KI-generierte Übersetzung · Russisches Original

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Dmitri Gluchowski · Registrierung

14.

Durch die Pforte ließen sie Tatjana und Vitali nur mit Mühe; sie konnten Sascha einfach nicht in den Krankenhauslisten finden, da musste sie sich beschweren. Sie telefonierten irgendwohin, glichen die Angaben ab, dann winkten sie ab: Na gut, gehen Sie durch, wenn Sie die Mutter sind.

In der Aufnahme holten sie die Akte heraus und sagten, der Patient liege auf der Intensivstation; Tatjana ging durch den Hof zur Abteilung und sah mitten im Hof Uljanka.

Sie saß allein auf einer Bank, auf den Knien eine dünne Mappe, zwischen den Fingern eine Zigarette, und blickte über den Weg hinweg auf die Mülltonnen gegenüber. Um sie herum wuselten Menschen, doch Uljanka war erstarrt wie auf einem Foto. Während Tatjana auf sie zuging, nahm sie keinen einzigen Zug, die dünne Zigarette glimmte umsonst herunter. Die Augen plastikhaft, wie bei einer Puppe, blöd. Tatjana blieb vor ihr stehen und stemmte die Hände in die Hüften.

— Ist dir das nicht peinlich?!

Uljana sah sie träge an, ohne das geringste Interesse.

— Habt ihr hergefunden?

— Hör mal. Diese ganzen Heiratsurkunden von dir, das ist alles wertloses Papier, verstehst du? Du hast den Jungen eingefangen. Und der ist da drüben vollgepumpt mit Medikamenten … Ich gehe jetzt gleich hin und reiche die Scheidung ein.

Uljana zuckte mit den Schultern.

— Immer dasselbe bei euch.

— Sascha hat Blut vergossen, er war an der Front, hat die Heimat verteidigt, damit so eine Schlampe wie du, du verdammte Schmarotzerin, sich an ihn ranmacht? Er hat für uns gekämpft, für seine Familie …

— Ich bin seine Familie, sagte Uljana wie benommen. — Ich und das Kind. Was kommst du mir mit der Heimat? Für uns hat er Blut vergossen. Für seine eigene Zukunft. Aber das ist jetzt alles unwichtig. Du kannst einen Scheißdreck rückgängig machen. Das Ganze ist vor Zeugen passiert, vor Ärzten. Bei vollem Bewusstsein, mit beiderseitigem Einverständnis. Und ich lasse mich nicht von dir scheiden.

Uljanka war ganz anders geworden. Unerschütterlich. Sie sah durch Tatjana hindurch immerzu auf ihre Mülltonne da drüben. Der Stummel glomm aus, fiel ihr aus den Fingern. Tatjana war verunsichert: Ihr verlässlicher Kompass, der ihr stets zeigte, wem sie Befehle erteilen und vor wem sie katzbuckeln musste, spielte verrückt und drehte sich im Kreis. Aber sie fletschte trotzdem die Zähne.

— Wenn du es nicht auf die nette Tour willst, läuft es so, wie ich entscheide. Ich gehe zu ihm, zu Sascha. Wenn er seiner Mutter in die Augen sieht, wird er ihr nicht widersprechen. Pass auf, am Ende stehst du mit leeren Händen da.

— Dich lassen sie nicht zu ihm. Geh nur, ich fahre nach Hause, sagte Uljana und stand auf. — Tschüss, Onkel Vitalik.

— Tschüss, Uljan.

— Warte! Tatjana sagte ihr Bauchgefühl, sie dürfe sie auf keinen Fall gehen lassen.

Würde sie die beiden jetzt tatsächlich auseinanderbringen? Wenn die sich querstellte, dann vor Gericht, oder was? Und sie war auch noch schwanger – auf wessen Seite würde das Gericht sich stellen? Und außerdem hatte Uljanka wohl etwas Eigenes, Besonderes über die Macht der Frauen verstanden, während sie sich hier bei ihnen in Moskau herumgetrieben hatte, wenn sie Sascha so um den Finger wickeln konnte, dass er nicht zögerte, seiner Mutter zu widersprechen. Sie hatte die Angst verloren.

— Was ist denn noch?

Tatjana setzte sich auf die Bank; sie konnte einfach nicht mehr stehen. Sie machte ihre Stimme sanfter.

— Warum kämpfen wir eigentlich miteinander, Uljan? Wofür kämpfen wir überhaupt? Es ist doch genug da, für dich und für uns.

— Wovon genug?

— Ach, du weißt doch genau, was ich meine! Du meine Güte!

— Ich weiß es nicht, Tatjan-Nikolajewna. Erklären Sie’s mir.

Wie hatte sie Uljanka nur so unterschätzen können? Als ließe sie sich weder mit Geschrei noch mit Tränen oder Drohungen noch kleinkriegen. Und noch etwas spürte Tatjana: Uljanka ging gerade erst in die Blüte, sie und Vitalik dagegen waren schon verblüht, welkten dahin. Besser wäre es, sich mit ihr im Guten zu einigen.

