KI-generierte Übersetzung · Russisches Original

← Inhalt

Dmitri Gluchowski · Registrierung

7.

Wie viel am Vorabend getrunken worden war, ließ sich nicht mehr zählen, obwohl Maxim eigentlich gar nicht besonders viel hatte trinken wollen. Es schien, als wirke der Chablis wie Tabletten gegen Seekrankheit: Er unterdrückte die Übelkeit. Wie sich herausstellte, unterdrückte er gar nichts, sondern verschob alles nur auf den nächsten Tag.

Marina schlief noch, Maxim dagegen war aus dem Schlaf geschleudert worden. Eine bekannte Geschichte. Weiter im Bett zu schnaufen und sich herumzuwälzen, wobei er seiner Frau immer wieder auf die Pelle rückte, erschien ihm nicht kameradschaftlich. „Der Schlaf des Alkoholikers ist kurz und unruhig“, stöhnte er und kroch aufs Klo.

Mit dem linken Fuß aufgestanden.

Auf dem Klo las er beim Plätschern der Wasserleitungsquelle in Telegram die Mediazona: Wen hatten sie, während sie Jubiläen feierten, zum ausländischen Agenten erklärt, wen wegen Hochverrats verhaftet? Sozusagen ein Haft-Digest. Er multiplizierte Depression mit Repressionen, hatte gleich gar keine Lust mehr, aus dem Klo in die Welt hinauszugehen. Er erzählte sich den Witz: „Wie kannst du denn nicht in die Schule wollen, Wowočka, du musst doch, du bist schließlich der Direktor“, spülte die steife Haut mit kaltem Wasser ab, raffte sich auf und fasste einen Entschluss.

In der Küche saß Uljana und sah auf dem kleinen Fernseher Nachrichten. Sie aß ihr Spiegelei auf und war bereits angezogen und geschminkt. Sie nickte ihm mitfühlend zu – offenbar war er ziemlich geschwollen.

— Noch vor Tagesanbruch … — Maxim lächelte sie an, so gut er konnte.

— Wir müssen ins Krankenhaus.

— Ja, stimmt.

Sie hat sich geschminkt, dachte Maxim. Für wen? Für ihren Verlobten oder für die Ärzte?

Wahrscheinlicher für die Ärzte, damit sie wenigstens sie und ihn mit ihr irgendwie aus der Schlange der Bittsteller herauspickten. Dort war doch bestimmt ein Werk, eine Produktionsstätte: Verwundete kippten sie von Lastwagen, nähten sie hastig zusammen und schoben sie wieder hinaus – die einen geflickt zurück in den Krieg, die anderen aussortiert nach Hause, manche im Sarg, kaputt. Und bei so einem Durchlauf ließen sich die Ärzte wohl kaum auf persönliche Umstände ein. In einem Militärkrankenhaus sollte man sich wahrscheinlich besser nicht an die Patienten binden – wie in irgendeiner Pelztierfarm.

Wenn sie sich aber herausputzte, würden sie vielleicht auf sie aufmerksam, würden sich irgendwie an sie erinnern, und wenn entschieden werden musste, ob man sich anstrengte und ihn rettete oder ihn einfach so liegen ließ, würden sie sich vielleicht an die Braut in Festmontur erinnern und sich ein kleines bisschen mehr als nötig bemühen.

Uljana starrte wieder zerstreut auf den Bildschirm. Irgendwas von der Weltverschwörung wurde da aufgefahren, doch ihrem Gesicht war nicht anzusehen, dass sie sich ernsthaft um die Intrigen des kollektiven Westens sorgte. Es lief einfach neben dem Spiegelei als Hintergrundgeräusch, vielleicht damit sie ihre eigenen Gedanken nicht hören musste.

Und was für Gedanken gingen ihr durch den Kopf?

Uljanas Gesicht war nicht dumm und nicht böse, und hässlich konnte man es auch nicht nennen. Vielleicht ein bisschen leer? Oder einfach verloren. Aus einem unauffälligen Mädchen, das früher über die Neujahrsferien zu ihnen gekommen war, war eine unauffällige junge Frau geworden. Na ja, sie war eben in die Länge geschossen. Das war wohl auch schon alles. Und was war aus ihr geworden? Dafür hätte man wissen müssen, wie sie früher gewesen war.

Sie wirkte irgendwie zusammengekauert. Gebeugt, fröstelnd.

Maxim wollte sie fragen, wie es ihrem Freund ging.

Doch er hielt sich zurück. Durfte er überhaupt Mitgefühl mit ihm haben?

Im Krieg stand Maxim eindeutig auf der Seite der Ukraine, auf der Seite des Opfers. Und je mehr man hier versuchte, den Krieg zu erklären und zu rechtfertigen, je wütender man jene, die mit der Ukraine mitfühlten, des Verrats bezichtigte, desto hartnäckiger hielt Maxim an seiner Haltung zum Krieg fest; für ihn bedeutete das vor allem, sich selbst zu bewahren, wie er ursprünglich gewesen war. Nicht weich zu werden, nicht in der Säure zu zerfallen, in der die Fetzen mancher seiner früheren Freunde um ihn herum herumplanschten.

Einmal, noch im ersten Kriegsjahr, als Maxim für sich Regeln für das Leben in der neuen Welt aufzustellen versuchte, beschloss er, die Menschen um sich herum nach dem Kriterium der Komplizenschaft zu beurteilen. Nach diesem Prinzip trugen alle, die sich mit dem Krieg abgefunden, sich aber nicht daran beteiligt hatten, einen Teil der Verantwortung für den Krieg, aber nicht einen Teil der Schuld; jene, die ihn in irgendeiner Weise unterstützt hatten – durch Taten oder Worte, indem sie ihn anheizten oder normalisierten –, wurden zu Komplizen und teilten die Schuld; und nur jene, die irgendwie versucht hatten, den Krieg zu verhindern, wurden vor dem Gericht der Ewigkeit freigesprochen. Maxim selbst würde dieses Gericht der Ewigkeit, selbst wenn es ihn freispräche, wohl nur ganz knapp davonkommen lassen: Zu seinen Gunsten ließen sich allenfalls die Teilnahme an zwei, drei Demonstrationen in den ersten Kriegstagen und die Platzierung der Premiumausgabe von „1984“ an den Kassen der Buchhandlung verbuchen. Na gut, und dann noch der Kampf von gestern um die ausländischen Agenten. Alles in allem war er kein Kämpfer. Aber er beanspruchte das andererseits auch nicht. Sein Frontabschnitt lag woanders, unsichtbar ohne Mikroskop, aber auf seine Weise wichtig.

Aber was war mit Uljanas Verlobtem? Befreite ihn die Mobilmachung von der Verantwortung für alles, was er im Krieg tat? Konnte er es unterlassen, wenn er erst einmal dort war? Und wenn er verstümmelte? Wenn er zerstörte? Wenn er tötete? Spielte es eine Rolle, ob freiwillig oder auf Befehl, wenn man Komplizenschaft anhand der Tat bestimmen musste? Wenn es auf die Tat ankam, durfte er nicht nach ihrem Verlobten fragen, durfte ihr nicht einmal für eine Sekunde das Gefühl geben, dass Maxim mit ihr mitfühlte, mit ihr auch mit ihrem Freund.

