Russland!“
„Uljana!!!“
„WIR, WIR VERTEIDIGEN UNS! UND WIR HABEN DAS VOLLE RECHT DAZU! DENN WER MIT DEM SCHWERT ZU UNS KOMMT, WIRD DURCH DAS SCHWERT UMKOMMEN!“ Der Fernseher brüllte auf voller Lautstärke, und das Kristallglas im Büfett klingelte als Echo.
„Uljascha … Bitte! Die Nachbarn doch …“, stammelte Marina, aber nur Maxim konnte sie hören; gegen den Fernseher kam sie bei Uljana nicht an.
Maxim machte einen Schritt auf Uljana zu, um seine Frau zu beschützen, doch Marina packte ihn am Arm. Und Uljana – sie stand nicht einmal aus dem Sessel auf, sah von unten zu ihm hoch – blickte ihn nicht einfach nur trotzig, sondern wütend an, mit einem so echten Hass, dass ihm in diesem Moment alles klar wurde: Sie konnte sie ohne Weiteres anzeigen, und womöglich hatte sie es schon getan. Und noch etwas: Maxim würde niemandem irgendetwas beweisen können, denn sie war die Verlobte eines im Rahmen der Sonderoperation verwundeten Soldaten, und er war der Vater eines Wehrdienstverweigerers, der in seiner Buchhandlung auch noch Bücher von ausländischen Agenten verkaufte.
„WISST IHR, WIE SIE UNS NENNEN? UNSERE JUNGS? ORKS! NEIN! WIR SIND MENSCHEN, UND SIE SIND UNMENSCHEN! UND DESHALB IST ALLES, WAS WIR DORT TUN, GERECHTFERTIGT!“
Sein Magen verkrampfte sich. Der Fernseher verschwamm vor seinen Augen. Er musste das alles auskotzen. Sie gab nicht mehr nach. Aber Maxim krümmte sich.
„Schlampe!“, rief er und riss sich los, kaum dass er sich losgerissen hatte.
Er wollte bei Marina Zuflucht suchen, aber sie stieß ihn weg. Sie klebte am Telefon und rief ihre kleine Schwester an, um sich über deren Früchtchen zu beklagen. Doch die weigerte sich, ranzugehen. Vielleicht war sie im Garten, vielleicht sah sie Serien, vielleicht war sie schon schlafen gegangen.
Es wird nichts passieren, sagte Maxim sich. Es soll nichts passieren.
• • •
Auch Tante Marina hielt es nicht lange aus. Ihre Ohren waren alle empfindlich. Sie blieb eine Weile stehen und ging dann. Uljana sah nicht einmal zu ihr hin, es gab dort nichts zu sehen. Und erst als sie begriff, dass sie den verdammten Salon jetzt ganz für sich hatte, wurde es ihr langweilig, dem Fernseher zuzuhören.
Sie saß noch zwei Minuten da und ging dann in ihr Zimmer. Die Talkshow ließ sie auf voller Lautstärke für sie laufen, einfach um zu sehen, was passieren würde. Und noch gut zwanzig Minuten brüllte sie weiter, während sie in ihren Zimmern saßen wie Mäuse und sich nicht herauszutrauen wagten. Mitten ins Schwarze getroffen, ein echter Scharfschützenschuss.
Dann schlichen sie sich herein, das Parkett knarrte leise unter ihren Schritten, und schalteten vorsichtig aus. Doch Uljana widersprach nicht mehr: Bei ihnen war sowieso alles klar.
Aber sie konnte auch nicht einschlafen – vor sich selbst zitterte sie fiebrig. Sie öffnete die Notizen und begann wieder zu formulieren. Und während sie schrieb, kehrte Kirill von seinem Ausflug zurück. Es klingelte an der Tür, jemand ging öffnen.
Danach spielte sich im Flur eine kleine Szene ab. Uljana legte das Ohr an die Tür und lauschte. Zuerst versuchten sie leise zu sein, waren ihretwegen wohl befangen, doch dann vergaßen sie sowohl ihre Befangenheit als auch alles andere auf der Welt.
„Kirill! Willst du nicht ans Telefon gehen?“
Das war Onkel Maxim.
„Pa … Was ist denn? Mein Handy war leer …“
„Es war nicht leer! Alles wird zugestellt! Hältst du mich für einen völligen Idioten? Du lässt dich einfach nicht dazu herab, es zu lesen …“
„Na ja, ich war beschäftigt. Jetzt entspann dich.“
„Ich soll mich entspannen? Ich soll mich entspannen?! Hast du sie noch alle, so mit deinem Vater zu reden?“
„Pa, was denn … Es ist doch Sommer! Alle gehen aus …“
„Alle gehen aus … Alle sind alle, aber du bist du, Kirill! Willst du dein Hirn nicht einschalten?“
„Pa, was soll denn das für ein Vorwurf sein, mal ehrlich?“
„Weil du dauernd draußen herumlungerst, wie lange denn noch?! Ich verstehe es nicht! Wie lange? Kannst du? Herumlungern?! Sieh doch mal auf die Uhr! Weder ich noch deine Mutter schlafen, wir müssen warten, bis du genug herumgezogen bist!“
„Dann geh doch schlafen! Wer zwingt dich denn? Wie alt bin ich überhaupt, warum gehst du mir so auf die Nerven?!“
Und dann – klatsch! Kirjuschenka quiekte auf.
„Pa, was soll das denn?“, quiekte er gekränkt und verdattert.
„Ach, gar nichts! Hör endlich auf, dich wie ein minderjähriger Arsch zu benehmen, Kirill! Werd endlich erwachsen! Werd erwachsen!“