KI-generierte Übersetzung · Russisches Original

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Dmitri Gluchowski · Registrierung

4.

Maxim hörte auf Radio Orpheus klassische Musik; Kirjucha nannte den Sender Radio Morpheus. Dort hielten Dirigenten wie Moderatoren vorerst die Neutralität und sendeten von irgendwoher aus einer herrlichen Epoche, in der die letzten Kriege schon bei den Nibelungen ausgefochten worden waren und seitdem auf der Welt offenbar eitel Friede herrschte. Eine Nachrichtensendung gab es auf Radio Morpheus überhaupt nicht, damit man dem kultivierten, schon etwas älteren Publikum nicht den Schlaf und die Verdauung verdarb.

Die Autos quollen in dichten Strömen aus dem Tunnel, wie Fleisch aus den Löchern eines Fleischwolfs. Das eiserne Hackfleisch breitete sich langsam auf dem Betonteller des Dritten Rings aus. Es hatte doch so etwas wie einen Exodus gegeben – wie viele Leute waren weggezogen! –, aber die Staus waren nicht weniger geworden. Moskau reagierte auf Dezimierungen überhaupt nicht – es war, ist und wird immer da sein. Man konnte so viel davon niedermähen, wie man wollte: Es wuchs doch immer wieder Neues nach.

Aber in diesem konkreten Fall ließ sich mit simpler Arithmetik erst recht nichts erklären; hier mischte sich höhere Mathematik ein. Moskau stand still, weil die Satelliten spinnten. Weil das Navi jetzt überall nur noch Scheremetjewo anzeigte und man sich wie in ferner Jugend einzig auf die eigene Ortskenntnis verlassen konnte. Die als Yandex-Fahrer rausgeworfenen Gastarbeiter-Taxifahrer verhedderten sich, verfuhren sich, irrten hierhin und dorthin wie Roboter, denen man ihr Skynet gekappt hatte, und baten die Fahrgäste, ihnen den Weg zu zeigen. Und die Staus wurden noch nicht einmal angezeigt. Die Leute hatten sich schon abgewöhnt, wie früher aus dem Gedächtnis zu leben, hatten den Kontakt zum Boden verloren, sich an die Cloud gewöhnt, und ihr Gedächtnis war mangels Gebrauch verkümmert. Jetzt musste man sich also wieder auf die Vergangenheit umstellen, weil die Zukunft blockiert war; aber das ging nur langsam.

Moskau stand im Stau und verfluchte Yandex. Die Wut hatte sich bei allen angestaut. Sie machte den Mund bitter wie Galle; man musste irgendjemandem vor die Füße spucken. Und so hassten sie das Navi, die versagenden Satelliten. Sie behandelten die Satelliten lieber wie eigenständige Wesen, wie die letzte Instanz. Aber warum spielten die Satelliten verrückt? Aus welchem Grund? Darüber nachzudenken vermieden die Leute lieber. Denn dann begann eine solche Kette von Schlussfolgerungen, die bei Handschellen endete.

Auf Radio Morpheus lief Wagner.

Wagner … Interessant, vielleicht war es doch ein Hinweis? Verschickten sie chiffrierte Botschaften, zwinkerten sie den Eingeweihten heimlich zu. Schwanensee konnten sie natürlich nicht spielen, das wäre zu offensichtlich gewesen, aber Wagner …

Maxim suchte überall nach Zeichen von Gleichgesinnten: einem besonderen, verständnisvollen Blick, einem skeptischen Lächeln für Eingeweihte, einem langen, beinahe geheimen, freimaurerischen Händedruck, einem mit Filzstift auf den Aufzug oder die Ampeln gekritzelten »Nein zum Krieg« oder einem Zusatz zum aufgesprühten »Wartet« – handschriftlich mit Filzstift: »er wird sterben«. Maxim wusste, dass es um ihn herum viele Menschen wie ihn geben musste – Menschen, die sich nach mehr als drei Jahren Krieg noch immer nicht damit abgefunden hatten, für die er zur Gewohnheit, aber nicht zur Normalität geworden war, und die auf diese Weise heimlich Partisanenarbeit leisteten. Ohne darauf zu hoffen, den staatlichen Moloch in diesem von vornherein aussichtslosen Kampf zu besiegen oder ihn auch nur wesentlich daran zu hindern, Menschen zu verschlingen – dazu war auch ein Einzelner nicht imstande –, sondern einfach nur, ihn wenigstens aus ihrem winzigen Stück eigener Lebensverantwortung fernzuhalten. Sich selbst und die eigene Familie zu retten, vielleicht sogar irgendeinen zufällig vorbeikommenden Fremden.