Maxims Generation hatte den ganzen Wirbel erlebt, der seit Breschnew im Land tobte: die Perestroika, den Zerfall, Jelzins Russland, die Tschetschenienkriege und den Putinismus. Ein aufregendes Leben, könnte man sagen: Man konnte nicht ohne dunkle Brille wie vor einer Atombombenexplosion hinsehen. Und so hatten Maxim und seine Altersgenossen, seine Freunde und Kameraden, sich daran gewöhnt, alles durch dunkle Brillen zu betrachten – durch die des Postmodernismus und des Zynismus. Aber beim Krieg ging das nicht; da musste man diese Gläser abnehmen, auch wenn es in den Augen brannte, denn wenn dem Land in all der Zeit irgendein blendend helles, absolutes Übel widerfahren war, dann war es dieser Krieg gegen die Ukraine. Man musste hinsehen, ohne den Blick abzuwenden, man musste mit bloßem Nerv fühlen, man musste ehrlich Zeugnis ablegen; man musste die Geschichte genau im Gedächtnis behalten, damit man sie nicht wieder verdrehte, damit sie sich nicht eines Tages wiederholte. Man musste, man musste …

Darum ging es, nicht darum, wie es dem konkreten Kerl im Krankenhaus ging. Er war doch nicht etwa unter eine Straßenbahn geraten! Maxim schwieg einen Moment und lugte unter seinen geschwollenen Lidern hervor wie aus der Schießscharte eines Bunkers. Und dieser verlorene Ausdruck in ihrem Gesicht … Verdammt noch mal.

— Wie geht es ihm? Deinem Verlobten?

— Nicht besonders, — Uljana sah zu ihm zurück. — Da gab’s einen Einschlag. Beide Beine amputiert.

— Oh Gott … — Die Übelkeit stieg wieder in ihm auf. — Wie schrecklich.

Er stellte sich die abgetrennten Beine vor, in Fußlappen gewickelt. Er kniff die Augen zu. Die Stümpfe zeichneten sich nur noch deutlicher ab.

— Der arme Kerl, — sagte er. — Wie alt ist er?

— Siebenundzwanzig, — antwortete Uljana.

— Genau wie unser Kirjucha?

— Genau.

Ein schwarzes Bild blitzte auf: Kirill ohne Beine. Das hätte ihm auch passieren können, wenn sie damals nicht losgestürmt wären, um ihn zu evakuieren. Und sonst was hätte passieren können. Wenn sie es nicht rechtzeitig geschafft hätten, wenn die Grenze geschlossen worden wäre, und wer weiß, was noch alles … Wie sollte man da urteilen? Wäre Kirill dann auch schuld gewesen, wenn man ihn am Kragen gepackt und in den Fleischwolf gesteckt hätte? Einfach Pech gehabt. Es wäre seine Entscheidung gewesen, aber hier … Glück oder Pech, das war die ganze historische Weggabelung, wie immer bei uns und überall sonst auch.

Verlobter … Verlobter bedeutete, sie wollten heiraten. Das hieß, da war ein menschliches Leben geplant gewesen, und diese Zukunft war ihr in einem einzigen Augenblick amputiert worden, mit der Säge bis auf den Knochen. Maxim erinnerte sich an sein Gefühl, als der Krieg begonnen hatte: Ausweglosigkeit, völlige Finsternis. Alles, was Marina und er sich für die Zukunft ausgemalt hatten, zerbrach, um irgendwelchen fremden, sinnlosen, kannibalischen Zielen und Aufgaben zu dienen, gerechtfertigt mit abgrundtiefen, stümperhaften Lügen; und Maxims Leben zerbrach, sein eigenes, echtes und einziges. Aber er war unter dieser verdammten Asphaltwalze mit Trikolore und Totenköpfen hervorgekommen und hatte sich davongezogen. Davongezogen … Noch ein Wort aus der jüngsten russischen Geschichte. Wir sind davongekommen, ja. Und wir haben Kirjucha rausgeholt, und Marinas Agentur blieb nicht ohne Aufträge – im Gegenteil, die Stadt zu schmücken wurde noch nötiger –, und die Menschen brauchten gute Bücher dringender denn je. Marina und Maxim halfen den Menschen, jeder auf seine Weise, in einer unmenschlichen Zeit Mensch zu bleiben; deshalb war gerade ihre Familie vom Krieg nicht unmittelbar betroffen. Aber Uljana …

Maxim nahm ein Stück vom aufgeschnittenen Kefirbrot, kinderweich, brach eine Scheibe ab und bestrich sie mit weicher Butter. Uljana schwieg, nippte an ihrem Tee und sah weiter die Morgennachrichten.

— Der Propagandazug des Verteidigungsministeriums hat seine Russlandtour zum achtzigsten Jahrestag des Großen Sieges beendet und ist triumphal nach Moskau zurückgekehrt, — drang der Fernseher durch das Rauschen des kochenden Wassers. — Er hat mehr als dreißigtausend Kilometer zurückgelegt und das ganze Land durchquert! Zweieinhalb Monate war er unterwegs und besuchte die Hauptstädte aller Militärbezirke, Krasnodar und Machatschkala, Wolgograd und Ufa, Jekaterinburg und Nowosibirsk, Chabarowsk und Wladiwostok. In seinen achtzehn Waggons fanden sowohl eine Ausstellung zum Gedenken an den Großen Vaterländischen Krieg als auch eine umfangreiche Schau zum Thema der speziellen Militäroperation Platz. An jeder Station sorgte der Propagandazug für Furore; Tausende Besucher strömten zu ihm, vor allem Jugendliche und Schüler …

Der Fernseher brabbelte weiter und schmirgelte einem das Gehirn ab; es fühlte sich rau an. Maxim verzog das Gesicht. Aber verstand Uljana überhaupt, was sie da sah? Und wenn sie es verstand, warum sah sie es sich dann überhaupt an? Maxim wollte schon zu Uljana sagen: „Lies keine sowjetischen Zeitungen zum Frühstück“, hielt sich aber zurück. Sie lauschte dem Korrespondenten mit leicht geöffnetem Mund, sah jedoch nicht verzaubert aus, sondern eher wie betäubt, als hätte auch sie der Einschlag getroffen.

— Kein Wunder, denn in dem hochmodernen interaktiven Museum auf Rädern konnte man nicht nur die jüngste Geschichte aus der Nähe kennenlernen, sondern zum Beispiel mithilfe eines Computersimulators auch selbst zum Piloten eines Schlachtflugzeugs oder eines Kriegsschiffs werden! Der Höhepunkt des Programms waren natürlich, wie schon im vergangenen Jahr, erbeutete Muster feindlicher Militärtechnik, die unsere Truppen dem Gegner auf den Schlachtfeldern der speziellen Militäroperation abgenommen hatten. Dazu berichtet der Projektkoordinator, der stellvertretende Verteidigungsminister, Armeegeneral Oleg Semjonowitsch Goremykin …

Ob es auf der Welt tatsächlich einen General der russischen Armee mit dem Nachnamen Goremykin gab, wunderte sich Maxim. Das war ja Gogol pur. Andererseits: Was daran war denn kein Gogol? Er übergoss den Teebeutel mit kochendem Wasser, richtete seine Sandwiches zurecht und setzte sich neben Uljana.