Schade um das Backsteinhaus, in dem sich all ihre Schützlinge auf die Zimmer verteilen ließen, schade um das ganze ausgedachte Leben: Es war zwar hastig zusammengeschustert, aber es klang verlockend. So schön, wie Tatjana es sich nicht einmal hätte auszumalen gewagt, wäre da nicht die militärische Spezialoperation gewesen. Umsonst hatte sie sich etwas ausgemalt.

— Was willst du denn?

— Wie meinst du das?

— Warum hast du das alles angezettelt, mit der Heirat? Was willst du dafür haben?

— Weiß nicht.

— Na, hast du dir eine Wohnung gesucht oder was?, vermutete Tatjana.

— Oder was.

— Also wie viel brauchst du für eine Wohnung? Wie viel, drei Millionen? Vier?

Uljana zuckte mit den Schultern. Tatjana wurde hastig. Sie hatte ihre Rechnungen schon längst gemacht; im Zug hatte sie gerade genug Zeit gehabt, alles noch einmal sauber durchzurechnen.

— Überleg doch selbst. Das Präsidentengeld für die Verwundung, das macht drei Millionen. Stimmt’s? Stimmt. Für die Behinderung kommt noch eine Million dazu, wir haben die erste Gruppe, die kriegen wir ganz sicher. Vier. Dann die Versicherungsleistungen, ich hab nachgesehen, da kommen noch zwei Millionen dazu, die Militärversicherung. Und dann gibt’s noch die Einmalzahlung bei der Entlassung aus dem Dienst. Das sind fast dreieinhalb Millionen.

Uljana hielt sich die Hand vor den Mund, als würde sie gähnen.

— Vier, plus zwei, plus dreieinhalb, das sind schon neun. Davon reicht es für deine Wohnung und für uns auch. Dir steht ein Drittel zu, das sind drei Millionen. Und deinem Vater und mir sechs, stimmt’s, Vital? Und damit basta.

— Und wie teilen Sie das auf, Tatjan-Nikolajewna?

— Wie denn, wie? Eben so.

— Sollte Sascha nicht selbst entscheiden, wem sein Geld gehört? Schließlich hat er gekämpft.

Uljana sagte das alles irgendwie gleichgültig und träge, als gäbe es gar keinen Streit und auch nichts, worüber man sich streiten müsste. Als ginge es nicht um ein Leben, sondern um eine Matheaufgabe aus der Schule.

— Uljanka … Ich rede hier mit dir wie mit einer Erwachsenen. Und was kommt von dir? Vitalja! Wo haben wir denn den Valocordin?

— Ich verstehe nicht, warum mir ein Drittel zusteht, sie schüttelte den Kopf.

— Du bist eine, wir sind zwei, so ist das nach allen Gesetzen, das steht überall. Wir haben außerdem noch zwei Kinder zu versorgen, bis sie auf eigenen Beinen stehen, aber das ist jetzt mal egal, na schön …

— Wir sind auch zu zweit, sagte Uljana. — Ich und das Kind. Wir müssen halbieren. Ihr seid zwei und wir zwei.

— Aber das Kind ist noch gar nicht da! Wir müssen nach dem Auszahlungstag rechnen!

Es ist noch nicht da, vielleicht kommt es auch gar nicht. Du rauchst wie ein Schlot und frisst rohen Fisch, und wer weiß, ob du dir nicht auch noch einen hinter die Binde kippst. Wie willst du da überhaupt noch ein Kind großziehen?

— Willst du keinen Enkel?, sagte Uljana langsam, als wäre sie bekifft.

— Ich?

Tatjana stockte; ins Gesicht lügen konnte sie nun einmal schlecht, das war nicht ihre Stärke. Uljanka hatte ihr die Frage so gestellt, wie sie selbst es sich nicht zu fragen wagte. Und in ihrem Kopf zogen Bilder vorbei, verwischt durch eine kurze Belichtungszeit: das Haus und Wohlstand oder ein fremdes Enkelkind; sechs Millionen oder vier; nur die Hypothek abbezahlen und die Renovierung fertig machen oder selbst auch noch ein bisschen leben. Aber es war ja nicht nur ihr Kind, sondern auch Saschas, und würde er noch welche haben? Na ja, wenn er keine haben würde, dann eben Swetka, Swetka würde sich damit ganz bestimmt nicht Zeit lassen, und der andere Trottel war auch noch im Wachstum; so eine Chance würde sich nicht noch einmal bieten. Armer Sascha, aber sie selbst tat ihr auch leid. Und das war doch auch für ihn, diese Schlampe würde ihm das Geld aus der Tasche ziehen und dann abhauen, und weg wäre sie. Aber eine Mutter lässt ihren eigenen Sohn nicht im Stich, dann hätte sie ihr eigenes Zimmer und Pflege, wenn nur genug Geld da wäre. Sie warf die Gedankenfetzen in den Topf, kochte in zehn Sekunden alles zusammen – fertig war die Suppe.