Wie zu Zeiten der späten Sowjetmacht jeder Intellektuelle eine Feige in der Tasche hatte: Natürlich war eine Feige kein finnischer Dolch, aber sich nicht an all dem Totalitären zu beteiligen, war bereits Widerstand, denn Totalitarismus ohne Totalität war kein Totalitarismus. Und war es nicht am Ende gerade die Nichtbeteiligung der Menschen, die den Sowjetladen zum Einsturz gebracht hatte? Nach dieser Feige in der Tasche nannte Maxim sich und seinesgleichen »die Feigen-Untergrundbewegung«. Die Betonung lag auf dem I.

Wagner war verklungen, Liszt stand an. Danach Chopin.

Mit diesem Soundtrack ließ es sich insgesamt aushalten. Erstens war er anachronistisch, und das kam Maxim entgegen: Die gemeinsame Zeit war ohnehin an Schützengräben, Minenfeldern und Drohnen-Tötungszonen angelangt und stehen geblieben. Hier aber hörte man zu und war, als befände man sich nicht im Russland des Jahres fünfundzwanzig, sondern irgendwo im Nirgendwo, in einer eigenen Dimension. Das war das Erste. Zweitens: Mochte der Planet auch festgefahren sein und das gesellschaftliche Zeitkontinuum einen Knick bekommen haben, du selbst warst ein guter Kerl, verschwendetest deine persönliche Zeit nicht, bildetest dich weiter – hier Chopin, dort Schopenhauer. In der Weltkultur gab es genug zu entdecken; man konnte sich kopfüber darin vergraben, und es war, als wäre nichts Schlimmes daran, dass all deine Pläne den Bach runtergegangen waren: Im Leben musste es schließlich nicht immer nur vorwärts und aufwärts gehen, manchmal war es auch nützlich, in die Tiefe zu gehen.

Rechts und links standen chinesische Autos, futuristisch und windschnittig. Auf der einen Seite machte sich eine affektierte Schönheit zurecht und spitzte die Lippen in den heruntergeklappten Spiegel; auf der anderen lenkte ein demonstrativ brutaler Mann mit dem Finger: tätowierte Bizepse, ein vor Muskeln strotzender Rücken. Man hätte sie einander gern vorgestellt; sie schienen füreinander geschaffen.

Die europäischen Autos waren versiegt, und inzwischen konnte man sie nur noch auf krummen Wegen und zu Wucherpreisen hereinholen, während die Chinesen überall ohne Warteschlange zu haben waren und mit ihren Preisen lockten; auch Maxim schielte unwillkürlich nach ihnen. Aber nur auf der Straße und nur verstohlen, und aus Prinzip betrat er keinen ihrer Autohäuser. Die »Teekessel«, wie Maxim sie nannte, hatten Moskau nach Kriegsbeginn übernommen und waren für ihn eine direkte Folge des Krieges. Russland war wegen seiner Barbarei und seines Kannibalismus aus der westlichen Konsumkirche ausgeschlossen worden, die deutsche Autoindustrie hatte man ihm weggenommen – und die Chinesen strömten in die entstandenen Lücken. China hatte nicht vor, Russland für dessen Amoralität zu bestrafen, und schien es im Gegenteil sogar zu fördern: Der chinesische Ersatz war nicht nur für jeden erschwinglich, sondern wirkte vor der Kulisse der europäischen Stummelautos auch noch wie ein Gast aus der Zukunft. Aber das war eine ganz andere, fremde Zukunft, hochtechnologisch und menschenverachtend. Sie hatte nichts mit jener Zukunft gemein, die Maxim sich früher vorgestellt und für sich geplant hatte.

Deshalb jubelten in seinen Augen alle, die sich über chinesische Autos freuten, auf der einen Seite der Großen Firewall, den Sozialratings und dem digitalen Gulag zu, auf der anderen dem russischen Sonderweg, all dem Chochloma und dem Bauernkram, dem Bruch mit Europa und damit letztlich dem Krieg selbst. Kollaborateure, Wegbereiter des Totalitarismus und Verräter des Traums von Russlands europäischer Zukunft, grummelte Maxim.

Im Stau warf er immer einen Blick in die chinesischen Autos, angeblich mit angewidertem Interesse, als wolle er die Schwächen und Laster ihrer Besitzer ergründen, die sie zu einer solchen Wahl gezwungen hatten; zugleich aber weidete er sich an den Armaturenbrettern, die direkt aus Science-Fiction-Filmen zu stammen schienen. Und die Automarken mit ihrer unlogischen Aussprache – wie sollte »Hongqi« denn bitte »Hongtschi« ausgesprochen werden? Gut, Kirjucha hatte es ihm erklärt, von selbst wäre er im Leben nicht darauf gekommen – lernte und behielt er trotz allem, gegen seinen Willen.

Maxim selbst fuhr weiterhin seinen langsam auseinanderfallenden Audi A6.

Vielleicht war er einfach deshalb so wütend auf sie, weil ihre Zeit gekommen war und seine zu Ende ging. Oder vielleicht, weil ihre Wette aufgegangen war und er sich verspekuliert hatte. So? Nein, so plump war er nicht gestrickt, so einfältig nicht. Das alles spielte natürlich auch mit hinein, wenn er ganz ehrlich zu sich selbst sein wollte, aber das Irdische und Eigennützige machte hier vielleicht zwanzig Prozent aus, die anderen achtzig waren existenziell-prinzipieller Natur. Na gut, dreißig zu siebzig.