Der Fernseher zeigte das nächste Panorama des grün bemalten Zuges mit den Überresten von Militärfahrzeugen auf offenen Waggons. Uljana schaute sehr aufmerksam und nachdenklich hin. Als der Fernseher von den Schlachtfeldern der speziellen Militäroperation anfing, verzog sie das Gesicht – und das bemerkte Maxim sofort. Das beflügelte ihn. Natürlich war sie gegen den Krieg, genau wie Marina und er! Wie hätte sie in ihrer Lage auch all das unterstützen können?

Noch hatte sie nichts gesagt, da hatte Maxim schon eine ganz andere Meinung von ihr. Als wäre sie von einer entfernten, nicht blutsverwandten Verwandten zu einer nahen geworden. Und schon war er froh, dass er ihr erlaubt hatte, bei ihnen zu wohnen, froh, dass sie bei ihm in der Küche saß; er wollte ihr noch Käse abschneiden und Kaffee anbieten.

— Die zerstörten amerikanischen, britischen und kanadischen Panzer und Schützenpanzer, auf spezielle Transportplattformen verladen, sind quer durch unser ganzes Land gefahren – aber nicht so, wie es jene geplant hatten, die das Kiewer Regime mit ihnen vollgestopft haben, — erstattete General Goremykin pflichtschuldig Bericht, und dazu noch stockend, als lese er zum ersten Mal einen unbekannten und unverständlichen Text vor.

Ein Todestournee-Zirkus, Verlogenheit, Amtsschimmel, und dazu diese niederträchtige Bedeutungsverknüpfung „Großer Vaterländischer Krieg – spezielle Militäroperation“, damit die zwanzig Millionen Toten des damaligen Krieges wie eine Lokomotive noch eine Million frischer Leichen in Güterwaggons hinter sich herzogen. Dreißigtausend Kilometer, und an jedem Haltepunkt kurz bremsen, um zu lügen und die Leute zu verblöden. Und obendrauf der idiotische Bürstenschnurrbart an dem Gogolschen General. Maxim schnalzte mit der Zunge.

— Schrecklich! — Er sah Uljana an, auf Unterstützung hoffend.

— Was denn? — fragte sie.

— Das alles da, — Maxim nickte zum Bildschirm. — Warum haben sie diesen Zug durchs ganze Land geschickt? Was meinst du?

— Keine Ahnung, — Uljana zuckte mit den Schultern. — Na ja … Achtzig Jahre seit dem Sieg, oder so.

— Ach komm, — Maxim grinste. — Darum geht es doch nicht.

— Worum dann?

Vielleicht wusste Uljana eine solche Manipulation einfach nicht zu durchschauen? Für Maxim war sie offenkundig, lag klar auf der Hand … Aber dieses Wissen war ihm ja nicht vom Himmel gefallen. Dahinter steckten Jahre, Jahrzehnte des Nachdenkens, der Analyse, der Lektüre der richtigen Bücher und der richtigen Presse … Und schließlich der eigene Bekanntenkreis. Um den Mythos vom Großen Vaterländischen Krieg zu dekonstruieren, um zu begreifen, wie sie ihn allen schon im Kindergarten einimpften … und wie sie ihn später einsetzten. Für ihn war das „Siegeswahnsinn“. Für normale Leute waren es Georgsbändchen, Fotos von Opa in Schiffchenmütze und Uniform und Schaschlik an den Maitagen.

— Na, um den Leuten einzureden, dieser Krieg sei sozusagen die Fortsetzung des anderen Krieges, des Großen Vaterländischen Krieges. Damals haben die Deutschen uns angegriffen, also sind wir auch jetzt keine Aggressoren, sondern Opfer, — sagte er. — Also ist auch dieser Krieg heilig. Und deshalb muss man westliche Militärfahrzeuge durch alle Städte und Dörfer karren. Als anschaulichen Beweis dafür, dass wir uns einfach wieder verteidigen, wie damals. Als wären nicht wir in die Ukraine einmarschiert, sondern der Westen bei uns. Und deshalb schaffen wir es schon im vierten Jahr nicht zu siegen, weil wir allein gegen die ganze Welt stehen …

Uljana sah ihn ausdruckslos an. Maxim wurde verlegen, aber jetzt musste er es zu Ende sagen.

— Und vor allem wollen sie mit diesem Zug noch möglichst viele Leute für den Krieg anwerben. Er heißt ja ausdrücklich Propagandazug. Sie machen nicht einmal ein Geheimnis daraus, die Mistkerle. Weil die Leute an der Front ausgehen. Manche liegen wie hier in Krankenhäusern, andere auf Friedhöfen. Sie brauchen Nachschub. Zum Verheizen, verdammt, im Lokomotivkessel.

Seine Nichte zog die Stirn kraus. Oder erklärte er ihr das umsonst mit den Fingern? Vielleicht würde sie sich noch beleidigt fühlen, weil er sie für dumm hielt. Und was war überhaupt dieser „normale Mensch“? Da war wieder sein pseudointellektueller Snobismus …

— Na, aber sind wir denn nur dort mit der Ukraine im Krieg? Da haben sie doch die Panzerwagen ganz real gezeigt. Die sind doch nicht gemalt. Irgendwer hat sie dorthin geschickt. Die Amis haben sie geschickt.

— Uljan … meinst du das ernst?

— Was denn?

Maxim streckte die Hand aus, nahm die Fernbedienung und drückte die Taste. Der Fernseher verschluckte sich und ging aus.

— Tut mir leid. Ich kann mir das alles nicht länger ansehen. Das Ganze dient doch nur dazu, noch jemandem das Hirn zu vernebeln und ihn in den Fleischwolf zu schicken. Damit man danach noch jemandem die Beine amputieren kann. So wie deinem Sascha.

— Mhm.

Uljana richtete den Blick auf den toten Bildschirm. Sie seufzte.

— Du glaubst doch nicht all das, oder?

— Ich?

— Du. Du, Uljana. Oder glaubst du es?

— Ich weiß nicht. Was soll man denn glauben?

— Es gibt doch genug … Meduza gibt es, The Insider, Doschd, oder wenigstens die BBC, um Gottes willen … Wir können dir ein VPN einrichten, dann geht alles prima auf, du hast doch wohl Zeit, dann kannst du mal ein bisschen lesen …

— Ich hab euer VPN doch. Was denkt ihr, bin ich völlig hinterm Mond?

— Das habe ich nicht gesagt! Du hast ein VPN – wunderbar. Gut gemacht! Du hast doch bestimmt mal eine halbe Stunde, schalte Doschd auf YouTube ein. Doschd TV. Auch Nachrichten, nur nicht solche, nicht marionettenhafte.

— Okay.