— Na ja, also …

— Verstehe, schluckte Uljana, als wäre ihr etwas im Hals stecken geblieben. — Die Zahlen gehen nicht auf, hm? Also, Tatjan-Nikolajewna. Schön, dass Sie bei sich schon alles ausgerechnet haben. Aber Sie müssen … noch mal rechnen.

Sie schwankte, versuchte wieder, sich den Mund zuzuhalten, dann trat sie auf den Rasen, beugte sich vor und begann sich zu übergeben. Irgendein grüner Dreck kam aus ihr heraus, es roch sauer. Sie würgte krampfhaft, stöhnte, versuchte wieder zu Atem zu kommen, und gleich darauf packte sie die nächste Welle.

Vitalja erschrak, lief zu ihr, wollte Uljanka Wasser aus seiner Flasche geben, aber es wollte einfach nicht aufhören.

— Vielleicht einen Arzt? Hat sie sich vergiftet, oder was?

— Nein, brauchen Sie nicht … Ich brauche keinen Arzt. Das ist nur … die Schwangerschaftsübelkeit.

Schließlich nahm sie ihm die Flasche ab und spülte sich den Mund aus. Sie richtete sich auf – und war selbst ganz grün im Gesicht.

— Was muss man denn da noch mal rechnen?, fragte Tatjana vorsichtig.

— Da kommen andere Beträge raus. Sascha ist nämlich tot.

• • •

Als sie Sascha weggebracht hatten, hatte sie nichts anderes zu tun gehabt, als auf der Intensivstation anzurufen und zu fragen, wie es ihm ging. Jetzt war sie ja seine rechtmäßige Ehefrau, also gaben sie ihr Auskunft. Und dann sagten sie, er sei gestorben. Eine Hirnblutung, intrakraniell, und außerdem noch eine Sepsis, oder so etwas. Sie fragte nach. Sie wiederholten dasselbe.

Sie hatte eine ganze Packung aufgeraucht, bis Tatjana Nikolajewna sie fand. Sie wusste nicht, wohin sie gehen sollte. Für die Leichenhalle war es zu früh. Nach Hause wollte sie nicht. Es gab also keinen Ort, an den sie gehen konnte. Also saß sie im Hof und sah den lebenden Soldaten zu. Sie gingen umher, rauchten, redeten, lachten. Einer saß da und weinte, weil seine Mutter gekommen war.

Ihr war furchtbar übel. Irgendwo in ihr drin – im Bauch oder im Hals – saß irgendein unbekannter Scheiß, wälzte sich hin und her, wickelte ihre Nerven auf, wuchs, schnürte ihr die Atemwege und die Speiseröhre zu: nichts ließ sich hinunterschlucken, nichts auskotzen. Schon stieg ihr salzig-bitterer, reichlicher Speichel hoch – sie dachte, gleich würde es ihr Erleichterung verschaffen, aber das Ding wollte nicht nach draußen. Es wollte Uljana weiter von innen auffressen.

Du hast es nicht geschafft, noch ein bisschen durchzuhalten.

Mit deiner kleinen Hochzeit hättest du noch warten können.

Und dann war da diese große Leere. Sie hatte alles getan, was sie sich vorgenommen hatte, aber vergessen, wozu. Der Wind bewegte die Blättchen, die Bäume waren wie lebendig. Die Welt klang: Offenbar hatte sie bis dahin nur ihr eigenes Gebrabbel im Kopf gehört, jetzt drangen all die Geräusche des Krankenhauses durch. Schwermütige Geräusche.

Tatjana kam ihr vor wie ein Traum. Sie fing an, ihre Sache durchzuziehen; zuerst begriff Uljana nicht einmal, warum sie ihr das alles erzählte. Dann ging ihr auf: Sie wusste es ja noch nicht. Aus Bosheit sagte sie es ihr erst einmal nicht, so lächerlich wirkte sie. Aber selbst daran war kein Spaß. Als Tatjana ihr ihre Rechnerei an den Fingern erklärte, sah Uljana sich plötzlich im Spiegel. In einem schiefen, aber nicht schiefen Spiegel. Dieselben Quadratmeter, dieselben Rubel. Sie hatte Mitleid mit sich selbst, verstand sich selbst gut, und bis dahin war es ihr nicht schäbig vorgekommen, solche Grundschulaufgaben auszurechnen; es machte sogar Spaß, die Zukunft zu planen. Aber als Tatjana Nikolajewna ihr das alles mit ihren schmalen Lippen, ihren speckigen Stummelfingern und ihren verquollenen Äuglein ausbreitete, wurde es auf einmal zu einer Art Scheiße. Es wurde klar, dass eine Wohnung kein Traum war, sondern einfach ein Betonklotz, eine Art Gruft. Ihr wurde schwindelig von den Zahlen und Tatjanas Gezappel, und schließlich musste Uljana sich übergeben – scharf und lange, alles, was sie in den letzten drei Tagen in diesem Moskau gefressen hatte.

Und als das Würgen vorbei war, als sie Vitaljas lauwarmes Wasser aus der Plastikflasche getrunken hatte, spürte sie, dass sie gar nichts ausgekotzt hatte, alles war in ihr geblieben. Und ein kleines bisschen war es sogar gewachsen.