Zu siebzig Prozent machte es Maxim traurig, dass die tektonischen Platten auseinanderdrifteten, dass Eurasien zerbrach, dass Russland wieder an die Horde fiel. Und vor allem, weil es sich der Horde lüstern hingab und sichtlich erleichtert war, endlich das enge, strenge europäische Kleid abstreifen zu können, während es sich über seine enttäuschten westlichen Vormünder hämisch freute und ausgerechnet ihnen auch noch – nur um sie zu verhöhnen – die Schuld an seiner Ausschweifung und seinem Exzess gab. So nach dem Motto: Seht, was ihr mit euren Einschränkungen und Verboten angerichtet habt – ihr habt uns bis zur Erschöpfung getrieben! Und dürft ihr uns mit eurer Heuchelei, euren geheimen Perversionen überhaupt belehren? Habt nicht ihr uns mit Versprechungen eingelullt und uns, nachdem wir eingeschlafen waren, in unserem Zauberschlaf missbraucht und verdorben? Verdorben habt ihr uns, jawohl.

Neu war daran natürlich nichts. In der russischen Tradition galt jede eigene Sünde als Antwort auf eine fremde, noch schlimmere Sünde, als gerechte Vergeltung, mit der, so sollte man meinen, das Märchen ein Ende fand. Und die Folgen dieser Sünde, mochten sie noch so katastrophal sein, sollte man bereits einer anderen Geschichte zuordnen, die mit der vorherigen überhaupt nichts zu tun hatte, weil sie sich auf einer anderen Windung der historischen Entwicklungsspirale abspielte. Nur war diese Spirale in Russland in Wirklichkeit – eben weil man sich nicht weiter mit Ursachen und Folgen beschäftigen wollte, als es gerade von Vorteil war – nur den formalen Merkmalen nach eine Spirale, durch ihre Bewegung entlang der Zeitachse t; im Grunde war sie ein Ring. Ein Betonring, randvoll mit eisernem Hackfleisch.

Von diesem ewigen russischen Volksmärchen, das sich das Volk selbst erzählte und in dem Gerechtigkeit darin bestand, dass das Opfer zum Henker wurde, erst selbstlos leidend und dann seinerseits mit gehörigem Nachdruck zuschlagend, in dem Erniedrigung und Vergeltung den Schwanz und das Maul des Ouroboros bildeten, war Maxim weder ein Leser noch ein Bewunderer. Aber er weigerte sich, das Volk abzuschreiben, und setzte seine Hoffnungen auf die Aufklärung, die es in Russland bis heute nicht gegeben hatte. Also musste man, bevor man vom Volk enttäuscht sein durfte, dieses letzte Mittel noch an ihm erproben. Russland habe die Aufklärung übersprungen, sagte Maxim in Diskussionen zu seinen skeptisch und eschatologisch gestimmten Freunden: Es habe die Aufklärung durch die Alphabetisierungskampagne ersetzt. Man hatte dem Volk Lesen beigebracht, ihm aber keine richtigen Bücher gegeben. Man musste den Menschen die richtigen Bücher in die Hand drücken und danach noch ein Quiz dazu veranstalten, damit der Stoff auch wirklich saß.

Seine Arbeit betrachtete Maxim also bescheiden als einen Abschnitt an der Front im allgemeinen Kampf um die Herzen und Köpfe; konkret kämpfte er dafür, dass man aus der Vergangenheit lernte, dass Henker sich nicht als Opfer ausgaben und dass Gondwana, die globale aufgeklärte Welt, überlebte. Niemandem erzählte er davon, denn er war kein Angeber – oder vielmehr schämte er sich, damit anzugeben –, aber für sich allein hielt er es durchaus so. Nur gab es jetzt an der Westfront Veränderungen, und die waren nicht zum Guten.

»Ihr habt Gondwana zugrunde gerichtet, ihr Kondome«, murmelte Maxim laut. »Was für ein Gondwana habt ihr da ruiniert!«

Mit solchen niedergeschlagenen Gedanken fuhr er bis zu seinem Laden. Er parkte im Hof, sah in den Spiegel und erblickte darin plötzlich einen vom Leben mitgenommenen, kaum wiederzuerkennenden Mann, der dem noch so frisch wirkenden Passfoto gar nicht ähnlich sah. Ein Jahr wie zwei.

Er seufzte. Stieg aus.

»Guten Tag, Maxim Pawlowitsch!«, begrüßte ihn der Wachmann mit einem vertrauten Lächeln.

»Hallo, Waler«, lächelte Maxim zurück und streckte ihm die Hand hin.