Gestern hatte sie ihn anders angesehen. Gestern hatte sie ihn so umarmt … Sich an ihn geschmiegt. Aber jetzt war ein elektrisches Feld um sie herum entstanden, und Maxim hätte sich selbst nicht getraut, ihr näherzukommen.

— Du verstehst doch, wer an all dem schuld ist, Uljasch?

Er hatte sie „Uljasch“ genannt, wie damals, als sie klein war, doch sofort hörte er das Verniedlichende und die Verlogenheit darin, und sie hatte diese Verlogenheit offenbar ebenfalls sofort erkannt.

— Woran?

— An dem, was deinem Sascha zugestoßen ist. An der Verwundung, an den Beinen …

— Na, wer denn? — Sie kniff die Augen zusammen.

— Du verstehst das doch? Das kannst du doch unmöglich nicht verstehen!

— Na, dann sagen Sie es doch, Onkel Maxim.

— Wer hat ihn zur Armee eingezogen? Wer hat ihn in die Ukraine geschickt?

Sie schwieg und bohrte ihren Blick in ihn. Unterstützte sie das alles am Ende wirklich? Hatte er sich so in ihr getäuscht? Wen hatte er sich da ins Haus geholt … Jetzt wäre der richtige Moment gewesen, den Mund zu halten, aber Maxim konnte nicht mehr aufhören.

— Die Regierung, Uljasch! Die Regierung! Putin, verdammt! Wenn wir die Dinge beim Namen nennen wollen! Verstehst du das nicht oder willst du es nicht verstehen?

Sie zog wieder die Schultern hoch. Ihre Schultern waren knochig, breit, mager. Wie bei einer Volleyballerin.

— Ich muss los, Onkel Maxim. Ich muss heute unbedingt zum Chefarzt.

Sie stand auf, räumte ihr Geschirr in die Spüle und schlüpfte aus der Küche. Maxim blieb allein zurück mit seinem Sandwich auf dem weichen Kefirbrot. Das trockene Brot blieb ihm im Hals stecken und würgte ihn. Angst überflutete ihn – eine böse Vorahnung, verspätete Reue. Ihm wurde schwer und unheimlich zumute. Ach was, nur der klassische Kater, weiter nichts, redete er sich beruhigend ein.

Ach ja, und irgendeinen widerlichen Traum hatte er auch noch gehabt … Vielleicht lag es am Traum?

• • •

Jesus hat gelitten und uns geheißen, es ihm gleichzutun, schärfte ihre Mutter der kleinen Uljana ein.

Na bitte, also musste sie sich die Belehrungen anhören und sich dumm stellen. Schließlich wohnte sie bei den Leuten; da war es nicht gut, sich mit ihnen anzulegen. Hält sich für schlau, hält ihr einen Vortrag. Als wäre Sascha wieder der Depp, weil er geglaubt und sich gemeldet hat, und sie gleich mit dumm, weil sie ihn liebt. Nein, danke. Du erklärst dir doch nur selbst, warum du deinen Sohn verstecken gegangen bist, als sein Einberufungsbescheid kam. Weil dein Vögelchen zu schlau ist, um zu dienen. Weil er seine Beine braucht, um in Clubs zu tanzen. Saschka ist der Trottel, der geglaubt hat, da seien Faschisten; also geschieht es ihm recht, dass er jetzt auf seinen Stümpfen herumhüpfen wird. Wenn er überhaupt durchkommt.

Geh doch scheißen, Onkel Maxim! Das hätte sie ihm gleich dort sagen sollen, beim Frühstück. Schade, dass ihre gute Erziehung sie davon abgehalten hatte.

So lange sie mit der Metro fuhr, kochte sie im Teer: In Gedanken stritt sie mit ihrem Onkel und beschimpfte ihn. Gegen Ende der Fahrt bekam sie vom ganzen Groll schon Sodbrennen. Sie kam kaum ans Tageslicht und wusste nicht, an wen sie sich wenden sollte. Sie rief Kristinka an. In den paar Tagen, in denen sie nicht miteinander gesprochen hatten, war Uljana völlig untergegangen. Von den beiden war Kristinka eben der Schwimmkörper, Uljanka dagegen das Gewicht. Sie wollte einfach ihre Stimme hören, sollte sie nur irgendwas auf ihrem Kanarienvogelton vor sich hinplappern.

Zuerst ging sie nicht ran – Uljana war schon in den Bus gestiegen –, erst danach rief sie zurück.

— Hallo.

Die Stimme klang dumpf und nasal. Sie hatte geweint.

— Kristina?

— Hi.

— Wie geht’s?

— Na ja.

— Ist was passiert?

— Na ja … ach, was … Eine einzige Scheißmisere.

— Was ist denn?

— Der Typ hat Schluss gemacht. Per SMS. Stell dir das vor.

— Echt? Welcher denn?

— Ich hab gerade einen, Uljan! Sascha. Hast du das in deinem Moskau schon vergessen?

Stimmt. Sie hatte ja auch ihren Sascha, erinnerte sich Uljana. Den, den sie mit Sushi gefüttert hatte. Sie hatten sich zusammen darüber kaputtgelacht – wie hatte sie das vergessen können?

— Entschuldige. Ist mir entfallen. Hier ist einfach so viel … alles.

— Schon gut. Macht nichts, — Chris schniefte. — Es ist einfach so ein Mist, per SMS Schluss zu machen. Ich wollte ihn doch schon meinen Eltern vorstellen.

— Na, dann kommt eben ein anderer. Scheiß auf ihn.

— Er war doch gut. Warum per SMS, Uljan? Warum behandelt er mich so? Bin ich etwa irgendein Stück Scheiße? Wer bin ich für ihn, eine Katze? Ein Hündchen?

— Vergiss ihn einfach …

Sie fing an zu weinen. Uljana fuhr im nagelneuen, knalligen Bus an Betonmauern vorbei, auf dem Weg ins Militärkrankenhaus, und war Chris nicht böse, dass sie vergessen hatte zu fragen, wie es ihrem Sascha ohne Beine ging. Sie liebte Kristinka. Sie hatte Mitleid mit ihr.

