Dmitri Gluchowski · Registrierung
15.
„Wologda! Wologda, wir kommen an!“, steckte die Schaffnerin den Kopf ins Abteil.
Uljana löste den Blick von den Reels und sah aus dem durchgehenden Fenster ohne Oberlicht: Draußen glitten Garagen aus Silikatziegeln und fünfstöckige Wohnblocks vorbei. Der Zug fuhr sanft, wie mit einem Skalpell, in Wologda ein. Sie überprüfte noch einmal ihre Tasche, ob das Geld nicht gestohlen worden war, und stand auf.
Angekommen.
Der Waggon kam fast direkt gegenüber dem märchenhaften Bahnhof zum Stehen, diesem süßen Geschenk aus dem Kreml. Die Leute ergossen sich auf den Bahnsteig und streckten ihre tauben Glieder. Manche wurden abgeholt. Uljanas Mutter konnte den Laden nicht verlassen.
Vor dem Bahnhof stand eine kleine Gruppe Männer unterschiedlichen Alters in Uniform. Uljana warf nur einen flüchtigen Blick auf sie und begriff: Die brachten sie erst noch dorthin. Das waren vorläufig einfach ganz normale Männer, denen man Tarnzeug übergeworfen hatte, keine wandelnden Toten.
Es ist schon praktisch, die Leute mit Zügen zu transportieren, da passen auf einmal eine Menge rein.
Die Typen in Uniform beachteten Uljana überhaupt nicht. Von Uljana ging gerade nichts Weibliches aus, gar nichts. Schon heute Morgen, als sie sich auf der Zugtoilette die Zähne geputzt hatte, hatte sie im Spiegel eine alte Tante gesehen. Und nichts, sie hatte sich nicht einmal erschrocken. Irgendwie war ihr sowieso alles scheißegal.
Wie lange war sie nicht mehr in Wologda gewesen? Eine Woche?
Und doch kam es ihr vor, als wäre sie seit ihrer Kindheit nicht mehr hier gewesen. Nach Moskau war es hier irgendwie staubig, still, leer, sehr ruhig. Diese Ruhe gefiel Uljana. Ihr gefiel, dass die Autos langsam fuhren, dass die Leute schläfrig waren, dass es auf der Straße so wenige Stimmen gab, dass man jeder einzelnen lauschen und verstehen konnte, was gesagt wurde, dass sie nicht alle zu einer einzigen Masse verschmolzen. Ihr gefielen die Risse im Asphalt und das Gras darin, die Dickbäuche mit ihren Umhängetaschen, die schwitzenden Frauen mit ihren roten Fratzen, die dünnen Mädchen mit Jungengesichtern. Nur die kahlgeschorenen Jungs mit den glasigen Augen gefielen ihr nicht – sie erinnerten sie an Sascha.
Sie ging nach Hause, saß eine Weile da. Dann legte sie sich hin und sah Reels. Wenn ein Horoskop kam, wischte Uljana sofort weiter, uninteressant. Die lustigen Reels waren auch alle bescheuert, zum Lachen war ihr nicht. Sie stand nur auf, um kotzen zu gehen.
Dann schrieb Kris ihr und lud sie auf ein Bier ein. Und erst da bekam der Tag irgendwie ein bisschen Farbe. Sie wollte Kristinka sehen und ihr zuhören. Kristinka war für Uljana wie ein Welpe für einen Obdachlosen.
Uljana raffte sich zusammen und fing an, sich das Gesicht zu schminken. Sie machte sich Augen, machte sich Lippen. Tuschte die Wimpern. Es sah aus wie eine Maske. Während sie sich schminkte, vergaß sie, wozu sie das überhaupt tun wollte. Aber zum Treffen kam sie schließlich doch herausgeputzt.
Sie lud Kristinka ins Café ein. Na, Geld hatte sie ja – sie hatte es Sascha aus dem Denkmal geliehen. Sie nahmen jeder ein Baltika. Kris sah Uljana an, als wäre Uljana nirgendwohin gefahren, wie früher. Das war Uljana recht.
„Armer Kerl“, sagte sie mit einem kleinen Aufschrei, als Uljana ihr von Sascha erzählte.
„Ja.“
„Na, dann ohne Anstoßen, ja?“
So hatten sie also auf ihn getrunken. Aber Kris konnte nicht lange über den Tod reden, zu viel Leben sprudelte aus ihr heraus. Und Uljana wusste nicht, was sie erzählen sollte. Und überhaupt, darum ging es ja eigentlich nicht.
„Na gut, und was machst du so?“
„Ach, was soll ich schon machen … Na, mit dem ist es vorbei, ist klar. Jetzt ist noch einer aufgetaucht, hat mich einfach auf der Straße angesprochen, Denis, also auch nicht gerade der hellste Stern am Himmel, Logistiker, dafür aber ganz schön durchtrainiert, angenehm anzufassen. Also, ich frag ihn da nach Serien und so, der hat überhaupt nichts gesehen, so ein richtiger, weißt du, Schwanz-Muschi-Dschigurda, aber für den Sommer scheint er ganz okay, zum Abhängen, sonst sitzt man allein rum, irgendwie …“
Uljana nickte, lächelte sie sogar an, damit nicht auffiel, dass sie kaum verstand, worüber Kristinka redete. Aber einfach neben Kristina zu sitzen, war schon heilsam. Kristinka flatterte mit den Flügelchen, rieb sich die Pfötchen, sah sich um. Nach drei Tagen hatte sie sich wieder berappelt, und alles interessierte sie, während Uljana sie aus ihrem Bernstein heraus versteinert ansah und zu begreifen versuchte, wie das ging und wozu.
„Nur zu fressen gibt’s nichts“, seufzte Kristinka, „sonst ist eigentlich alles geil. Und was willst du jetzt machen?“
Uljana musste nichts machen. Sie konnte jetzt einfach herumlungern. Aber als sie sich vorstellte, rund um die Uhr herumzuliegen und Reels durchzuscrollen, wurde ihr wieder übel.
„Was ist übrigens mit unserem Salon?“, fragte sie.
„Ach, nichts. Ich bin dran vorbeigegangen, da stand, dass er samt Ausstattung zu verkaufen ist. Aber in drei Tagen kauft den jetzt keiner.“
Vor drei Tagen hatte es Uljana Spaß gemacht, sich auszumalen, wie sie zu Anatoli Sergejewitsch gehen und ihm das Geld ins Gesicht werfen würde, wie der aus allen Wolken fallen würde. Wenn sie das doch nur noch einmal fühlen könnte. Da, du Arschloch, stell mich hier ruhig noch mal vor die Tür. Jetzt bin ich hier die Chefin und ich entscheide. Und du – packst sofort deinen Krempel und verpisst dich aus dem Bild! Uljana lauschte in sich hinein. Wie das Echo eines „Hallo!“ vom Grund eines Brunnens zurückkommt, so hallte auch die frühere Vorfreude darauf, Anatoli Sergejewitsch fertigzumachen, schwach in ihr wider. Aber immerhin war da etwas, wenigstens ein Laut.