Sie erzählte Tatjana von Sascha.

Tatjana fing an zu jammern und zu klagen, rannte irgendwohin, Vitalja hinterher, kreidebleich, und weg waren sie, verdammt noch mal. Uljana wischte sich den Mund ab und schlurfte zum Ausgang. Heute hatte sie keine Kraft mehr, Sascha anzusehen. Zumal sie ihn sowieso die ganze Zeit vor sich sah. Auf der Bahre im Zimmer, wie er, ganz verschwitzt, sich abmühte, ihr irgendetwas zu erzählen.

Sie fuhr zurück nach Moskau. Für Tante Marina war es noch zu früh – was sollte sie dort machen, etwa vor dem Fernseher sitzen? Uljana ging spazieren. Sie schlenderte die Leninski entlang, ohne ein bestimmtes Ziel, einfach um die Zeit totzuschlagen. Ringsum standen große Steinhäuser, die Fenster in den Häusern waren verhängt, damit Fremde nicht hineinstarrten, auf der Prospektstraße fuhren die Autos auf zehn Spuren, und an jeder Kreuzung tat sich ein ganzer Kosmos auf: noch mehr steinerne Schluchten, noch mehr eiserne Flüsse, noch mehr Statuen und eine wahre Menschenflut. Über der Straße hingen Transparente: „Moskau. Die beste Stadt der Welt“. Und ein Herzchen, wie ein Smiley. Die Leute waren faul und von der Hitze erschlafft, und jeder von ihnen trug bestimmt unter seinem Leinenhemd oder modischen Sommerkleid ein Tattoo wie auf dem Transparent. Sie waren alle Einheimische, sie liebten ihr Moskau bis zum Zähneknirschen.

Und Uljana kroch durch Moskau wie eine Laus.

Nichts half – weder die Moskwa, hundertmal breiter und mächtiger als ihr Fluss daheim in Wologda, noch ein Stück Kreml wie von einer Glückwunschkarte, noch die schicken Männer in ihren windschnittigen Autos, als kämen sie aus der Zukunft. Alles war hier schön – na ja, schön schon, aber frigide; reich, ja – alles aus Gold gegossen, alles glänzend poliert, und es schiss und schwitzte Geld, aber es war zu selbstzufrieden, völlig berauscht von sich selbst und bemerkte Uljana überhaupt nicht. Moskau war beschäftigt: Es betrachtete sein Spiegelbild im Fluss und konnte den Blick nicht davon abwenden.

Hier konnte man nicht heimisch werden, also brauchte man sich gar nicht erst aufzudrängen. Nicht dazugehören, sich nicht einschmeicheln, sich auf keinen Fall in eine von ihnen verwandeln. Wer von auswärts kam, blieb von auswärts; man konnte sich unsere Parade hinter Absperrungen und den Rücken der Bullen anschauen und danach wieder dahin verschwinden, wo man hergekommen war. Wozu also auf diesen Straßen hin und her laufen, wenn man nirgendwo ankommt?

Wenn du vom fetten Moskauer Blut trinken willst – dann trink, aber beiß vorsichtig in ihre glänzende Haut: Pass auf, dass es sie nicht juckt, sonst macht sie dich ruckzuck fertig. Hast du dich sattgetrunken? Dann kriech zurück und verdau.

Du hast es nicht geschafft, noch ein bisschen durchzuhalten.

Oder wolltest du vielleicht gar nicht? Lange hast du jedenfalls nicht gezögert. Weil du keinen Invaliden wolltest? Sag’s dir doch, gesteh es dir ein, wer soll’s denn hören? Ach, was soll das, hast du etwa selbst vor dir Angst? Los, sag endlich, wie es ist. Schweigst.

Sie sah, dass am Straßenstand Eis verkauft wurde. Der Stand war schön und festlich, wie aus einem alten sowjetischen Film. Eine kleine Schlange, vielleicht fünf Leute. Sie fragte sich: Willst du eins? Weiß nicht.

Päckchen mit Plombir gab’s hier nicht, hier war alles schick: Die Verkäuferin mit Schürze und Häubchen schöpfte mit einem runden Löffel Kugeln aus der Eispalette und setzte sie in Waffelhörnchen zu ganzen Schneemännern zusammen, beinahe.

Uljanas Reihe war dran. Die Sorten: Mango, Pistazie, Stracciatella, Zitrone, Schokolade, Kakao, Wassermelone, Vanille, Erdbeere, alles Mögliche. Sie wollte Pistazie und eine rosa Kugel probieren, doch dann runzelte sie die Stirn. Die Stracciatella – weiß mit schwarzen Schlieren – schien sich zu bewegen. Uljana sah genauer hin, da krabbelten Fliegen darauf herum. Sie wechselten von Schwarz zu Braun, von Braun zu Rot. Die Leute merkten es nicht und kauften trotzdem. Die Eisverkäuferin verscheuchte die Fliegen, aber träge, nur zum Schein.

Uljana wurde wieder übel.