„Du verstehst einfach“, sagte Chris näselnd, „eins kommt zum anderen. Die Sache mit der Arbeit, dass sie mich rausgeschmissen haben, und jetzt hat er auch noch Schluss gemacht. Scheiße, Uljan, warum fickt das Leben einen so hart? Was hab ich denn getan?“

„Und mit der Arbeit ist es wirklich so schlimm, ja?“

„Du verstehst das nicht.“ Chris zog die Nase hoch. „Alles total finster. Wen du auch anrufst, überall ist die Stelle entweder schon besetzt oder sie haben es sich überhaupt anders überlegt.“

„Und was ist mit unserem? Anatoli Sergejewitsch?“

„Na ja, nichts. Er hat angerufen. Sagt, er macht den Laden dicht, bedankt sich für meinen Dienst.“

„Der Salon wird also überhaupt nicht mehr aufmachen?“

„Hörst du mir eigentlich zu? Er ist wütend wie der Teufel. Ich hab ihn wegen der Abfindung gefragt, und er sagt: Wenn ich dich erwische, stopf ich sie dir in den Arsch. Er hat schon so viele Schulden und Strafzettel, sagt er, dass es ihm inzwischen scheißegal ist, er kann genauso gut gleich ins Gefängnis gehen.“

„Krass.“

Sie schwiegen. Erst dann fiel Chris etwas ein:

„Scheiße. Warum reden wir die ganze Zeit nur über mich? Wie geht’s dir denn? Wie geht’s deinem Sascha?“

• • •

Maxim aber klebte weiter in der Küche fest: Er saß da und las resigniert schlechte Nachrichten, neben ihm welkten die halb aufgegessenen Sandwiches dahin, der Tee war zu stark gezogen, beinahe zu Tschifir geworden, und inzwischen kalt. Der Kater hatte sich von seinem Kopf auf die ganze Welt ausgebreitet, und die ganze Welt war jetzt widerwärtig und trüb. Marina schlief immer noch; niemand war da, um Maxims Angst zu heilen. Er hätte sich am liebsten aufgehängt – natürlich nur im übertragenen Sinn, denn mit Selbstmordgedanken hatte Maxim im Leben noch nie gespielt.

Was hatte er bloß geträumt? Irgendein widerlicher Mist …

Da knarrte und knarzte das Parkett im Flur, und Kirill erschien in der Küche. Er stand in Unterhosen im Durchgang, lehnte am Türpfosten, lächelte und streckte sich. Ein waschechter Apoll, kein Wunder, dass Maxim ihn so viele Jahre zum Training am Kanalufer gefahren hatte: Akademisches Rudern zeigte eben Wirkung.

„Morgen!“

„Oh … Kirill Maximowitsch geben sich die Ehre! Ein Käffchen?“

„Ich mach mir selbst einen, bleib sitzen. Wilde Nacht gehabt?“ Er grinste.

„Vadik Smyslows Jubiläum … Ich hab wohl ein bisschen übertrieben.“

„So spät noch Unfug treiben! Mitten in der Woche! Wann bist du heimgekommen?“

„Um halb zwei, glaube ich.“

„Ich hoffe, in eurem Alter genauso viel Energie zu haben!“

„Unser Alter … Was heißt hier unser Alter! Willst du ein Sandwich?“

„Immer!“

Irgendwas summte und pfiff er vor sich hin. Das war das Alter: keine Arbeit, ein Einberufungsbescheid schwebte wie ein Damoklesschwert über deinem Kopf, an Besitz drei Jeans und ein Handy, und trotzdem stehst du morgens auf und lächelst. Der Körper knittert einfach leicht, und du knetest ihn. Die Zeit vor dir ist einfach noch unbegrenzt, und du hast das Gefühl, dass in dieser Zeit auf jeden Fall noch alles auf der Welt passieren kann. Und diese kindliche Freude auf den kommenden Tag, die kein Kater gerinnen lassen kann.

„Na, wie war das Bewerbungsgespräch?“

„Toi, toi, toi!“ Kirjucha klopfte sich an die Stirn. „Scheint ganz gut gelaufen zu sein. Erzählen Sie, wo Sie gearbeitet haben, was Sie gemacht haben, warum Sie gegangen sind, welche Gehaltsvorstellungen Sie haben, welche Lebenspläne und warum gerade unser Unternehmen. Na ja, ich hab alles ehrlich beantwortet. Ich bin bei uns ja der Ehrliche.“

„Und welche Lebenspläne hast du?“ fragte Maxim.

„Mein Plan ist, bei eurer Bank Teamleiter der Produktanalyse zu werden und dort eine schwindelerregende Karriere hinzulegen.“

„Wissen Sie, dass bei uns in der Bank Homeoffice nicht gern gesehen wird? Können wir wirklich auf Sie zählen?“

„Das haben sie übrigens gefragt“, lächelte Kirill. „Du kennst dich ja aus!“

„Beim Frühstück lese ich sowjetische Zeitungen“, seufzte Maxim. „Na, und? Was hast du gesagt?“

„Dass ihr natürlich auf mich zählen könnt. Ja, ich hatte eine Karrierepause, war weg, bin aber zurückgekommen und habe nicht vor, noch einmal wegzugehen. Ich sehe meine Zukunft mit diesem Land verbunden.“

„Wie stehen Sie zur aktuellen Lage im Land?“

„Das haben sie nicht gefragt. Das ist ja Tinkoff, da wissen alle Bescheid, Pa, was ist denn mit dir?“

„Tinkoff ist nicht mehr Tinkoff, Kirjusch. So wie Kommersant nicht mehr Kommersant ist und NTV nicht mehr NTV.“

„Ach … Na, damals gab’s mich noch nicht. In eurem Jura-Zeitalter. Als das Gras grüner und der Himmel blauer war.“

„Und du glaubst natürlich, dass das Gras jetzt grün genug und der Himmel blau genug ist?“ Maxim schnaubte.

„Mehr als genug!“, versicherte Kirjucha ihm.

„Na, na.“

„Na, na. Jedenfalls ist morgen die zweite Runde.“

„Hals- und Beinbruch … Ach, das wird schon, da bin ich sicher.“

„Toi, toi, toi!“

Er requirierte Maxims überzähliges Sandwich und begann, seinen Kaffee zu schlürfen. Sein Appetit war tierisch, seine Laune heiter. Als Maxim ihn so ansah, bekam auch er Lust – auf ein Wurstbrot und aufs Leben. Er stand auf, um sich ein neues zu machen.

Plötzlich fiel Kirill etwas ein.

„Oh! Ich hab gestern meine Schwester kennengelernt! Noch mal von vorn. Wo ist sie übrigens? Schläft sie noch?“

„Sie ist ins Krankenhaus gefahren, zu ihrem Freund.“

„Ja … Da ist es doch irgendwie der reinste Horror, oder?“

Maxim konnte nicht anders, als Kirjuchas muskulöse, aber fast haarlose Beine anzusehen. Er erinnerte sich daran, wie der als Junge beim Skifahren ein Bein gebrochen hatte, wie dünne Stöckchen diese Stelzen damals gewesen waren.

„Es ist der reinste Horror.“

„Sie ist aber ein nettes Mädchen, finde ich. Ich glaube, wir haben uns angefreundet.“

Auch Marina stand auf, verschlafen und in einen Seidenmorgenmantel gehüllt. Sie küsste Kirjucha auf den Scheitel und machte sich daran, sich Kaffee in der Messing-Türka zu kochen. Wann hatte sie sich in eine Diva im Ruhestand verwandelt, eine Figur aus Sunset Boulevard, fragte Maxim sich unvermittelt. Dann fing er sich wieder, als hätte er das gar nicht denken wollen.

„Mir kam sie jedenfalls nicht normal vor“, schüttete Maxim den Kaffeesatz auf sie beide aus. „Eure Uljana.“

„Was ist denn?“ Marina sah besorgt zu ihm zurück.

„Wie kann man in ihrer Lage nicht verstehen, warum das alles angefangen hat?“

„Was hat angefangen?“, fragte Kirill.