„Ich kauf ihn raus“, sagte sie zu Kristinka. „Ich kauf ihn raus und stelle dich wieder ein. Und ich zahle dir doppelt so viel.“
Kristinka leuchtete richtig auf, so sehr freute sie sich.
„Echt?!“
„Ja.“
„Uljanytsch! Darf ich dich küssen? Wenn du willst, auch mit Zunge!“
Sie umarmten sich.
Kristinka schmiegte sich mit dem ganzen Körper an sie und zitterte vor Glück. Es stellte sich heraus, dass man mit dem Geld tatsächlich etwas Vernünftiges anfangen konnte. Uljana ließ sie nicht los und wärmte sich an ihr.
• • •
Im Bestattungsinstitut bekam Tatjana plötzlich Angst, dass sie Sascha so herrichten würden, dass jeder sehen konnte, dass sie einen Mann ohne Beine beerdigten. Sie wollte nicht, dass die Leute das sahen. Nicht, weil sie sich für Sascha schämte, sondern einfach … Na ja, um ihm zum Abschied noch etwas Gutes zu tun. Damit sie ihn als schönen Mann beerdigen konnten.
Also fing sie an, mit den Leuten zu streiten, damit sie noch zwei Kissen hergaben und sie so hinlegten, als wären es Beine, und oben sollte irgendeine Decke drüber. Die sagten, es sei nur ein Kissen vorgesehen, für den Kopf, und das sei schon aus Satin. Wenn sie wollten, sollten sie eins von zu Hause mitbringen. Und Tatjana brachte zwei gute Federkissen von zu Hause mit, gerade erst gekauft, und machte Sascha darunter Beine.
So wurde er auch hübsch gemacht und ordentlich gekämmt, damit man die Narben am Kopf nicht sah, und die Stirn wurde unter einem Papierkranz mit dem Bild Christi verborgen. Sie beerdigten ihn in Ausgehuniform, die sein Vater und sie ihm gekauft hatten, und Tatjanas Mutter gab ihm ihre Ikone des heiligen Nikolaus des Wundertäters in die Hände.
Er lag geschminkt im Sarg, nur waren seine Augen tief eingesunken, und wegen der Augen sah er nicht wie ein Schlafender aus. Tatjana saß neben ihm und erinnerte sich an alles: an die Schweinegrippe, an Röteln, an die Nacktschnecken auf dem Kohl, daran, wie er sich im Wald verlaufen hatte, an die Fünfen in Mathe und an „Onkel Stepa“. Sie bewunderte die Plastikpuppe im Sarg, aber diese Puppe war nicht Sascha. Und wo war ihr Sascha dann?
Nirgendwo.
Sie richtete ihm noch einmal die Abzeichen auf der Brust, streichelte die fremde Hand. Prüfte, ob die hässliche braune Naht unter dem Papier hervorlugte. Nein. Alles war schön, alles war ordentlich. Anständig.
Sie wollte sich nicht erinnern, aber ihr fiel wieder ein, wie Sascha sie angesehen hatte, vor dem Einberufungsamt, neben dem Bus, zu dem sie ihn gebracht hatte. Er hatte sie angesehen, als wäre das ein Scherz, als würde jetzt gleich alles abgesagt und man würde ihn zum Mittagessen nach Hause schicken.
Na ja, dann kamen alle, hoben den Sarg auf die Schultern, luden ihn in den Bus und fuhren staubend zum Kozizinskoje-Friedhof. Als sie von der großen Straße abbogen, begann der Bus auf den Schlaglöchern zu schaukeln, und die Leute, die neben dem Sarg im Bus saßen, wackelten ebenfalls hin und her, aber der Sarg war gut befestigt und stand gerade.
Sie kamen auf dem Friedhof an, und da waren so viele Gräber! Mit weiß-blau-roten Flaggen. Es sah beinahe nicht wie ein Friedhof aus, sondern wie eine Parade. Und Kränze, Kränze. Und Fotos, Fotos. Alles Männergesichter. Und ganz hinten, bei den Bäumen, hatten sie Sascha einen Platz gemacht. Mitten unter den anderen, auf der Heldenallee. Für Sascha war schon alles vorbereitet, sie mussten nur noch den Sarg hinunterlassen, und weiter hinten gruben sie bereits das nächste Grab.
Als sie aus dem Bus stiegen, brach die Mutter in Tränen aus.
„Siehst du, Sanetschka, wie viele Menschen gekommen sind, um sich von dir zu verabschieden, alle lieben dich, und du kannst es nicht einmal sehen“, sagte sie zu ihm.
„Mama! Geh wenigstens hinter dem Sarg, statt ihn zu überholen!“, zischte Tatjana sie an.
Auch sie tat Sascha sehr leid, aber für Sascha war es jetzt wichtiger, dass alles würdig ablief. Schließlich war er ein gefallener Soldat. Man musste ihn feierlich und so beerdigen, wie es sich gehörte. Dafür hatte sie alles getan, was sie konnte. Vitalja hatte zu trinken angefangen, als er es erfuhr, also konnte man ihn vergessen. Und an wem blieb die ganze Vorbereitung hängen? An Tatjana. Tatjana musste die Bestatter bezahlen, den Platz bestätigen, mit dem Popen verhandeln, den Totengräbern eine Flasche geben und alles Übrige erledigen. Und wenn sie weinen wollte, kam ihr nur Unsinn in den Kopf. Sie hatte sich extra früh vor den Sarg gesetzt, um sich in die Stimmung hineinzuversetzen, und erinnerte sich an das Falsche.
Na ja, schließlich waren sie da. Sie rückte Vitalja zurecht, verpasste Tema einen Klaps auf den Hinterkopf und wies ihre Mutter zurecht. Vom Einberufungsamt war irgendein Mann in Uniform gekommen, der sich zusammen mit dem Popen zur Beisetzung dazugesellte.
Es war ein guter Tag für eine Beerdigung, nicht heiß, weiße Wölkchen schoben sich manchmal vor die Sonne, das Laub raschelte in den Bäumen, mit denen sie das Gräberfeld bepflanzt und vor der Straße abgeschirmt hatten, und die Vögel zwitscherten. An so einem Tag ist es schön auf der Datscha.
„Na, Sascha, jetzt bist du hier“, sagte Vitalja zu seinem Sohn, als sie den Sarg herantrugen.
„Alexander Lasarenko ist bei der Erfüllung seiner militärischen Pflicht in der speziellen Militäroperation gefallen“, verkündete der Offizier mit dröhnender Stimme. „Bei der Verteidigung unseres Vaterlandes gegen den Feind. Ewiges Gedenken dem Helden.“
Er gab Vitalja die Hand, überließ dem Popen das Wort und ging zweihundert Meter weiter zu anderen Menschen seinesgleichen.