Sie kaufte nichts und ging weg.

So schlurfte sie noch weiß Gott wie lange durch die Gegend: mal setzte sie sich hin, mal lehnte sie sich an, mal ging sie weiter. Tante Marina versuchte ein paarmal, sie zu erreichen, aber Uljana hatte überhaupt keine Lust, mit ihr zu reden. Und ihre Nachrichten konnte sie nicht einmal öffnen. Ihre Mutter rief auch noch einmal an, aber Uljana schrieb ihr, dass sie beschäftigt sei. Du hättest früher zu mir kommen sollen, Mama. Jetzt ist es doch schon egal. Hier ist der Teilnehmer jetzt kein Teilnehmer mehr.

Und erst als Tatjana Nikolajewna sie anrief, beschloss Uljana aus irgendeinem Grund, doch dranzugehen. Sie und Tatjana Nikolajewna verband jetzt etwas. Sie musste sich anhören, was sie zu sagen hatte.

— Bist du etwa gegangen?!

Uljana war von der Nachricht, dass Sascha gestorben war, ausgesaugt worden. Tatjana Nikolajewna dagegen schien davon geradezu aufgepumpt. Schon gleich von Anfang an wurde sie laut.

— Bin ich.

— Wolltest du nicht in die Leichenhalle kommen und nach ihm sehen?

— Nach ihm sehen? Was gibt’s da noch zu sehen?

— Ich habe mit dem Arzt gesprochen.

— Und?

— Verflucht sollst du sein, das ist los!, schrie Tatjana Nikolajewna.

— Bist du fertig?, erwiderte Uljana.

Uljana legte nicht auf, sie sollte sie ruhig beschimpfen. Sie widersprach nicht. Na los, schimpf, schimpf nur, ich höre dir zu. Es war, als würde sie sich mit einer stumpfen Klinge in die Arme schneiden, um das Zuviel aus den geschwollenen Adern abzulassen. Von der schmutzigen Klinge hatte sie sich infiziert; fauliges Blut schoss durch die Gefäße, kratzte, entzündete Uljanas Eingeweide, wurde dick und gerann, wollte nicht nach draußen sickern.

All das wusste Uljana selbst über sich, hatte Saschas Mutter ihr doch erzählt. Sie hatte keine Lust mehr, sich das anzuhören. Sie hatte dort ja auch nicht geweint, dachte Uljana, sie hatte nur so getan.

— Warum jammerst du? Als du ihn zur Armee geschickt hast, hast du nicht gejammert. Aber jetzt jammerst du plötzlich, was?

Erst gegen Abend kam sie nach Hause. Sie trat ein, und da erwarteten sie schon alle. Der Tisch war gedeckt, alle ganz feierlich, wie Pioniere bei einem Appell vor Lukaschenko.

— Willst du essen?

— Ich habe keinen Hunger.

Es ging wirklich nichts runter. Sie ließ sich verschwitzt aufs Bett fallen, das Gesicht ins Kissen. Der Dreck pulsierte, die Augen waren trocken. Sie lag eine Weile reglos da. Nichts ließ nach. Tante Marina klopfte an die Tür. Uljana erlaubte ihr nicht, hereinzukommen, aber sie kam trotzdem rein.

— Uljantschik … Maxim und ich haben uns hier besprochen … Du hast meine Nachrichten nicht gelesen, oder?

— Nee.

— Also. Erstens haben wir verstanden, dass wir uns gestern alle sehr hinreißen ließen. Wir haben uns allerlei an den Kopf geworfen … Das war falsch. Und wir wollten dir sagen, dass wir unsererseits nicht ganz im Recht waren.

Ein wahrer Engel.

Uljana drehte sich um, stemmte sich ab und richtete sich auf. Tante Marina war allein hier, Onkel Maxim beteiligte sich nicht an den Entschuldigungen.

— Und?

— Und zweitens haben wir das Geld für dich abgehoben. Gestern hatten wir nicht so viel Bargeld da, aber heute haben wir den ganzen Betrag abgehoben, den du brauchst. Nimm es bitte.

— Gestern hätte ich es gebraucht, Tante Marina, heute brauche ich es nicht mehr, sagte Uljana zu ihr. — Warum habt ihr es gestern mit Onkel Maxim nicht gegeben?

— Na ja … Es kam auch unerwartet, und … Ich bitte dich, nimm es, Tante Marina zog irgendwoher eine Geschenktüte aus Papier hervor, wie man sie im Supermarkt verkauft, mit goldenen Bändern und dem ganzen Schnickschnack, und reichte sie Uljana.

— Wir haben sowieso schon geheiratet, sagte Uljana zu ihr.

— Wie bitte?, fragte Tante Marina verwirrt.

— Na, eben. Die Welt ist nicht ohne gute Menschen.

— Herzlichen Glückwunsch! Wirklich …, lächelte Tante Marina sie an. — Na, dann ist das für die Hochzeit … Für eure Hochzeit mit Sascha … Ihr werdet doch feiern, oder?