„Der Krieg. Der Krieg, Kirjusch.“

„Versteht sie es denn nicht?“, fragte Marina vorsichtig nach.

„Sie starrt seit dem Morgen in die Glotze. Sitzt da und starrt in die Glotze. Ich glaube, sie gehört zu denen“, sagte Maxim. „Zu denen, die alles glauben.“

Marina klopfte und kratzte mit dem Löffel im Inneren der Türka, rührte den Zucker um. Dann nahm sie den Kaffee vom Feuer und goss ihn durch ein besonderes Sieb in eine zierliche, bemalte Tasse.

„Die Leute glauben dem Fernsehen, Maxim. Was soll man machen? Die Leute glauben. Sie müssen in diesem Land leben, sie haben gar keine andere Wahl. Das ist normal. Im Fernsehen erklären sie ihnen die Regeln, nach denen man in diesem Land lebt. Warum hackst du auf ihr herum?“

„Die Menschen teilen sich in jene, die verstehen, was geschieht, jene, die nicht verstehen, was geschieht, und jene, die sich weigern zu verstehen, was geschieht, Marin!“, formulierte Maxim. „Und entweder ist sie dumm, was mir nicht so vorkam, oder sie will es nicht verstehen. Und ich gebe zu, ja, ich bin nicht gerade glücklich darüber, dass so jemand in unser Haus eingeladen wurde.“

• • •

Die Schlange vor dem Chefarzt begann schon auf der Treppe – weder im Empfangsbereich noch im Flur fanden all die aufgedunsenen Ehefrauen und Mütter Platz. Dunkle Ringe unter den Augen, Tücher auf dem Kopf, als wären sie in die Kirche gekommen. Termine gab es keine, nur eine Warteschlange, und wer sich zuerst anstellte, bekam die Chance, seine Frage zu stellen.

Während sie warteten, erzählten sie einander, wer was hatte. Beim Mann Splitterverletzungen, von einer Drohne abgeworfen; beim Sohn eine Trepanation, Schädel-Hirn-Trauma, Mörserbeschuss; dem Sohn waren beide Arme amputiert worden, Pionier; der Bruder Verbrennungen vierten Grades; erblindet, der Mann; Bauchoperation, die Hälfte des Darms entfernt, der Sohn, im Koma. Die eine brauchte eine Bescheinigung, die andere eine Behinderungseinstufung, die dritte Aufmerksamkeit, die vierte wollte, dass ihr Sohn nicht zurück an die Front geschickt wurde, und eine andere wollte einfach nur die Zusicherung, dass er nicht sterben würde.

Was für ein Mensch der Chefarzt sei, fragte Uljana eine Frau mit Kopftuch. Eine andere, die ihn kannte, antwortete: ein ehemaliger Militärchirurg, hatte sich hochgedient. Geschäftsmäßig, nicht mitfühlend. Kurz: der Richtige für diesen Posten.

Die Schlange war lang, aber sie löste sich schnell auf. Dort wurde offenbar bald über Schicksale entschieden: wie in einem Feldlazarett, wo man in Lebende und Tote sortiert. Während des Wartens unterhielten sich viele, aber fast alle gingen schweigend vom Chefarzt weg. Nur wenige mit einem Lächeln, die meisten mit Tränen in den Augen. Sie weinten für sich, nicht um Eindruck zu schinden. Das Gericht schien unparteiisch und unbestechlich zu sein – Mütter gingen mit Geschenken hinein und kamen mit ihnen wieder heraus.

Uljanas Reihe war gekommen.

Das Büro war geräumig, aber schlicht. Die Wände waren gestrichen, an einer hing Putin in einem Rahmen, die Hände gefaltet; in der Ecke stand eine zusammengerollte Fahne an einer Stange. Mitten im Raum der Schreibtisch des Chefs, darauf das Foto eines Mannes in Tarnuniform, hinter ihm Berge. Hinter dem Schreibtisch saß derselbe Mann, zwanzig Jahre älter, aber immer noch kräftig. Dort auf dem Foto blickte er müde, hier ebenso. Er sah nicht wie ein Gott aus, eher wie ein Metzger, aber man sah ihm an, dass er im Ruhestand war. An den Wänden Regale, darin Akten über Menschenleben. Auf dem Schreibtisch ein Computer, in dem alles verzeichnet war.

„Sprechen Sie.“

„Es geht um Lasarenko Alexander Witaljewitsch.“

„Welche Abteilung?“

„Neurochirurgie.“

Er tippte ein paar Tasten. Dann schob er seine eisernen Brillen auf der Nase herunter und betrachtete durch sie hindurch Saschas Lage.

„Also … Lasarenko … Lasarenko. Splitter- und Kompressionsverletzung, infolge … Aha. Verspätete Evakuierung … Gangrän beider Gliedmaßen … Na ja. Amputationen. Verstehe. Also. Was noch … Erhebliche Schäden an den inneren Organen, Zustand der Wirbelsäule … Dornfortsätze … Knochensplitter in der Bauchhöhle … intrakraniell … Hm. Ein operativer Eingriff ist geplant, um … Klar, verstehe. Na, schwerer Fall, was soll ich Ihnen sagen. Ihr Lasarenko ist schwer verletzt.“

„Das weiß ich“, sagte Uljana so fest sie konnte.

„Und in den nächsten Tagen ist noch eine Operation angesetzt. Wir müssen seine Wirbelsäule wieder zusammensetzen. Sie ist in Stücke zertrümmert. Und die Beckenorgane … Vor allem sehe ich, dass er auch ein Schädel-Hirn-Trauma hat, mit Kompression, und der Blutdruck … Sehen Sie, der Blutdruck. Jedenfalls ist es besser, wenn Sie vorerst nichts wissen. Unter Vollnarkose. Eine nicht ganz einfache Operation, um es milde auszudrücken. Eine Prognose kann ich nicht abgeben.“

„Wann soll sie stattfinden?“

„Entweder übermorgen oder am Donnerstag. Das war’s, weitere Informationen habe ich für Sie nicht. Wir halten Sie auf dem Laufenden.“

Er nickte ihr zu, um ihr zu verstehen zu geben, dass ihre Zeit abgelaufen war.

„Warten Sie“, sagte Uljana. „Darum geht es mir nicht.“

„Worum dann?“

„Wir wollen heiraten.“

„Aha. Also.“

„Ich habe nachgesehen: Für Teilnehmer an der Sonderoperation ist das im Eilverfahren möglich, stimmt’s?“

„Ja.“

„Ich will es heute.“

Der Chefarzt schob sich die eisernen Brillen auf die Augen, und seine Augen wurden hinter den Gläsern winzig. Sein zerstreuter Blick, von der Lupe zu einem Strahl gebündelt, begann zu brennen.