„Mit den Heiligen gewähre Ruhe, Christus, der Seele deines Knechtes Alexander“, sang der Pope. „Wo weder Krankheit noch Kummer noch Seufzen sind, sondern das Leben ohne Ende.“
Der Pope war jung, blond, trug eine Brille und hatte einen ganz spärlichen Bart, als hätte er ihn noch nie rasiert. Seine Stimme war tief und klangvoll. Er las den ersten Teil vor, dann gab er denen, die neben ihm standen, flüsternd einen Hinweis:
„Und jetzt alle zusammen …“ Er machte vor, wie die Töne zu singen waren. „Ewiges Gedenken!“
„Ewiges Gedenken! Ewiges Gedenken!“
Nur weil Tatjana auf alle achtete, entdeckte sie Uljanka schon von Weitem. Sie erkannte sie an ihrer Größe und an ihrem Gang. Uljanka eilte herbei, ging nicht wie auf einem Friedhof, nicht feierlich, sondern als wäre sie mal eben Brot holen gegangen. Sie kam angerannt, blieb stehen, sagte nicht guten Tag. Sie war angezogen wie der letzte Mensch, fast in Jeans. Tatjana machte ihr nur aus Respekt vor der Beerdigung keine Szene. Sie ließ sie einfach dastehen. Uljanka sah Tatjana nicht an, sondern Sascha. Wahrscheinlich hatte es ihr jemand gesagt, Vitalja wohl.
Sie beendeten das Gebet.
Und während sie sangen, begriff Tatjana etwas. Diese Erkenntnis begann sie so von innen zu stechen, so zu schneiden, dass sie sie nicht für sich behalten konnte, obwohl sie sich geschworen hatte, die Beerdigung nicht zu verderben. Sie stellte sich an Saschas Kopfende, und als Uljanka auf sie zukam, um Sascha zum Abschied auf die Stirn zu küssen, zischte sie ihr zu:
„Du hast mich doch belogen. Du hast gesagt, du würdest an einem anderen Tag fahren. Wenn du mich nicht belogen hättest, hätte ich ihn noch lebend gesehen. Wir hätten noch mit ihm reden können, wir hätten es geschafft.“
„Worüber?“, fragte Uljanka sie, ohne hinzusehen.
„Über dich. Ich hätte es ihm ausgeredet, dann wäre er jetzt noch am Leben. Wenn du nicht geheiratet hättest, wäre unser Saschenka noch am Leben!“
Uljana zuckte mit den Schultern.
Und erst da gingen Tatjana die Augen auf, das Wasser schoss ihr heraus, und sie brach laut in Tränen aus.
• • •
Sie hatten Kirjucha diesmal gebeten, extra früh nach Hause zu kommen; Marina hatte Schweinefleisch mit Knoblauch im Ofen gebacken, das er seit seiner Kindheit liebte, und Kartoffeln angebraten. Trotzdem kam er zu spät, und das Schweinefleisch war steif geworden.
Er stürmte aufgeregt herein. Das Telefon am Ohr, schnurrte er selig hinein:
„Verzeih, Kätzchen, heute bleibe ich zu Hause. Ja, nach gestern bin ich einfach ein kaputter Pixel. Aber morgen erstehe ich von den Toten und verspreche, bei deinem Set in der Fan-Zone mit Leuchtstäbchen und Pornstar Martinis dabei zu sein! I’m your biggest fan, das weißt du doch! Ja, Madame Diana, Sie dürfen mich bestrafen. Na, bitte verzeih mir. Ich lebe in Vorfreude auf unser Wiedersehen.“
Schließlich wusch er sich die Hände und sprang in die Küche.
„Wow! Ist dieses Festmahl etwa mir zu Ehren?“
„Na klar!“, lächelte Marina ihn an. „Hast du Hunger?“
„Wie ein Tier.“
Er stürzte sich auf sein Kindheitsschweinefleisch und begann geradezu zu schnurren, während Maxim sich erneut Whisky nachgoss.
„Vielleicht reicht’s?“, bat Marina.
Er nahm einen Schluck – wieder einen großen, bösen – und sagte zu seinem Sohn:
„Kirjuch … Mama und ich wollten mit dir reden.“
„Na, dann redet!“, erlaubte Kirill.
„Wir finden, du solltest das Land verlassen.“
„Nicht schon wieder! Was soll der Scheiß?“
„Weil … Der Einberufungsbescheid hängt da. Und Uljana … Wer weiß, Kirill. Wer weiß schon.“
Kirill hörte auf, das Fleisch mit den Zähnen zu zerreißen, und legte das Besteck weg.
„Seid ihr for real? Für wie lange?“
„Na ja … Ganz weg. Für immer.“
„Das kann ich nicht, Papa!“, lachte Kirjucha.
„Nicht für immer“, schaltete Marina sich ein. „Nicht für immer! Bis sich das alles beruhigt hat …“
„Ich fahre nirgendwohin“, protestierte Kirill. „Habt ihr einen Hitzschlag oder was? Wohin soll ich denn fahren?“
„Keine Ahnung, wohin. Wohin du willst. Du könntest erst mal nach Georgien, auf ausgetretenen …“
„Ich will in kein Georgien!“, sein Lächeln war ihm wie festgefroren. „Was soll ich da machen?!“
„Na, nicht Georgien, dann Thailand! Bali. Schau nur, wie viele von unseren Leuten auf Bali sind.“ Maxim nahm noch einen Schluck. „Und allen gefällt’s!“
„Ich will verdammt noch mal kein Bali! Da ist es öde! Die vergreisen da alle! Ich will mich nicht in einen Pilz verwandeln!“
„Paris, New York, London … Die ganze Welt steht dir offen, Kirill! Die ganze Welt!“
„Wen kenne ich denn da? Ich kenne da niemanden! Was für ein New York, bist du irre?!“ Seine Stimme brach.
„Ich meinte das nur … als Beispiel …“, sagte Maxim verlegen.
„Ich habe einen Job bekommen! Das wollte ich euch sagen … Ich dachte, das Abendessen wäre deswegen … Ich habe die dritte Runde geschafft, mit dem stellvertretenden Generaldirektor … Sie nehmen mich für zweihundertfünfzigtausend! Mich! Sie nehmen mich! Und da gibt es Perspektiven …“
Maxim nippte erneut an seinem Whisky.
„Überall gibt es Perspektiven, Kirjuch … Du hast es hier geschafft, du schaffst es überall. Du bist bei uns das Gehirn …“
„Ich fahre nirgendwohin“, sagte sein Sohn plötzlich mit ganz anderer, harter, erwachsener Stimme.
„Du fährst“, erwiderte Maxim mit derselben Stimme. „Du fährst, mein Lieber. Entweder du fährst, oder du gehst zur Armee.“
„Schwachsinn! Wie oft denn noch? Meine Freundin ist hier … Hier ist alles für mich. Meine Freunde … Warum wollt ihr mich rauswerfen?“
„Weil es hier nie wieder normal sein wird!“
„Hier ist es jetzt schon okay! Mir gefällt alles!“
„Okay? Wir wollen hier nicht sitzen und uns um dich zu Tode zittern!“, schrie Maxim ihn an.