• • •

Wegen des Vollmonds war Uljana spät aufgewacht. Gegen Morgen hatte sie etwas Unangenehmes geträumt und hätte sich früher aus diesem Traum befreien müssen, aber sogar darin hatte Uljana gewusst, dass draußen etwas noch Schrecklicheres auf sie wartete – weil es wirklich war.

Sie riss die Augen auf, kam zu sich und blieb noch liegen.

Sie musste ein Ticket kaufen. Für wann? Sie öffnete die Bahn-Website, blätterte durch die Züge, bekam nicht recht einen klaren Gedanken zu fassen, wurde aber immer nervöser. Tagsüber fahren oder nachts? Bei dieser einfachen Entscheidung wurde ihr heiß, und sie warf die Decke zurück. Was war los? Es war doch alles klar: Natürlich musste sie so schnell wie möglich zu Sascha, ihn sehen. Das war die eine Seite. Auf der anderen musste sie sich erst wieder in Form bringen; sie konnte ihm nicht wie ein Vogelscheuch vor die Augen treten, noch dazu mit solchen Nachrichten und solchen Vorschlägen. Aber da war noch etwas … Ein schwarzer Kompasszeiger, der beharrlich und zitternd auf die Richtung wies, in die Uljana nicht sehen wollte. Wohin?

Sie hielt das schwere Telefon in den Händen und starrte wie erstarrt auf den Bildschirm. Sie musste etwas tun. Irgendetwas musste sie tun.

Saschas Mutter anrufen, das musste sie tun.

Anrufen und mit ihr die Pläne besprechen. Sie um Rat fragen, ausmachen, gemeinsam zu fahren. Überhaupt herausfinden – hatte er sie denn erreicht? Und wenn nicht? Uljanas Nummer wusste er auswendig, aber die Festnetznummer? Dann musste sie seiner Mutter doch sagen, dass Sascha lebte!

Ach nein, zweifelte Uljana. Es konnte doch nicht sein, dass er die Festnetznummer nicht kannte; und wenn er überhaupt jemanden zuerst anrufen musste, dann seine Mutter! Genau, er hatte sie angerufen. Er liebte sie, sogar viel zu sehr, liebte sie und hatte außerdem Angst vor ihr. Als sie ihm verboten hatte, mit Uljana über Heirat zu reden, hatte er die Hände gehoben. Er hatte sich für seine Mutter entschieden.

Und was bedeutete das? Es bedeutete, dass seine Mutter schon Bescheid wusste, seit gestern sogar, aber Uljana nicht angerufen und ihr nichts gesagt hatte. Nicht einmal dieses Wunder hatte sie milde gestimmt: So wie sie Uljana abgelehnt hatte, lehnte sie sie weiterhin ab. Von Anfang an hatte Tatjana beschlossen, sie zu hassen, einfach so, ohne jeden Grund – nur weil Uljana älter war als ihr Sohn und wegen ihres Berufs. Nicht gut genug für ihr Söhnchen.

Weswegen? Wegen gar nichts. Weil sie ein Miststück war.

Aber trotzdem, warum hatte sie es Uljana nicht gesagt? Warum hatte sie nicht mit ihr geteilt?

Einfach aus Abneigung? Nein, da steckte noch etwas anderes dahinter.

Misstrauen. Und was konnte sie Uljana unterstellen? Was konnte sie von ihr erwarten? Dass sie nach Moskau fahren, auf einer Hochzeit bestehen würde. Uljana hatte ihr doch alles offen und unverblümt gesagt.

Sascha schlief offenbar noch. Uljana schrieb ihm »Guten Morgen«, schickte Herzchen und teilte ihm mit, dass sie bald zu ihm kommen würde. Die Herzchen waren rot, aber nicht so rot wie Blut. Gut, dass es Smileys gibt, dachte Uljana. Die zu schicken war einfacher, als es in Worte zu fassen.

Weiter herumzuliegen war unerträglich. Uljana sprang auf und lief in ihrer kleinen Wohnung hin und her wie in einem Käfig. Sie putzte sich die Zähne, bis das Zahnfleisch blutete, verbrühte sich beim Kochen des Haferschleims am Dampf und stieß sich den kleinen Zeh schmerzhaft an einer Ecke. Sie griff nach dem Telefon, sah nach und legte es wieder weg. Immer wartete sie darauf, dass Tatjana ihr schrieb oder sie anrief und sagte, Sascha lebe. Und alles vergebens.

Also wollte sie nicht reden.

Na schön, sagen wir, Uljana rief sie als Erste an. Sie gestand, dass sie zu Sascha nach Moskau fahren und schon alles mit ihm abgesprochen hatte. Was würde sie antworten? Dass sie sitzen bleiben und sich nirgends einmischen solle. Dass alles schon ohne sie und für sie entschieden sei und sie sich bloß nicht einbilden solle, sich jetzt einzumischen. So deutlich, so klar hörte Uljana Saschas Mutter das in ihrem Kopf sagen, mit dieser widerlichen näselnden Stimme, dass es sie schauderte.