Was willst du hier noch machen, was für gute Menschen. Sie treiben dich in die Ecke und wollen dir dann Gutes tun. Lichtkrieger, verdammt.

— Und wo ist Onkel Maxim? Gratuliert er mir nicht?, erkundigte sich Uljana.

— Doch, er auch. Maxim! Maxim, komm bitte her … Hier, das ist von uns beiden.

Onkel Maxim kam aus der Küche herüber, nickte Uljana bedrückt zu und sah ihr irgendwohin in den Mund.

— Ach was, ich mache nur Spaß. Es wird keine Hochzeit geben.

— Warum?

— Weil Sascha gestorben ist.

— Was?!, entsetzte sich Tante Marina; Onkel Maxim wurde ganz grau.

— Stellt euch das mal vor.

Sie wechselten Blicke. Dabei hatte sie sie beide am Haken und zog sie zu sich heran wie Brassen an der Spinnrute. Sasha war ihnen beiden scheißegal, den Clowns. Uljana wusste ja, worum es in diesem Gespräch ging. Bestimmt nicht um Sasha. Tante und Onkel aus Moskau.

— Herrgott, Uljanotschka … Wir … Nimm unser … unser Beileid an …

— Ja. Ja.

— Merci. Ihr könnt eure Mäuse, eure Kohle also behalten.

Aber Tante Marina stand immer noch mit ihrer bescheuerten Souvenirtüte da und begriff nicht, wie Uljana die nicht annehmen wollte. Und Uljana wartete, bis es bei ihr ankam, bis es in sie einsickerte.

— Ich bitte dich, Uljana … Ich bitte dich, nimm sie. Warum tust du das? Du musst doch noch dein Kleines großziehen … Das kommt dir ganz sicher nicht ungelegen. Für das eine oder andere. Bis du von unserem Staat was kriegst, kannst du lange warten …

Sie sorgten sich nicht um sie. Mit ihren Geschenk-Rubelchen wollten sie sie ruhigstellen, sich bei ihr freikaufen. Aber bei ihr konnte man sich nicht mehr freikaufen. Hier ging es längst nicht mehr um Kaufen und Verkaufen, aber das wollten die süßen Moskauerchen einfach nicht kapieren. Sie brauchte jetzt etwas anderes.

Worum bitten?

Und plötzlich kam es ihr von selbst in den Sinn, aus dem Nichts — oder vielmehr aus allem, was sie erlebt hatte. Und sofort brannte es in ihr, sofort wollte sie es ihnen entgegenschleudern. Nicht einfach nur noch heftiger auf sie eindreschen, sondern ihnen all das Schneeweiße vom Leib reißen, das ihr in den Augen schmerzte, sie splitternackt ausziehen, so wie sie selbst nackt vor ihnen stand, und ihnen dann noch die Haut abziehen, damit man sah, woraus sie gemacht waren: einfach nur aus Fleisch, genau wie Uljana, genau wie alle Menschen. Solange sie da so aus dem Ei gepellt herumstanden, war ihr neben ihnen, diesen Saubermännern, unbehaglich, ihr selbst war sie widerlich.

— Wisst ihr was? Ich kann das Geld nehmen.

Onkel Maxims Gesicht wurde rosig, Tante Marina atmete wieder auf. Sie hielt ihr erneut die Tüte hin, obwohl Uljanas Arme noch immer schlaff an ihren Seiten hingen. Aber Uljana brauchte keine Tüte mit Geldscheinen. Sie brauchte den Beweis, dass alle Menschen gleich waren und nicht nur sie allein ein Dreckstück. Uljana wollte hören, wie ihnen das Rückgrat knackte, wenn man darauf herumtrampelte.

— Ich möchte Sasha ein Denkmal setzen. Auf sein Grab. Dass er ein Held war. Ein Held der Sonderoperation. Dafür würde ich Geld von euch nehmen. Gebt ihr mir was für das Denkmal? Dann ist es von mir — und von euch, sozusagen.

Sie wandten sich, machten ein saures Gesicht. Onkel Maxim schnaubte Tante Marina regelrecht an. Er wollte wohl schon zur Hochzeit nichts beisteuern, aber sie hatten ihn dazu gezwungen.

— Na, gebt ihr was?

— Uljanotschka … Wir verstehen …

— Was soll »Uljanotschka«? Was versteht ihr denn? Ich frage: Gebt ihr was fürs Denkmal? Ohne euch kann ich keins aufstellen. Ihr helft mit. Na? Damit man sich an seine Heldentaten erinnert. Nein?

— Du hattest einen schrecklichen Tag …

— Könnt ihr mir die Frage beantworten, Tante Marina? Wollt ihr nicht? Ja, Onkel Maxim? Wollt ihr nicht? Weil er was ist? Ein Mörder? Wie habt ihr das gesagt?

— So habe ich das nicht gesagt … Er ist ein Opfer, Sasha … Ein Opfer dieses Krieges … Und er tut uns unendlich leid, wirklich, so unendlich leid … Wir haben auch nicht gesagt, dass er ein Mörder ist … Haben wir so etwas gesagt, Maxim?