„Dann lasst es! Ihr müsst nicht dasitzen und euch nicht zu Tode zittern! Du, du hast Schiss! Du, nicht ich! Mir wird schon nichts passieren!“
„Diana kommt zu dir, wenn sie dich liebt. Und überhaupt … Mädchen … Na ja, Mädchen …“, sagte Marina zum ersten Mal ein Wort.
„Ma! Was mischst du dich denn jetzt ein?! Was redest du bei unserem Gespräch mit?!“
„Wag es nicht, so mit deiner Mutter zu reden!“, bellte Maxim. „Wag es nicht, hast du mich verstanden?!“
„Ach, leck mich, Papa! Wie redest du denn mit ihr? Jetzt willst du mir noch was beibringen! Sitzt da und säufst, und dann kommst du auch noch mit so was …“
Er schob den Teller mit den Schweinefleischscheiben von sich weg, sprang auf und wollte davonstürmen, doch Marina breitete die Arme aus und fing ihn ab.
„Bitte!“, flehte sie. „Na bitte!“
„Was heißt hier ‚bitte‘?“, donnerte Kirill mit tiefer Stimme. „Was?!“
Das war ein anderer Mensch, nicht Kirjuscha; irgendein Fremder.
„Du Rotzbengel!“, brüllte Maxim. „Du hast ja noch kein Pulver gerochen! Was weißt du denn schon? Wir haben eben Reflexe! Seit der Geburt! Mit der Muttermilch … ‚Du hast Schiss!‘ Euer Jahrgang muss sich die erst noch aneignen! Na ja, das werdet ihr schon … Ihr kommt nicht drum herum!“
„Jungs …“
„Was für Jungs, verdammt noch mal? Schau ihn dir doch an, so ein Kerl! Und denken will er keinen Scheiß! Vögeln will er!“
Marina schluchzte auf.
„Es ist einfach eine Zeit wie diese … Wir müssen sie nur überstehen … Sie dauert nicht ewig … Das ist bald vorbei. Bald, das spüre ich. So lange kann das nicht weitergehen … Was hier geschieht, ist widernatürlich. Und er wird sich nicht lange halten. Er wird verschwinden, oder er wird sterben, und dann kommt alles wieder, alles wird wie früher. Wir müssen einfach ausharren … Warten, bis es vorbei ist. Uns bewahren. Einander bewahren. Jungs … Ich bitte euch.“
Kirill schüttelte es richtig. Er wand sich aus Marinas Umarmung, befreite sich aus ihren Armen und schnaubte. Dann riss er sich los, stürmte in den Flur und knallte die Eingangstür zu. Maxim goss sich Whisky nach.
„D-dieses Arschloch“, sagte er unsicher.
Marina ging ebenfalls. Maxim stand auf, trat ans Fenster und öffnete es einen Spalt. Warme Sommerluft strömte herein, süßlicher Moskauer Smog. In der dunklen Scheibe spiegelte er sich, Maxim – mit seiner verzerrten Fratze.
„D-dreckskerl“, wiederholte Maxim voller Hass und schlug sich auf die Wange.
• • •
Die Schlange vor der Gynäkologie war kurz: eine kleine Privatklinik. Uljana hatte eine ausgesucht, in der sie auf der Straße niemandem begegnen würde; in einem fremden Viertel. Da saß irgendeine Tadschikin, vielleicht auch eine Kasachin, ein Mädchen, kaum siebzehn, und außerdem eine Frau mit dickem Bauch.
Während sie auf ihre Reihe wartete, spielte Uljana auf dem Handy immer weiter Diamantenspiel – man musste sie nach Farbe und Form sortieren, damit sie sich reihenweise auflösten. Ein gutes Spiel: Man dachte an nichts anderes, ließ sich nicht ablenken, nicht so wie bei Reels. Bei den Diamanten war Uljana weit gekommen, hatte es sogar in die Rangliste der besten Spieler geschafft.
Da wurde sie aufgerufen.
Uljana strich ihren Rock glatt und schniefte. Was für ein Arzt würde das wohl sein? Dzagojew Timur Michailowitsch.
Ein älterer Mann saß dort, schwarzer Schnurrbart mit grauen Strähnen, eine Brille wie bei einem Intellektuellen. Wirkte irgendwie sympathisch, aber so einer könnte auch in irgendeiner Firma als Direktor sitzen; auf den ersten Blick sah er nicht unbedingt wie ein Arzt aus. Sein Gesicht war nicht sonderlich mitfühlend. Vielleicht war das sogar gut.
— Ich höre.
— Ich möchte die Schwangerschaft abbrechen lassen, sagte Uljana und sah ihm in die Augen. — Ich habe gelesen, dass Sie eine Vakuumabsaugung anbieten, an einem Tag, stimmt’s? Ambulant. Ich muss das an einem Tag erledigen.
— Ja, ja, warten Sie mal, der Doktor bremste Uljana mit einer sanften Hand ab. — Lassen Sie uns erst einmal miteinander reden. Vakuumabsaugung! Sie verstehen doch, dass da ein Menschlein in Ihnen sitzt. Es hat Händchen, Füßchen, Äuglein … Und Sie wollen eine Vakuumabsaugung. Vielleicht hat es sogar eine Seele. In welcher Woche sind Sie, wenn ich fragen darf?
— Ich bin in der dreizehnten Woche.
— Wie bitte?
— Dreizehn, wiederholte Uljana.
— Dreizehn! Also wirklich! Nein … In diesem Stadium können wir definitiv nichts mehr für Sie tun, er rutschte unruhig auf seinem Stuhl hin und her. — Wir machen das hier nur bis zur zwölften Woche, danach dürfen wir nicht. Und ganz bestimmt keine Vakuumabsaugung … Das wäre dann ein richtiger Abbruch! Aber wie ich Ihnen schon gesagt habe, wir dürfen das nicht.
Uljana hatte sich auf dieses Gespräch vorbereitet. Auf ihren Knien stand ihre Tasche; sie klickte den Verschluss auf und öffnete sie.
— Ich zahle über den Tarif hinaus, sagte sie leise, aber bestimmt.
— Über den Tarif hinaus! Also, Sie … Warum haben Sie überhaupt beschlossen, das zu tun?
— Die Schwangerschaft ist schwer, antwortete Uljana. — Übelkeit und überhaupt.
— Also wirklich, meine Liebe … Übelkeit! Als ob Übelkeit ein Grund wäre. Das geht doch alles vorbei, das ist vorübergehend. Das ist ganz sicher kein Grund! Und überhaupt … Dreizehn Wochen. Es hat schon Fingerchen an Händen und Füßen und sieht ganz wie ein Mensch aus. So groß … er zeigte es mit den Fingern. — Schon acht Zentimeter.
— Ich weiß Bescheid. Ich lese im Internet.
Von außen hielt sie sich noch ruhig, doch innen hämmerte es immer wütender, immer schneller gegen ihre Rippen.
— Nach der zwölften Woche ist das in unserem Land nur aus sozialen Gründen erlaubt …
— Ich habe soziale Gründe, griff Uljana den Hinweis auf.