„Heute wird das nicht mehr gehen.“

„Im Internet steht, am Tag der Antragstellung.“

„Wer weiß, was die Leute im Internet schreiben. Was glauben Sie, sind Sie die Einzige hier, die heiraten will? Ich bin es ja nicht, der die Trauungen vollzieht, das machen die Standesbeamten. Was die hier für einen Andrang haben … Brautpaare.“

„Dann morgen. Morgen ist der letzte Termin. Wenn er danach operiert wird … Bitte!“

„Warum warten Sie nicht, bis er nach der Operation wieder zu sich kommt?“

Es kam ihr vor, als hätte er spöttisch gelächelt. Warum? Verdächtigte er sie, aus Eigennutz zu handeln? Aber wie, warum? Sie verlangte doch nichts dergleichen, nichts außerhalb seiner Amtsbefugnisse, sondern bat nur um das, was ihr ohnehin zustand. Und sie hatte sich, soweit sie wusste, nichts anmerken lassen. Warum dieses Grinsen? Dann fiel ihr ein: Wie viele waren hier in dieser Schlange tatsächlich wie sie … Wie viele mussten so schnell wie möglich heiraten, für alle Fälle. Da brauchte sie keine Unschuldige zu spielen: Durch seine Lupen sah er sowieso alles. Vor ihm zogen die Seelen am Fließband vorbei, und wenn man in einer Minute entscheiden musste, wen man rettete und wen man abschrieb, verstand man wahrscheinlich in einer Sekunde auch alles andere über einen Menschen.

„Ich bin von ihm schwanger“, sagte Uljana.

Er seufzte.

„Glückwunsch. Haben Sie eine Bescheinigung?“

„Nur einen Test.“

Der Chefarzt blickte auf den Computer, darauf, was über Saschas Schicksal vermerkt war, sah Uljana an, wog es ab und klopfte mit den Knöcheln auf den Tisch.

„Na, dann lassen Sie sich eine Bescheinigung ausstellen. Mit der Bescheinigung wird das Standesamt vielleicht schneller arbeiten. Mit der Bescheinigung können sie Sie vielleicht schon für morgen eintragen. Sie werden Sie jedenfalls vorziehen. Wenn Sie von mir rausgehen, klopfen Sie bei meinem Stellvertreter, bei Artur Iwanowitsch Kowaljow. Den Rest klären Sie dann mit ihm, was diese Sache betrifft, einverstanden? Ich habe hier ernstere Angelegenheiten zu erledigen, als Hochzeiten zu veranstalten. Das war’s. Ich empfehle mich.“

„Vielen Dank!“

Er nickte.

Uljana trat hinaus und lehnte sich an die Wand: Die Welt drehte sich wie ein Karussell. Ein Stein fiel ihr vom Herzen. In fünf Minuten hatten sie ihr Schicksal geregelt, so wie all die anderen Angelegenheiten hier. Das Urteil fiel zu ihren Gunsten aus. Sie konnte kaum glauben, dass es so schnell und so fair gegangen war.

Beim Stellvertreter – noch jung, rosig, aber irgendwie schon sehr früh kahl geworden – ging alles noch schneller. Der Chefarzt hatte ihn offenbar bereits angerufen, und er kannte Uljanas ganze Lage. Er wiederholte nur, dass sie die Bescheinigung brauchte, versicherte ihr aber, dass sie das Original zur Trauung selbst mitbringen könne; den Scan solle sie ihm aufs Handy schicken. Außerdem versprach er, die Sache mit dem Standesamt wegen des Eiltermins selbst zu regeln.

„Kommen Sie morgen gegen zwölf vorbei“, schlug er vor. „Und wenn was ist, schreiben Sie mir bei Telegram.“

Zum Abschied schüttelte er ihr die Hand, als wäre sie ein Mann. Seine Hand hatte keine Schwielen.

Sie musste jetzt zu Sascha gehen, er wartete auf sie: Er hatte ihr „Vermiss dich“, „Wo bist du?“ geschrieben und Smileys geschickt. Aber Uljana blieb noch eine Weile im Krankenhausinnenhof sitzen und atmete, bevor sie sich in die Wassermelone versenkte.

Sie schaltete das VPN ein und öffnete den Chat. Sie fragte die KI: Ein Mensch ist vom Sternzeichen Fische, wurde am 18. März geboren, muss sich einer schweren Operation unterziehen. Welche Tage im Juli sind laut Mondkalender günstig, wie wird die Operation ausgehen? Die KI legte ihr sofort alles dar, wie ein alter Hase unter den Astrologen. Demnach sollte alles verdammt gut laufen, wenn die Operation am Donnerstag stattfand.

Aus der E-Zigarette kam durchsichtiger, beinahe unsichtbarer Dampf. Und hinter den Dächern der Krankenhausgebäude kringelte sich schwarzer, schrecklicher Rauch aus einem hohen Backsteinschornstein.

• • •

Sie klebten gerade Temas Zimmer zu Ende, als das Telefon klingelte. Der Bengel hatte sich eine Tapete mit Rennwagen ausgesucht. Na gut, was soll’s.

Die Nummer war unbekannt, deshalb wollte Tatjana nicht rangehen; sie hatte Angst vor Telefonbetrügern. Aber dann zuckte etwas in ihr: Sie musste abheben.

„Tatjana Nikolajewna Lasarenko?“

„Wer ist da?“

„Hier ist das regionale Militärkommissariat. Es geht um Ihren Sohn, den Gefreiten Lasarenko Pawel Witaljewitsch.“

„Pawel ist nicht mein … Mein Sohn heißt Alexander.“

„Ach, verdammt … Alexander, ja. Alexander Witaljewitsch. Ich hab mich hier ganz verplappert …“

„Was … Was ist mit ihm?!“

„Wir teilen Ihnen mit, dass Ihr Sohn gefunden wurde.“

„Danke! Gott sei Dank! Ich danke Ihnen! Und wo, wo ist er?“

Sie nannten ihr die Nummer des Moskauer Krankenhauses, in das Saschka gebracht worden war, konnten ihr am Telefon nichts über seinen Zustand sagen, krächzten ein „Herzlichen Glückwunsch“ und legten auf.

Der Hinterkopf zog sich schmerzhaft zusammen, in den Ohren pochte es: Der Blutdruck war hochgeschossen. Tatjana begann, die Taschen abzusuchen, auf der Suche nach Capoten. Mein Gott, was für ein Glück, was für ein Glück, mein Gott. Soll jetzt noch einer behaupten, Gebete würden nicht erhört. Tatjana verstand sich mit Gott schon immer, man musste ihn nur freundlich bitten und ihm ein kleines bisschen unter die Arme greifen.

Gott sei Dank, dass er lebt. Dass er ihnen mit seinem Vater nur einen Schrecken eingejagt hatte, der Dummkopf, als würde er sterben, dabei war er gar nicht gestorben. Dabei hatte Tatjana von dem Tag an, an dem sein Telefon verstummt war, ein ganz sicheres Gefühl gehabt: Er lebt, er wird gefunden werden.