— Bäääh … Määäh …

Ihr seid nur in hübsche Sachen gekleidet, aber euer Fleisch ist verfault. Da wühlen die Maden schon in euch herum, und trotzdem sind eure hellen Hosen mit messerscharfer Bügelfalte gebügelt.

— Unendlich leid tut er ihnen. Na sieh mal einer an. Ihr lügt, wie ihr atmet — Uljana grinste. — Ich will nicht, dass ihr Mitleid mit ihm habt. Ich bin zum Beispiel stolz auf ihn, klar? Er ist für seine Eltern dorthin gegangen, für mich, für unsere Zukunft. Er ist dorthin gefahren, damit die Chochols nicht auf unser Land kommen, damit ihr hier weiter euren verdammten Fisch essen und mit einem Gläschen Wein runterspülen könnt. Aber das wollt ihr nicht verstehen.

— Uljana …

— Also ja oder nein?

Sie drucksten herum.

— Na, dann haben wir nichts mehr zu bereden. Wollt ihr nicht — wie ihr wollt. Dann also: Ueben zi bitte.

Sie traten von einem Fuß auf den anderen und gingen, die Tüte nahmen sie mit.

• • •

Sie verkrochen sich in ihrem Schlafzimmer; Maxim schloss die Tür und lauschte, ob Uljana draußen davorstand.

— Sie macht das doch mit Absicht!

— Na und? Was sollen wir jetzt machen?

— Sie will uns da mit reinziehen, begreifst du das nicht?

— Maxim. Maxim. Beruhige dich. Lass uns … Lass uns ruhig bleiben. Behalten wir doch im Kopf, dass ihr Verlobter heute gestorben ist. Dass sie einen Zusammenbruch hat.

— Sie ist ruhig wie eine Würgeschlange! Ich bin es, der zusammenbricht! Ich!

— Behalten wir es einfach im Kopf, ja? Ich meine etwas anderes.

Marina packte ihn an den Händen, damit er nicht so damit herumfuchtelte. Sie packte sie und hielt sie fest. Mit eisernem Griff. Ihm wurde unbehaglich.

— Ich bitte dich. Wir haben doch sowieso schon alles getan. Wir haben zugestimmt, wir haben das Geld abgehoben, wir haben es ihr gegeben. Es ist vorbei, Maxim. Verstehst du?

— Du hast es abgehoben.

— Es ist egal, wer es abgehoben hat. Wir geben ihr das Geld. Wir haben zusammen beschlossen, ihr das Geld zu geben, und wir wissen, warum wir das tun. Wir tun es, um unseren Sohn zu schützen. Mehr nicht. Und warum sie das Geld annimmt, was sie damit hören will — das ist ihre Sache. Bist du einverstanden?

Maxim befreite seine Handgelenke: Das war doch keine Panikattacke, er hatte alles unter Kontrolle. Marina sprach eindringlich auf ihn ein, als beschwöre sie eine Kobra, und wie verlockend es gewesen wäre, ihr zuzustimmen — schade, dass es einfach nicht ging.

— Ich will nicht lügen. Warum sollte ich lügen? Und bitte, komm mir nicht mit irgendwelchem kitschigen Gerede über die Notlüge.

— Du musst ja auch nicht lügen. Man bittet dich nur, damit einverstanden zu sein, dass sie ihm aufs Grab setzt, was sie will. Na, dann stellt sie eben ein Denkmal auf. Da wird dann irgendein lächerliches Denkmal für eine Million Rubel stehen.

— Und dann schreibt sie auch noch drauf, dass es von uns ist!

— Ich flehe dich an, Maxim. Was soll sie denn draufschreiben? Das sagt sie doch nur so, um dich zu ärgern. Wegen deiner ganzen Moralpredigten.

— Moralpredigten?! Jetzt bin ich auch noch schuld daran? Du, du hast sie zu uns geschleppt! Nichts wäre passiert, wenn du nicht …

— Warte mal … Ist das also das, was dich beschäftigt? Was sie draufschreibt? Dass es jemand erfährt? Ach komm. Niemand wird davon erfahren, Maxim. Niemals. Wem soll sie das erzählen?

— Ich werde es wissen. Ich, Marina! Ich werde wissen, dass sie mich dazu gezwungen hat. Dass sie mich gezwungen hat, das zu sagen! Es zu tun!

— Hör mir zu. Es ist genau andersherum.

— Wie denn das?

— Ganz einfach. Wenn Kirill in den Krieg geschickt wird, an die Front, dann ist das eine Katastrophe. Und Gott bewahre, dass etwas passiert. Aber selbst wenn er heil zurückkommt … Auch das wird eine Katastrophe sein, nur eine andere. Für immer. Darum geht es. Genau darum!

— Das verstehe ich … Glaubst du, ich verstehe überhaupt nichts?

— Na also. Und sie bietet dir die Möglichkeit, dich einfach freizukaufen. Alles, was du tun musst, ist, vor ihr zu tanzen. Na? Dann tanz doch, Herrgott noch mal, ist das denn so schwer?