— Welche denn?
— Alleinerziehende Mutter. Es gibt keinen Vater.
— Wissen Sie, was als soziale Gründe gilt? Die Liste wurde stark gekürzt, sagte Timur Michailowitsch und musterte Uljana aufmerksam. — Soziale Gründe sind jetzt nur noch Vergewaltigung. Ist Ihnen, hoffe ich, so etwas nicht passiert?
— Nein.
— Und wo ist der Vater? Des Kindes.
— Er ist gestorben.
— Darf ich fragen, unter welchen Umständen?
— Er ist bei der SVO gefallen, sagte Uljana und sprach den Zauberspruch aus, der früher funktioniert hatte.
Das Gesicht des Arztes veränderte sich.
— Wir können nicht. Ich bitte Sie, versuchen Sie es gar nicht erst …
Uljana griff in ihre Tasche und holte ein Bündel heraus: hunderttausend Rubel. Mit einem Papierband der Bank zusammengehalten. Onkel Maxims Geld, Sachas. Sie legte es auf den Tisch und las ihm die Aufschrift auf dem Band vor:
— Hunderttausend.
Timur Michailowitsch fuhr regelrecht vor dem Geldbündel zurück.
— Sie verstehen das wohl nicht, was, junge Frau? Wir werden hier alle zum Gouverneur zitiert und angewiesen, dass wir das nicht mehr machen dürfen. Wir sollen alle davon abbringen. Und erst recht, wenn es um das Kind eines SVO-Teilnehmers geht! Was ist denn mit Ihnen, sind Sie überhaupt noch bei Verstand?
Uljana kramte in ihrer Tasche und legte ein zweites, gleiches Bündel auf den Tisch.
— Zweihundert.
— Ich kann nicht, hören Sie mir denn nicht zu? Bei uns gibt es Kontrollen, die machen uns verdammt noch mal dicht, wenn ich bei der Witwe eines SVO-Teilnehmers einen Abbruch vornehme!
— Dann schreiben Sie es nirgendwo auf. Machen Sie es einfach. Dreihunderttausend, hier. Reicht das?
Er sprang auf.
— Ich sage Ihnen, ob dreihundert oder nicht, es geht darum, dass sie mit der Staatsanwaltschaft hier antanzen und den Laden dichtmachen! Wollen Sie mich provozieren? Die Sprechstunde ist beendet, danke!
Uljana schleuderte ihm noch zwei Bündel hin. Timur Michailowitsch sah sie an, die halbe Million Rubel auf seinem Schreibtisch. Er schüttelte den Kopf, erst nach rechts, dann nach links.
— Verstehen Sie nicht, was gerade für Zeiten sind? So viele Männer sterben! Und nicht nur bei Ihnen! Das Land muss den Bestand wieder auffüllen … Es gibt spezielle Programme, der Präsident spricht davon. Und außerdem ist das nicht orthodox. Traditionelle Werte, Familie … Und Sie? Sind Sie gläubig?
Uljana begann zu zittern.
— Ich will nicht. Ich will es nicht. Wie viel wollen Sie? Was soll das hier … Wozu? Ich habe noch, hier, noch mehr, das ist alles, mehr habe ich nicht, was wollen Sie denn noch? Ich will es nicht, ich will nicht länger mit ihm in mir herumlaufen, ich will, dass Sie ihn wegmachen, was ist daran so schwer zu verstehen?! Was?! Holen Sie das aus mir raus! Und ich brauche auch kein Geld, gar nichts! Was glotzt du mich so an? Bist du bescheuert, oder was?! Das ist mein Körper, ich will es wegmachen lassen! Vakuum oder nicht, fehlt dir etwa Geld?!
Der Doktor raffte alle verstreuten Geldbündel vom Tisch zusammen, nahm Uljana die Tasche ab und stopfte alles hinein. Er packte sie am Arm, riss sie hoch und zerrte sie zur Tür. Sie stemmte sich dagegen, aber er war stärker.
— Frau … Beruhigen Sie sich! Hier entscheiden weder ich … noch Sie … Wir können da nichts mehr machen … Hören Sie mich? Schluss jetzt! Ruhe! Das liegt nicht mehr in unserer Hand!
— Ich mache es trotzdem, ob mit dir oder ohne dich, glaubst du, es gibt keine anderen Ärzte?! Da spielt sich einer als Prinzipienreiter auf! Oder hast du einfach Schiss? Schiss, ja?!
— Genug … Genug. Entschuldigen Sie.
Er stieß sie auf den Flur hinaus, stellte sich ganz rot vor Zorn in die Tür und versperrte Uljana den Weg zurück. Dann rief er dem Mädchen am Empfang zu:
— Katjenka … Katja! Von der hier nimmst du nichts an. Ja … Sie hat den Termin abgebrochen.
• • •
Später war Moskau ganz erschlafft, die Menschenströme waren abgeebbt, und alle, die nirgendwohin in Urlaub fahren konnten, trotteten träge umher. Am Wochenende schlugen sich Maxim und Marina lustlos auf der Datscha die Zeit tot, klebten in der Untätigkeit wie in überzuckertem Marmeladenmus fest und hatten nicht vor, in die Stadt zu fahren. Doch Galina Igorewna rief von der Arbeit an und teilte mit, dass ein Schreiben mit Siegeln eingetroffen sei. Darin stand, dass für den nächsten Tag eine staatsanwaltschaftliche Prüfung angesetzt war, aufgrund von Verbraucherbeschwerden.
Marina sagte Maxim nur, dass es bei der Arbeit wieder einen kleinen Notfall gebe. Er machte sich fertig und fuhr in die Stadt. Es ging irgendwie plötzlich, fast reflexartig, und erst als er auf der Simferopolskoje-Autobahn im Strom der anderen Datscha-Ausflügler feststeckte, tauchte er für eine Sekunde aus dem Bewusstseinsstrom auf, in dem er bereits überlegte, wohin er all die Bücher ausländischer Agenten aus dem Laden schaffen sollte, und betrachtete das Ganze gleichsam von außen. Er wollte doch bis zum Ende gehen und sein Sortiment verteidigen, hatte diese Prüfung selbst heraufbeschworen und war, wie es schien, moralisch vollkommen darauf vorbereitet. Und nach wie vor war er überzeugt, dass er gegen keine Gesetze verstoßen hatte, dass jeder Prüfer zwangsläufig zu diesem Schluss kommen würde und Maxim nichts vorwerfen könnte.
Wohin fährst du eigentlich und warum?
Gott sei Dank hatten sie wenigstens einen Tag vorher Bescheid gesagt, brummte parallel eine zweite Stimme in ihm, dumpf und im Widerspruch zur Stimme der Vernunft. Stell dir nur vor, sie wären unangekündigt gekommen, hätten die arme Galina Igorewna erschreckt, alles auf den Kopf gestellt und hätten Newzorow, Bykow, Schulman gefunden. Und was, wenn irgendwo im Lager auch noch „Sommer im Pionierhalstuch“ herumliegt? Was dann? Gott sei Dank, dass sie ihm die Möglichkeit gegeben hatten, Ordnung zu schaffen, den ganzen verbotenen Kram zu verstecken, irgendwohin wegzubringen und sich dumm zu stellen.