Sie ging in die Küche, um Süßigkeiten zu holen. Sie hatte schreckliche Lust auf etwas Süßes. Früher war das nie so gewesen, doch jetzt überfiel es sie plötzlich, wie eine Art Besessenheit. Sie hatte nicht die Kraft, sich dagegen zu wehren. Also gab Uljana sich der Lust hin und fraß.

Na los, ruf sie an.

Ruf sie an und sag, dass er gefunden wurde, dass es eine riesige Freude ist, dass er lebt, dass er in Moskau und in diesem und jenem Krankenhaus ist. Entschuldige dich für alles, was du gesagt hast, nimm sie an, erkenne sie an, schlag vor, gemeinsam hinzufahren. Was kostet dich das?

Sie rief nicht an.

Uljana hatte sich sämtliche Nägel abgeknabbert, und Saschas Mutter weigerte sich weiterhin, anzurufen, wollte Uljana nicht als Schwiegertochter akzeptieren. Ein Miststück war eben ein Miststück. Sie rief nicht an, während Uljana beim Friseur saß, und nicht, während sie Sachen für Moskau aussuchte. Weil sie beschlossen hatte, Uljana ganz aus dem Weg zu räumen, sie abzukippen wie Muldenkipper ihre Schlacke in einen Tagebau, und in Ruhe ohne sie und ohne ihr Enkelkind zu leben.

»Wenn dem so ist«, flüsterte Uljana, während sie sich im Spiegel betrachtete – schon frisch frisiert, schön und wütend, wütend, weil Saschas Mutter sie betrogen hatte –, »wenn dem so ist, dann rufe ich dich auch nicht an und warne dich nicht, dass ich fahre. Vielleicht sitzt du selbst schon im Zug, und ich habe hier den ganzen Tag vergeblich gewartet, bis du dich fertig machst, bis du zur Vernunft kommst. Ich habe bloß meine Zeit verschwendet und sie dir geschenkt.«

Sie hätte sofort aufstehen und mit dem ersten Zug hinfahren müssen, um dir zuvorzukommen. Damit du ihm nicht einreden konntest, was für eine Schlampe ich sei, wie berechnend, wie untreu. Jungen brachte man von klein auf bei, ihrer Mutter aufs Wort zu glauben; das Wort einer Mutter war heilig und schwer, daran zu zweifeln eine Sünde. Versuch mal, das mit irgendetwas zu entkräften – du wirst es nicht schaffen. Es wiegt alles auf, was du willst.

Uljana schrieb Sascha noch einmal – an die Nummer, von der er angerufen hatte. Dort antwortete man, Sascha sei gerade beim Arzt, werde untersucht, aber er habe nach ihr gefragt, wann sie komme. Sollte sie jetzt nach seiner Mutter fragen? Sie brannte darauf zu schreiben: Fährt deine Mutter zu dir? Oder ist sie schon da? Uljana zögerte und zögerte – und ließ es bleiben. Wie es kommt, so kommt es, erklärte sie sich. Wenn er nicht von sich aus zuerst mit ihr über seine Mutter sprach, wollte er offenbar nicht.

Und ganz unten huschte ein glitschiger Gedanke vorbei, noch nicht einmal richtig in Worte gefasst: Wenn du es selbst nicht eilig hast, sie zu rufen, werde ich dich bestimmt nicht antreiben. Ich werde dich gewiss nicht an sie erinnern, falls du sie vergessen hast. Und daran ist nichts Gemeines; du hast deine Familie mit ihr, und mit mir wirst du deine eigene haben. Der Gedanke huschte vorbei und vergrub sich im Schlamm.

Wenn sie nichts wusste, sollte sie es vorerst auch nicht wissen. Uljana musste Zeit gewinnen. Sie musste Zeit vor Saschas Mutter gewinnen. Denn sonst würde Tatjana Nikolajewna Uljanka einfach verschlingen, und damit basta.

Das war es, was im Traum gewesen war, fiel ihr wieder ein. Es war um Tatjana gegangen. Dass sie ihr nichts sagen durfte, weil sie sonst alles absagen, alles verbieten, alles verderben würde. Im Traum hatte sie Uljana nicht zu Sascha hineingelassen und sie belogen: Wenn Uljana hineingehe, werde Sascha sterben. Gelogen, gelogen, gelogen. Sie wollte ihn einfach für sich behalten, damit er ihr bis zum letzten Atemzug diente.

Uljana öffnete wieder die Zugverbindungen. Von den brauchbaren blieb nur noch der Abendzug, der um sechs Uhr morgens ankam. Sie kaufte eine Fahrkarte fürs Schlafwagenabteil; der Unterschied zum offenen Schlafwagen war gering. Sie musste ausschlafen. Sie musste Sascha gewappnet gegenübertreten. Auf der Karte war noch etwas Geld; für die Fahrt sollte es reichen, wenn sie bei Tante Marina wohnte.