Saschka war manchmal verschwunden, das kam bei ihm vor: Schon als kleiner Junge war er mal mit den Jungs im Wald abhandengekommen, und sie hatten mit der Miliz nach ihm gesucht. Seine Mutter hatte da schon gedacht, ein Irrer hätte ihn geschnappt oder die Knackis, aber er hatte sich den Pilzsammlern angeschlossen und war von selbst zurückgekommen. Und später war er noch einmal drei Tage lang verschwunden, als er in die Stadt zur Disco gefahren war – und dann war er wie vom Erdboden verschluckt. Da geriet sogar Vitalja in Panik, aber Tatjana spürte es im Herzen: Er wird gefunden werden. Und er wurde gefunden – in der Ausnüchterungszelle, bei den Bullen, schweigsam, überall voller Blutergüsse, aber lebendig. Sie sagten, er hätte randaliert, sich geprügelt, sie hätten ihn ruhigstellen müssen. Na ja, sie kratzten ein bisschen Geld zusammen, steckten es den Bullen zu und kauften den Nichtsnutz frei.

Seine Mutter hatte auch damals nur gejammert. Er war natürlich ihr Liebling; wie viel sie sich um ihn gekümmert hatte. Bestimmt war sie mit Tatjana nicht so oft unterwegs gewesen, die hatte sie schon im ersten Lebensjahr in die Krippe gesteckt. Na ja, also war Tatjana mit Saschka losgezogen – wer hätte denn sonst für sie arbeiten sollen? Der Mutterschutz in der Geflügelfabrik war ein Witz, gut, dass ihre Mutter sowieso bald in Rente ging. Und Tatjana fand, dass ihm dort nichts Schlimmes passiert war. Immerhin hatte er weniger herumgelungert und sich eine Arbeit gesucht. Vitalja hatte ihn nicht zur Vernunft bringen können, na, wenigstens hatte die Miliz ihm den Kopf zurechtgerückt. Sonst nur Discos, immer Discos, und dann: Mama, gib Geld her.

Und jetzt war es wieder dasselbe: Ach, Saschenka, oh, Saschenka, und Tatjana sah sie an wie ein Wolf, weil sie den Sohn zur Armee gemeldet hatte. Aber sie hatte ihn gemeldet, weil ein Mann zu etwas nütze sein musste. Ein Säufer in der Familie war schon genug, und dieser hier wäre, Gott bewahre, noch wie sein Vater geworden, nur Discos im Kopf. Und auf den Discos gab es nicht nur „Jaguare“, sondern auch Spice, Badesalz und alles Mögliche, bei so einer Veranlagung. Sie hatten ihn zurechtgestutzt – und gut war’s.

Mit der Armee war es genauso: Bestimmt war das alles besser, als herumzuhängen wie ein Scheißhaufen im Eisloch. Schließlich machte die Armee aus Jungs Männer, und Tatjana brauchte zu Hause einen Mann, auf den sie sich stützen konnte. Die beiden anderen Halbstarken wuchsen ja noch heran, beide musste sie großziehen. In der Wohnung war ohnehin schon kein Platz mehr, sie standen einander auf den Köpfen, und vom Leben war sowieso nur noch wenig übrig.

Jetzt würde sie es ihrer Mutter aber zeigen, wo Saschka wieder aufgetaucht war. Und Vitalja, obwohl er in Tatjanas Gegenwart den Mund hielt, weil er seinen Platz kannte, gab insgeheim doch Tatjana die Schuld. Na, jetzt würde auch Vitalja aufhören, sich von ihr abzuwenden, und sie nicht mehr mit diesem Blick eines grundlos verprügelten Hundes ansehen.

Soll sie sich doch freuen. Tatjana selbst war auch sehr froh; sie fühlte sich, als wäre sie aus dem Grab gekrochen, nachdem man schon Erde auf sie geschaufelt hatte, und hätte wieder frei Luft geholt. Es war schön, zurückzukehren an den Ort, wo Saschka nichts zugestoßen war. Gut, dass er Tatjanas Plan fürs Alter nicht zunichtegemacht hatte, sie nicht gezwungen hatte, aus der neuen Wohnung auszuziehen, und gut, dass Tatjana sich jetzt nicht zerfleischen musste, weil sie ihren Sohn in den Tod geschickt hatte.

Das Capoten wirkte, das Quecksilber schien ihr vom Hinterkopf abzufließen, der Kopf war nicht mehr so schwer und drehte sich nicht länger. Und Tatjana spürte ein kurzes Glück darüber, dass Gott ihr all das verziehen hatte, was sie verbockt hatte, und ihr erlaubte, weiterzuleben wie bisher.

Was sie damit anfangen sollte, wusste sie aus Mangel an Übung nicht.

Sie teilte es mit Vitalja und den Jüngeren. Die fingen alle an herumzulaufen und wurden fröhlich. Vitalja machte ein Bier auf, Tatjana erlaubte es ihm. Tema brach beinahe in Tränen aus. Und erst als sie ihn so ansah, begann Tatjana irgendwie zu begreifen, dass Sascha lebte – und dass er tatsächlich hätte sterben können. Und als Zugabe zu ihrem überschüssigen Glück beschloss sie, Uljanka davon zu erzählen. Eigentlich hatte sie es gar nicht beschlossen, es ergab sich einfach so. Sie hatte Mitleid mit ihr, ja, und schämte sich auch ein bisschen, dass sie sie zur Abtreibung geschickt hatte.

Sie wählte ihre Nummer.

Uljanka ging schnell ran.

— Hallo?

— Uljan! Ich rufe an, um dir was zu sagen: Saschka ist wieder aufgetaucht! — verkündete sie.

Uljanka schwieg. Erst nach einer Weile meldete sie sich. Sie atmete hörbar.

— Echt?! Wo?!

Ihre Stimme zitterte.

— Gerade hat das Wehrkreiskommando angerufen. In Moskau.

— Oh … Tatjana Nikolajewna … Was für ein Glück …

Tatjana hörte aufmerksam zu: Uljanka klang bedrückt und aufgeregt. Na gut.

— Ja! Na also.

Was sie als Nächstes sagen sollten, fiel keiner von ihnen ein. Sekunden verstrichen. Schließlich fragte Uljanka:

— Fahrt ihr hin?

— Wohin?

— Na, nach Moskau? Zu ihm?

— Darüber habe ich noch nicht nachgedacht. Erst müssen wir mit den Ärzten sprechen, herausfinden …

— Sagen Sie Bescheid, wenn Sie sich entscheiden? Vielleicht würde ich auch mit euch zusammen …

Tatjana seufzte, zögerte, aber die ihr zugemessene Güte reichte doch noch aus, um zuzustimmen.

— Ich sag Bescheid.

Inhalt

  1. Registrierung
  2. Der Autor im Netz
  3. 1.
  4. 2.
  5. 3.
  6. 4.
  7. 5.
  8. 6.
  9. 7.
  10. 8.
  11. 9.
  12. 10.
  13. 11.
  14. 12.
  15. 13.
  16. 14.
  17. 15.
  18. Epilog
  19. glukhovsky.com
  20. Über den Autor

Suche

Im ganzen Buch suchen

Das Buch fragen

KI-Antworten mit Zitaten aus dem Buch.

Eine Frage zum Buch

Kommentar

Der Code gilt 10 Minuten. Sie können auch den Link in der E-Mail öffnen.

Bestätigen Sie Ihre E-Mail für den Kommentar. Wir senden ihn an den Autor.