Nur für die Dauer der Prüfung verstecken, sagte ein Maxim streng zum anderen. Ja, natürlich, nur für die Dauer der Prüfung. Einfach weil es keinen besonderen Grund gibt, sich Ärger einzuhandeln, und weil es keinen Sinn hat, gerade jetzt unnötige Aufmerksamkeit auf sein Geschäft, auf sich selbst, auf seine Familie zu lenken. Wir wissen ja nicht sicher, ob sie uns hier gerade sozusagen unter die Lupe nehmen oder ob diese Prüfung Teil einer größeren Prüfung ist, richtig? Und warum sollte man ihnen helfen, wenn es unsere Aufgabe ist, ihnen so gut wie möglich Steine in den Weg zu legen? Marina hatte schließlich damals recht, und sie hatte sich das auch nicht selbst ausgedacht: Drei Generationen sowjetischer Intelligenz hatten so gelebt und überlebt und auf wenn auch kurze, aber glücklichere Zeiten gewartet. Das Wichtigste sei, sich selbst zu bewahren. Na schön, sie würden seinen Laden schließen – wem wäre damit geholfen? Wenn sich die Lage beruhigte, könnte man die Bücher ausländischer Agenten immer noch unter der Ladentheke verkaufen; man musste sie ja nicht so provokant in die Regale stellen. Aber erst einmal sollte sich die Lage beruhigen.
Natürlich war das Gesetz auf seiner Seite, aber Gesetze änderten sich jeden Tag, und in diesem Zauberland hatte man sogar gelernt, sie rückwirkend anzuwenden – erstens. Und zweitens galt das Gesetz bei ihnen nur für die Feinde, wie Franco es vermacht hatte. Wenn die Prüfer wollten – und sie würden wollen –, würden sie bestimmt zusammen mit diesen Aktivisten auftauchen, und die würden ihnen etwas einflüstern. Dann würden sie ihm irgendetwas anderes vorwerfen, das überhaupt nichts mit Büchern zu tun hatte, zum Beispiel die Armee zu diskreditieren. Dabei war er ohnehin in einer verwundbaren Position; warum sollte er sie herausfordern? Und was hatte das mit Angst zu tun? Angst führte doch gerade zu irrationalem, impulsivem Verhalten. Hier war es umgekehrt: reine rationale Kalkulation, eine abgewogene Risikoberechnung. Das war schließlich wie eine Schachpartie, die Maxim gegen einen Großmeister spielte. Man konnte Figuren opfern, um die Partie nicht zu verlieren, und es gab verschiedene Strategien: Man konnte sie in die Länge ziehen und hoffen, dass der Großmeister von den anderen Spielern erschöpft wurde und einen Zug übersah, einen Fehler machte. Und unter den jetzigen Umständen wäre es schon ein hervorragendes Ergebnis, die Partie wenigstens remis zu beenden.
Dann stand er mitten in der Stadt vor einer roten Ampel und kam für einen Moment wieder zu sich. Wie sollte das keine Angst sein, wenn es genau das war? Spürst du, wie du dich zusammenziehst, wie du herumhetzt, wie dich diese Ampel wütend macht, weil sie so lange rot bleibt und dich nicht zu deinem Buchladen durchlässt, als hielte sie dich auf, damit du es nicht schaffst, die falschen Bücher aus den Regalen zu räumen? Was, wenn nicht Angst, sollte das sein?
Wir warten ab, wir sitzen das aus, wir werden ganz bestimmt noch erleben, wie der eine stirbt und dann auch der andere, wie die Partisanen eines mickrigen Untergrunds mit Filzstift auf die städtischen Werbeplakate schrieben, nickte Maxim sich selbst zu. Nur: Werden diejenigen, die durchgehalten haben, noch dieselben sein wie die, die gehofft hatten, die Zeit zu überstehen?
Dann wurde es grün, und Maxim fuhr weiter.
Er stellte den Wagen schief ab, begrüßte Galina Igorewna geschäftsmäßig und schickte sie in die Pause. Dann holte er eine Pappkiste aus dem Lager und begann, die fragwürdigen Bücher ordentlich und ohne Hast, ganz beherrscht, aus den Regalen darin zu verstauen. Es waren alles gute Bücher; Maxim hatte das Sortiment immer selbst zusammengestellt und sich dabei vor allem auf seinen eigenen Geschmack verlassen. Und er hatte ganz bestimmt nicht vor, sie wegzuwerfen. Er wollte sie nur irgendwohin bringen, meinetwegen auf die Datscha, und dort verstecken, sie vor der staatsanwaltschaftlichen Prüfung, vor der Verfolgung in Sicherheit bringen. Wenn man so darüber nachdachte, hatte das sogar etwas Poetisches. Wenn man so darüber nachdachte.
• • •
Uljana wollte schon zurück nach Moskau fahren – in Wologda waren die Gynäkologen alle eingeschüchtert, aber in Moskau konnte man bei ihnen alles für Geld bekommen. Während sie danach suchte, hatte sie Zeit vertrödelt. Dann besuchte sie noch ihre Mutter.
Sie wartete, bis ihre Mutter den Lebensmittelladen schloss, dann gingen sie nach Hause. Die Mutter erzählte ihr von der Gartenarbeit und berichtete über die Nachbarn, und nebenbei – Uljana spürte es – warf sie ihr immer wieder solche Blicke zu … als sähe sie in ihr eine Waise.
Sie kamen an und setzten den Teekessel auf. Uljana ging in ihr Zimmer, aus dem sie einst hinausgeschlüpft war. Alles war unberührt, als wäre sie noch ein Schulmädchen. Vor diesem ganzen bescheuerten Leben. Sie legte sich auf ihr altes Bett. Dann stand sie wieder auf: zu eng.
— Gibt’s was Stärkeres? fragte sie ihre Mutter.
— Was denn? Was Stärkeres will sie! Na hör mal! Und wer soll dann das Kind kriegen?
— Ich will nicht gebären. Ich werde es nicht tun.
— Uljasch … Na, wir haben noch ein bisschen Cognac. Wie kannst du denn nicht wollen?
Uljana goss ein Gläschen ein, trank es aus und schenkte sich sofort noch eins nach. Die Mutter schüttelte den Kopf, widersprach aber nicht. Sie wartete. Uljana kippte das zweite hinunter. Ihr wurde wieder übel. Na los, du Schlampe, halt es aus.
— Ich will das alles nicht mit mir herumschleppen.
— Was herumschleppen?
— Er wird mich daran erinnern.
— An Sascha? fragte ihre Mutter mitfühlend.
— An alles, Mama! An alles!
— Und was soll man jetzt machen? Es ist doch alles passiert.
— Vielleicht will ich ja, dass mir das alles nicht passiert wäre, Ma-ma!