Und dann hieß es: alles oder nichts.

Wie Sascha entscheiden würde.

• • •

Die erste Tageshälfte verlief ohne Zwischenfälle – Maxim stellte Bestellungen zusammen, bettelte um Rabatte auf Neuerscheinungen und wehrte sich, so gut er konnte, gegen den Schund, den die Verlage den Bestsellern als Pflichtbeilage aufhalsten. Kurz gesagt: Er kam nicht aus seinem Büro heraus. Aber besonders viel gearbeitet hatte er auch nicht. Für Buchhandlungen war der Sommer tote Saison; man musste vor allem bis zum ersten September durchhalten, wenn die Leute wegen Heften, Linealen und Radiergummis kamen und nebenbei unwillkürlich noch etwas mitnahmen, das wie üblich zum Back-to-School-Geschäft gehörte – einen neuen Pelevin oder was auch immer in diesem Jahr aktuell sein würde.

Zum Mittagessen ging Maxim durch den Haupteingang hinaus. Er rückte die Präsentationen an den Kassen zurecht, strich den angesagten Kinderbüchern väterlich über den Kopf, kämmte die intellektuelle Prosa durch, richtete die Nobel- und Bookerpreisträger, begutachtete das Schaufenster und die Auslagen – und war im Großen und Ganzen mit allem zufrieden. Das Ganze wirkte anständig. Man konnte darin eine bestimmte Botschaft lesen.

Er trat auf die Straße und betrachtete den Laden von außen. Das Schild »Bibliothek von Babel« und das von Escher inspirierte Logo passten gut zu der gläsernen Wunderstadt, die aus den Fabrikruinen aufgetaucht war. Ein bisschen surreal – aber nicht surrealer als jeder andere Ausschnitt aus Moskau.

Moskau war hier vollkommen vorkriegszeitlich, kriegsfern, einfach ein gewöhnliches Sommer-Moskau, träge und friedlich wie eine Katze in der Sonne. Maxim saß auf der Terrasse eines Cafés im benachbarten Innenhof, kaute Salat, fing Flocken weißen Pappelflaums mit seinem Teller auf, las nichts und sah sich nichts an, schonte seinen Appetit und seine gute Laune.

Er wollte den Zauber nicht mit der Neurose und Paranoia der Exilmedien vertreiben. Solange es noch schien, als sei nicht alles verloren, hatte es einen gewissen Reiz, sie zu lesen. Früher hatte Maxim gehofft, dort Nachrichten zu finden, über die sie im Fernsehen nicht berichten würden, als Erster die Risse in den tönernen Beinen des Regimes zu entdecken. Doch allmählich wurde ihm klar, dass der Koloss standhalten würde, dass seine Beine, leider, von einer völlig unvorstellbaren Dicke waren. Und so hörte die bedingte »Meduza« auf, diese geheime Hoffnung zu nähren. Sie wurde zur Tollwutimpfung, zur Pflichtübung: fünfzig Spritzen in den Bauch — muss sein, keine Frage, aber angenehm ist anders.

Das Leben hatte sich in der Hitze des Krieges verformt und Gestalt angenommen, ja, stellenweise hässlich und grausam. Und diese bedingte »Meduza« stellte all das Grausame und Hässliche zu sehr heraus; Maxim verstand, warum — weil sie es musste, sonst würde ja niemand darüber schreiben. Aber das Leben von heute bestand doch nicht nur aus Hässlichkeit, und man konnte nicht ausschließlich auf Hässlichkeit starren, ohne unbedingt sterben zu wollen. Jedenfalls fiel es Maxim immer schwerer, »Meduza« und ihresgleichen aufzurufen.

Und Kirjucha sagte zu ihm: Warum liest du das ständig, bist du nicht allergisch dagegen? Dabei wollte Maxim selbst oft genug genau das: sich nicht die Vakzine spritzen lassen, sondern Opiate nehmen, keine Nachrichten lesen, sondern Proust oder Franzen oder Fowles oder Joyce — kurz, irgendetwas, das überhaupt nichts mit Russland zu tun hatte, und am besten auch nicht allzu viel mit der Wirklichkeit. Sich auf den faden Wellen des Radiosenders »Morpheus« wiegen lassen, wie in einer Wiege. Aber gerade wegen Kirjuchas Situation durfte er nicht völlig den Kontakt zur Wirklichkeit abbrechen. Die Wirklichkeit war gemein und schwankend, unzuverlässig und unberechenbar; unter Opiaten konnte man sich unmöglich durch sie bewegen, man musste stets auf der Hut sein: Sie war ständig darauf aus, die umherirrenden Menschlein einzufangen und zu verschlingen.