— Das mache ich nicht! Sie kann mit ihrem Tanz zur Hölle fahren! Ich werde mich nicht erniedrigen! Vor wem denn — vor ihr?!

— Das ändert nichts an dir, Maxim. Na? Nein, ich habe mich falsch ausgedrückt. Komm, wir geben ihr einfach das Geld, sagen, es ist fürs Denkmal, und morgen fährt sie zurück nach Wologda. Dann ist die Sache erledigt. Und wir vergessen sie.

— Ich kann nicht … Ich will da nicht mitmachen, Marin … Bitte … Ich will damit nichts zu tun haben …

Marina trat von ihm zurück. Seufzte. Sah ihn an … Hoffnungslos und mitleidig. Mit einem irgendwie verletzenden Mitleid.

— Du Armer, du Armer. Du armer Mensch. Na gut. Wenn du nicht willst, mach nicht mit, Maxik. Wenn du nicht willst, mach nicht mit. Ich gebe es ihr selbst und sage alles selbst. Für mich ist es ja doch ein bisschen leichter. Ich stehe ja schon mit einem Bein dort drüben.

Sie schüttelte müde den Kopf, nahm wieder diese verfluchte Tüte, drückte sanft die Türklinke herunter und ging auf den Flur hinaus.

— Uljanotschka … Uljana? Wir haben es uns überlegt. Natürlich, klar. Für das Denkmal.

— Ach ja? — fragte Uljana, als wäre sie weit weg von sich selbst.

Zuerst überflutete Maxim eine warme Welle: Dankbarkeit für Marina. Dafür, dass sie alles auf sich genommen hatte. Dann kam eine heiße: Scham. Er zögerte noch und schlurfte ebenfalls auf den Flur hinaus.

— Also. Und natürlich soll die richtige Erinnerung an Sasha bleiben … Hier kann man auch ein Denkmal aus Granit aufstellen, dafür reicht das Geld …

Maxim zwang sich, finster dreinblickend einen Schritt auf Uljana zuzugehen. Noch einen, und noch einen.

— Dann soll Onkel Maxim mir das alles selbst sagen. Bei euch ist ja sowieso alles klar — sagte Uljana langsam und deutlich.

Er war schon fast bei ihnen, und jetzt wieder umzukehren, wegzulaufen, ging nicht mehr. Er erstarrte einfach auf der Stelle, und sein Kiefer verkrampfte sich.

— Na? — Uljana nickte ihm zu. — Ich höre.

Maxim ballte die Fäuste und öffnete sie wieder. Er schluckte den Rotz hinunter. In seinem Kopf flatterte ein Vogel wie in einem Käfig, wollte fortfliegen.

— Bitte … — Er schüttelte den schweren Kopf. — Nicht …

Uljanas Mund verzog sich. Ob zu einem Lächeln oder … zu irgendetwas anderem. Maxim konnte ihr nicht in die Augen sehen.

— Na gut, Onkel Maxim — sagte Uljana zu ihm. — Scheiß drauf. Leb. Rüber mit eurer Kohle.

— Hier, hier! — Marina drückte ihr schnell die Tüte in die Hände, bevor sie es sich anders überlegen konnte. — Da ist alles drin. So viel, wie nötig ist. Es reicht für alles.

Sie legten sich ins Bett, ohne auf Kirill zu warten. Jeder lag auf seiner Seite, in der Mitte eine Grenze. Sie schwiegen. Nach etwa zwanzig Minuten flüsterte Marina:

— Schläfst du?

— Nein.

— Ich habe sie später gefragt, nachdem du gegangen warst … Uljana, du hast doch keine Anzeige gegen uns gemacht, oder? — Sie seufzte.

— Und was hat sie gesagt? — Maxim drehte sich zu Marina.

— Sie sagt zu mir: Was glaubst du denn selbst? Und ich sage zu ihr: Na ja, ich glaube, Uljanotschka, dass du es natürlich nicht getan hast. Du bist doch ein gutes Mädchen, wir sind Familie … Wir haben doch nur mit deiner Mutter gesprochen …

— Und?

— Da hat sie mit den Schultern gezuckt.

Sie lagen noch eine Weile im Halbdunkel, nur als Silhouetten. Sie hatten die Fenster geöffnet, um Luft zu bekommen, aber durch sie wälzte sich der fluoreszierende Moskauer Smog herein. Sportwagen rasten über den Leninski und heulten mit ihren Motoren, oder vielleicht waren es ukrainische Drohnen. Im Hof lachte oder weinte jemand.

— Hörst du das? — Marina richtete sich auf. — Was ist das?

— Was denn?

— In unserem Badezimmer. Wasser läuft, und …

Dort stöhnte jemand mit Uljanas Stimme. Sie öffneten die Tür und lauschten …

— Sie übergibt sich da drin — sagte Marina besorgt.

Maxim hatte keine Ahnung, was er tun sollte. Marina presste sich an die Tür und fragte leise:

— Uljana? Ist dir schlecht? Können wir dir helfen?

— Verpisst euch! — schrie Uljana dumpf. — Verpisst euch alle von mir!

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