— Na, na … Ganz ruhig … Die Mutter kam zu ihr und nahm sie in die Arme. — Bekomm ihn für mich, für mich, und ich kümmere mich dann um ihn. Ich würde so gern einen Enkel verwöhnen.
— Mama, hörst du nicht? Er sitzt da drin in mir, mir wird davon übel.
— Ich höre doch alles, ich höre. Aber das Kind ist ja nicht nur aus Sascha gemacht, es ist auch zur Hälfte aus dir gemacht, Uljasch. Wie kannst du es nur … Und aus mir ist es auch gemacht.
— Na und? Was soll daran gut sein?
Sie wollte sich ein drittes Gläschen einschenken, aber ihre Mutter hielt sie auf. Sie schüttelte den Kopf und sagte zu ihr:
— Das Kind kann nichts dafür, Uljana. Wofür es bestrafen?
• • •
Zum ersten September wurde Tatjana in die Schule eingeladen, in die Saschka gegangen war. Zur feierlichen Eröffnung. Sie hatten sich wie aus dem Nichts gemeldet, angerufen und sie eingeladen. Es sei eine feierliche Veranstaltung, sie solle sich herausputzen. Man wolle, so hieß es, Saschkas Andenken ehren.
Eine Woche lang verbot sie Witalja zu trinken, damit er bei der Feier wenigstens nicht so aufgedunsen aussah, damit er halbwegs menschlich wirkte. Und sie selbst ließ sich die Haare schneiden und färbte sie noch dazu rot, ungefähr so, wie sie in ihrer Jugend gewesen waren. Danach probierten sie mit Swetka noch lange Kleider im Geschäft an, bis sie ein schönes fanden. Für ihre Hochzeit hatte sie sich nicht so schick gemacht wie für diese Feier. Es war schließlich ein Ereignis!
Witalja ging in Hose und Hemd, sie hatte beides gebügelt. Die Hose hatte er seit dem Jubiläum auch nicht mehr angehabt. Sie kämmte ihn, bis man sich mit ihm sehen lassen konnte. Na, dann gingen sie los.
Es war dieselbe Schule, auf die früher, vor dem Umzug in die neue Wohnung, auch Swetka und Tema gegangen waren. Sie kannten alle Lehrer dort schon seit Jahren mit Vor- und Vatersnamen und brachten jedem Schokoladenbonbons, damit sie mit ihren Dummköpfen nicht ganz so streng waren. Und trotzdem war es ihnen peinlich! Früher kam man doch als Mutter eines schlechten Schülers, um zu bitten – und jetzt war es etwas ganz anderes!
Der Morgen war warm, fast sommerlich, die Blätter hatten noch nicht einmal angefangen zu fallen. Erstklässler schleppten Sträuße, die beinahe größer waren als sie selbst: Mädchen mit weißen Schleifen, Jungen mit Pony. Einige wurden von ihren Müttern an der Hand gezogen, andere weinten. Die älteren Schüler rauchten, fluchten und küssten sich nach dem Abschied in die Ferien. Wie lange war es her, dass Saschka selbst so ein älterer Schüler gewesen war, in die zehnte Klasse gekommen? Und in die erste? Das war doch auch erst gestern gewesen.
Die Direktorin erkannte Tatjana und kam selbst herüber, um sie zu begrüßen – früher war sie doch so streng gewesen, dass man sich kaum getraut hatte, sie anzusprechen!
— Also, guten Tag. Sie sind bei uns, sie warf einen Blick auf ihre Liste, die Mutter von Sascha Lasarenko, stimmt’s? Tatjana Nikolajewna? Und Witalij …
— Gennadjewitsch. Wir sind die Lasarenkos, ja.
— Genau. Hier entlang, bitte. Hier sind die Eltern, deren Söhne bei der SVO … gefallen sind. Möchten Sie vielleicht ein paar Worte sagen? Über Ihren Sascha?
— Ach, was soll ich denn sagen? Na gut, ich sage etwas.
Da standen noch etliche ältere Leute unterschiedlichen Alters, manche waren noch nicht einmal grau. Einige waren vor Kummer ganz dunkel geworden, andere wirkten ganz normal; Menschen sind eben verschieden. Tatjana hatte natürlich damit gerechnet, mit Witalja allein zu sein, sie hatte die Einladung falsch verstanden. Aber so war es auch richtig, gerecht: Schließlich war nicht nur ihr Saschka getötet worden.
Ein Mann in Krawatte kam herüber, mit einem Anstecker von Einiges Russland und außerdem mit einem Georgsband. Er nickte ihnen zu; anscheinend war er von der Stadtverwaltung geschickt worden.
Die Erstklässler wurden in einer Reihe aufgestellt. Sie standen verängstigt da, rissen die Augen auf und suchten in der Menge nach ihren Mamas. Die Direktorin eröffnete die Feier, gratulierte den Kleinen zum Beginn ihres neuen Schullebens und sagte, dass nun ein neuer, wichtiger Abschnitt beginne und die Schule ihre neue große Familie werden würde. Danach trat der Mann mit dem Anstecker vor.
— Liebe Kinder! Wie ihr wisst, durchlebt unser Land gerade eine schwierige Zeit. Damit ihr hier in Ruhe lernen, euch entwickeln und heranwachsen könnt, kämpfen eure Väter und älteren Brüder im Rahmen der speziellen Militäroperation in der Ukraine gegen den Feind. Sie wehren den Angriff des Gegners sozusagen an den fernen Grenzen ab, damit er nicht zu uns nach Hause kommt. Damit ihr euch in Ruhe entwickeln, zu Männern heranwachsen und ebenfalls zu Verteidigern unseres Vaterlands werden könnt! Und hier sind die Eltern einiger, wie ich annehme, Absolventen eurer Schule. Sie sind im Kampf für uns alle den Heldentod gestorben. Jewgenija Borissowna, sagte er zur Direktorin, ich bitte Sie, den Vätern und Müttern dieser Helden das Wort zu erteilen.
Die Direktorin musterte die Eltern und wählte Tatjana und Witalja aus, bat sie, gemeinsam mit der Schulleitung vor die versammelte Reihe zu treten. Sie waren verlegen, gingen aber nach vorn. Als Mann durfte Witalja zuerst sprechen.
— Witalij Gennadjewitsch Lasarenko! Der Vater von Sascha Lasarenko, der diesen Sommer heldenhaft gefallen ist … Bitte. Wie ist es Ihnen gelungen, einen so wunderbaren Menschen, einen solchen Patrioten und Verteidiger zu erziehen?
Tatjana spannte sich sofort an und nahm Haltung an. Und das nicht ohne Grund. Witalja zuckte mit den Schultern; erst wusste er nicht, was er sagen sollte, dann fasste er sich jedoch ein Herz.
— Also, das ist … wegen Saschka. Da war mal was, da war er gerade noch ein kleiner Junge, so wie die Kinder hier. Ich erinnere mich, wie sie bei uns im Hof um die Garagen herum Krieg gespielt haben …, begann er.