Maxim öffnete Telegram, wollte Kirill schon anschreiben, beschränkte sich dann aber auf eine einfache Nachricht:

»Wie läuft’s? Wie war das Vorstellungsgespräch?«

Kirjucha antwortete nicht, und Maxim fing schon an, sich Sorgen zu machen; sein Finger schwebte über der Taste mit dem Hörersymbol. Doch dann stellte er sich vor, wie sein Sohn jetzt unwillig schnauben würde: Von der elterlichen Überfürsorge gibt’s ja überhaupt kein Entkommen mehr …

Und noch etwas: Maxim gab sich große Mühe, Kirill nicht ohne dringenden Grund Angst einzujagen. Mit anderen Worten, er wollte höchstpersönlich eine ungeschlagene Generation großziehen. Die Angst vor dem Staat hatte er in sich selbst so weit unterdrückt, wie er konnte, und bei seinem Sohn erst recht. Schon von klein auf: Er wollte einen freien Menschen für eine freie Welt erziehen. Wer hätte ahnen können, dass auch die freie Welt von einem kupfernen Becken überstülpt werden würde.

Schon gut, ihm konnte nichts passiert sein. Es war doch erst ein halber Tag vergangen.

Oder doch?

Es war ein ziemlich schreckliches Gefühl, wenn man es genau nahm. Einmal war Maxim ein Vergleich durch den Kopf geschossen, den er weder Marina laut auszusprechen noch sich selbst auch nur einzugestehen erlaubte: Es war wie eine Krebsdiagnose. Sie wird dir gestellt — und das war’s, von nun an lebst du im Schatten des Todes. Dir ist von jetzt an immer kalt. Und eines Tages — bald oder erst in ferner Zukunft — wird man sich an dich erinnern und dich zerquetschen.

Sie hatten Kirjucha, ihren einzigen, wunderbaren Sohn, ins Visier genommen. Er selbst wollte nicht daran denken und verbot auch Maxim und Marina noch, daran zu denken, doch so etwas ließ sich nun einmal nicht vergessen. Er stand im Schatten, und die ganze Familie mit ihm.

Frösteln.

Aber er hielt es aus und wartete ab.

»Alles normal ) erzähl ich«

Und eine so warme Welle wie damals in der Kindheit am Schwarzen Meer überrollte Maxim. Das kitzlige, widerliche Spinnennetz auf seiner Seele wurde weggespült, und auf einmal ließ es sich freier atmen. Er wollte seinem Sohn noch irgendein aufmunternd-zustimmendes Emoji schicken, aber verhedderte sich in der Auswahl; während er suchte, fiel ihm ein, dass die Jugend inzwischen statt Emojis Sticker benutzte. Da beschloss er, dass sein Wunsch, mit seinem Sohn dieselbe Sprache zu sprechen, ohnehin aussichtslos und lächerlich war — wie sich die grauen Haare zu färben, um zwanzigjährigen Mädchen nicht wie ein Opa, sondern wie ein Mann unbestimmten Alters zu erscheinen. Mit grauen Eiern der Jugend nachzusteigen, ist erbärmlich. Die Jugend verachtet alle, die sich bei ihr einschmeicheln.

Trotzdem schrieb er: »Geil!« Er kaute zu Ende, tankte Sonne, nahm seinen Kaffee im Pappbecher mit, um ihn mit einer Zigarette auf der Veranda zu genießen, und ging in den Laden.

Schon durch die Schaufensterscheibe sah er, dass etwas nicht stimmte.

Galina nahm Bücher aus den Regalen und sah immer wieder über die Schulter zu jemandem zurück. Zu wem? Maxim trank seinen Kaffee in einem Zug aus und riss an der Türklinke.

»Galina Igorewna, was geht hier eigentlich vor?«

Das Regal war ausgedünnt und sah aus wie ein Kiefer mit ausgeschlagenen Zähnen. Zu Galinas Füßen stand ein Pappkarton; darin lagen Bykow und Ulitzkaja, Zygart und Sorokin.

»Säuberungen?«, scherzte er.

»Da sind diese …« Galina bewegte vorsichtig ihren ergrauten Kopf und deutete ins Innere des Ladens. »Aktivisten sind gekommen.«

»Was für Aktivisten?«

»Mit Bändern. Georgsbändern.«

»Aha. Was wollen sie?«

»Na ja, sie machen Krawall, weil wir Bücher von ausländischen Agenten verkaufen«, flüsterte sie.

Maxim nickte: Verstanden. Augenblicklich war alles zurück, was das Meerwasser weggespült hatte; wieder zog sich sein ganzes menschliches Gedärm innen mit irgendeinem kalten Metallnetz zusammen.

Bykow und Ulitzkaja blickten ihn aus dem Karton an wie Kätzchen, die man zum Ertränken gebracht hat — vom Grund des Eimers. Da waren sie also auch ihretwegen gekommen.