— Geh mal zur Seite! unterbrach ihn Tatjana und schob ihn weg. — Das will er nicht sagen. Er will sagen, dass wir persönlich sehr stolz auf unseren Sascha sind. Dass wir ihn von klein auf so erzogen haben. Er war immer sehr mutig und liebte sowohl seine Heimat als auch seine Familie. Und wir sind unserem Präsidenten, der Stadtverwaltung und dem Verteidigungsministerium sehr dankbar für ihre Unterstützung. Denn man hat uns nicht im Stich gelassen. Und wir haben noch einen Sohn, und wenn er groß ist, wird auch er dienen gehen. Da gibt es gar keine andere Möglichkeit, denn so ist unsere Familie. Denn die Berufung jedes einzelnen Mannes ist es, seine Heimat zu verteidigen!
Jewgenija Borissowna fing als Erste an zu klatschen, dann sah der Mann mit dem Anstecker Tatjana respektvoll an und klatschte ebenfalls. Danach stimmten die übrigen Lehrer ein, und schließlich auch die Eltern. Tatjana wurde so warm ums Herz, ihr war so aufgeregt und so wohl wie, wie sie glaubte, noch nie in ihrem Leben.
• • •
Zum Flughafen Scheremetjewo fuhren sie mit zwei Autos: Maxim und Marina getrennt, Kirjucha mit Diana allein im Taxi. Kirill hatte darauf bestanden. Angeblich wollte er noch etwas mit ihr besprechen, sich noch über irgendetwas mit ihr einigen, als wäre bisher nicht genug Zeit dafür gewesen. Ein nettes Mädchen, dachte Maxim: Sie waren doch erst seit einer Woche zusammen, und schon fuhr sie mit, um ihn zum Flughafen zu bringen.
Als sie ankamen, waren alle Flüge verspätet – wegen ukrainischer Drohnen hatte man den Luftraum gesperrt. Na gut, sie parkten das Auto, gingen ins Terminal, begrüßten Diana und setzten sich in ein Café in einiger Entfernung, um den jungen Leuten keine unnötige Verlegenheit zu bereiten. Dianas Mascara war verlaufen, und sie war befangen in ihrer Gegenwart.
— Was ist mit deiner Prüfung? Hast du etwas gehört?
— Alles wie gehabt, Marin. Seit gestern hat sich nichts geändert.
Marina seufzte und berührte mit den Fingern seine Hand. Er fing sie auf und streichelte sie. Flüchtig warf er einen Blick auf Kirill – der sah seinen Vater nicht an. Sie redeten nicht miteinander.
Drei Stunden hingen sie so am Flughafen herum. Sie hatten schon Tom Yam im Coffeemania gegessen. Und das Angebot der Buchkioske hatten sie gründlich studiert … Auf der Anzeigetafel stand immer nur „Verspätet“. Obwohl sie einen Anschlussflug mit großem Zeitpuffer gebucht hatten, reichte der Puffer allmählich nicht mehr. Maxim begann zu zittern bei dem Gedanken, dass die Tickets ganz verfallen könnten.
— Haben die sie noch alle?! platzte er heraus, als er wieder einmal flehentlich zur Anzeigetafel sah.
— Wer? fragte Marina.
— Na, wer denn sonst. Was hat denn die zivile Luftfahrt damit zu tun? Sollen sie doch militärische Ziele angreifen, warum müssen denn die Menschen leiden?
Sie sah ihn an, sagte aber nichts. Dann wurde endlich Entwarnung gegeben, und es war Zeit, Abschied zu nehmen. Er trat zu Kirjucha und breitete die Arme aus.
— Na?
Der schüttelte den Kopf. Und so blieb Maxim mit ausgebreiteten Armen stehen. Marina flüsterte ihrem Sohn etwas zu, aber er wollte nicht. Na gut, dann eben nicht. Ist ja zu seinem Besten, später wird er es verstehen. Sie küsste Kirill nach russischer Art dreimal, bekreuzigte ihn und kehrte zu Maxim zurück, während Diana Kirjucha schon bis zur Passkontrolle begleitete, mit ihm in der Schlange stand und ihn erst direkt vor dem Häuschen nach einem langen Kuss losließ.
Wer weiß, dachte Maxim, vielleicht war das ja eine echte Geschichte, für ein ganzes Leben? Jede Geschichte fürs Leben beginnt schließlich mit irgendeinem belanglosen Unsinn.
— Der Nächste! — bellte die Grenzbeamtin aus ihrer Kabine.
Kirill drehte sich noch einmal zu Marina um und winkte ihr: So, jetzt geht schon! Dann gab er seinen Pass ab. Aber Maxim wollte nicht gehen.
Und da stand Kirill, zeigte Diana irgendetwas an den Fingern, lächelte, machte Witze. Doch die Zeit verging und verging, und man gab ihm den Pass nicht zurück; am Grenzhäuschen leuchtete ein rotes Lämpchen. Dann winkte man ihn an das Schalterfenster, er beugte sich vor und antwortete der Grenzbeamtin, halb verbeugt. Die Grenztruppen unterstehen doch dem FSB, fiel Maxim aus irgendeinem Grund wieder ein.
— Was verhört sie ihn da? — wurde Marina unruhig.
— Marina, woher soll ich das denn wissen? Wenn du willst, gehen wir fragen …
Sie hielt ihn dort hin, hielt ihn hin, fünf Minuten vergingen, sechs … Dann stand sie auf und ging mit Kirills Pass aus der Kabine. Sie war noch ein richtiges Spatzenmädchen, aber die Uniform ließ sie älter wirken.
— Warten Sie hier — befahl sie unerwartet mit eiserner Stimme und verschwand.
Kirill sah sich verwirrt um, wie einer, der durchs Eis bricht und verzweifelt nach etwas sucht, woran er sich festhalten kann; dann blieb sein Blick an seinem Vater hängen.
• • •
— Mama! Die rufen von der Bank an! — rief Swetka.
— Bestimmt Betrüger!
Aber Tatjana ging trotzdem ran, obwohl sie inzwischen allen misstraute und verlernt hatte, den Menschen zu glauben. Und das zu Unrecht. Tatsächlich rief die Bank an, wollte nichts von ihr, sagte nur, dass vom Verteidigungsministerium ein Betrag auf dem Konto eingegangen sei, vier Millionen und ein paar Zerquetschte. Tatjana war baff, sie fingen an nachzuprüfen: Es stellte sich heraus, dass es noch andere Zahlungen gab, von denen man ihnen zunächst nichts gesagt hatte, und nun war auch ihr Anteil als Eltern fällig geworden, zwei Drittel.
Als sie alles überprüft und sich überzeugt hatte, suchte sie die Zeitschrift mit dem Backsteinhaus. Sie dachte, man hätte sie weggeworfen, durchwühlte das ganze Haus, bis sie sie im Auto fand. Da fiel ihr endlich ein Stein vom Herzen.
Sie sah sich die Zahlen an — jetzt reichte es gerade, wenn sie das Haus ihrer Mutter verkauften. Und wer würde die Alte schon fragen. So gesehen ist am Ende also alles ganz gut ausgegangen.