Sein Laden war weder zentral gelegen noch ein Zentrum des Geschehens und nahm im Krieg der Welten nicht an den Hauptschlachten teil, sondern an den Gefechten am Rand. Aber alle Flaggschiff-Buchhandlungen hatten ihre Flaggen längst auf Halbmast gesetzt, und ihre Geschäftsführungen die Hosen heruntergelassen; nur Maxims kleiner, stolzer Laden, der hinter der Dritten Ringstraße lag, hielt stand. In »Dom Knigi« am Neuen Arbat oder in »Moskwa« an der Twerskaja schneiten ständig irgendwelche Abgeordneten, Staatsanwälte oder Fernsehmoderatoren herein, und um sie nicht zu provozieren, hatte man dort längst auf umstrittene Autoren verzichtet und stattdessen gut sichtbar Stände zur »Spezialoperation« aufgestellt. Das war für sie eine Art Schutzamulett. Maxim versuchte, sie dafür nicht zu verurteilen, doch ganz verachten konnte er sie nicht.

Einen Präzedenzfall hatte es allerdings mit Akunin gegeben. Als Grigori Schalwowitsch auf die Liste der Terroristen und Extremisten gesetzt worden war, zog der Verlag sämtliche Auflagen aus den Buchhandlungen zurück. Die Vertriebsfirma rief einfach an und sagte, die Spediteure würden kommen und bei der nächsten Lieferung alles abholen, obwohl doch völlig klar war, dass Akunin keineswegs Terrorismus rechtfertigt, sondern einfach die Dinge beim Namen genannt hatte und überhaupt wahrscheinlich Opfer einer Provokation, vermutlich durch die Geheimdienste, geworden war. Damals verlor Maxim einiges von seiner Achtung vor diesem Verlag — und nicht zu Unrecht, wie sich herausstellte: Mit Akunin fing dort alles erst an, danach veröffentlichten sie auch noch eine Pasolini-Biografie mit geschwärzten Seiten und überhaupt allen möglichen Mist. Sie hätten sich noch wehren können.

Na gut, das Wort »Terrorismus« war ein schwarzmagischer Zauberspruch, eine Art »Avada Kedavra« für die Regimetreuen: Bei seinem Klang erstarrte einem sofort der Verstand. Aber das war Terrorismus, und dies hier war die Einstufung als ausländischer Agent. Das eine war nicht dasselbe wie das andere. Stück für Stück fraßen diese Mistkerle sich in Maxims Welt hinein, wie die Langoliers bei King. Bald würde es keinen Platz mehr geben, auf dem man stehen konnte!

Damals, na gut: Man streitet sich doch nicht mit einem Verlag über seine Ware, das war dessen Entscheidung — aber hier war es Maxims Entscheidung, hier hing alles von ihm persönlich ab. Hier durfte er nicht nachgeben, sagte er sich: der Moment der Wahrheit.

»Stellen Sie die Bücher wieder zurück«, ordnete er an. »Ich kümmere mich darum.«

Er setzte die Karnevalsmaske des Chefs auf — runzelte die Stirn, verzog den Mund, atmete ein paarmal durch, um den Puls zu beruhigen, und ging den Aktivisten entgegen. Es waren zwei — ein Mann und eine Frau, mit Armbinden wie bei einer Bürgerwehr, und sie hatten widerliche Visagen. So welche, die sich in der Schlange vordrängeln.

»Guten Tag«, begrüßte Maxim sie.

»Sind Sie der Direktor?«, fragte der Mann mit zusammengekniffenen Augen.

»Angenommen.«

»Bei Ihnen werden Bücher von Vaterlandsverrätern, Russophoben und ausländischen Agenten verkauft.«

»Ich heiße Maxim«, stellte er sich vor. »Und Sie?«

»Das tut nichts zur Sache. Wir vertreten die Union patriotischer Leser.«

»Sie haben doch sicher einen Namen?«

»Den brauchen Sie nicht zu wissen. Hören Sie zu: Bei Ihnen gibt es sogar Newzorow! Und Zygart! Wir fordern, dass Sie diesen ganzen Altpapierkram sofort aus Ihrem Sortiment nehmen.«

»Meinen Sie vielleicht eher aus dem Angebot?«, half Maxim nach.

»Sie handeln mit dem Vaterland!«, kreischte die Frau. »Schämen Sie sich denn nicht?!«

»Wir geben Ihnen eine Stunde für alles!«, verkündete der Mann.

Das war doch Bulgakow pur, sagte Maxim sich stumm. Das waren doch Schwonder 2.0 oder 3.0, die nächste Version des Lumpenproletariats, das die verlauste Intelligenzija hasste, in der nächsten Runde des russischen Ouroboros, wo alles bereits zur Farce geworden war — Revolutionäre, Konterrevolutionäre, Intelligenzija und Läuse. Würde er das wirklich alles ernst nehmen? Würde er jetzt wirklich bei diesem Kasperletheater mitspielen?

»Hören Sie«, sagte er höflich und kostete gedanklich das Wort »Postschwondertum« wie ein Pfefferminzbonbon aus, »tatsächlich betreiben wir ein Einzelhandelsunternehmen. Aber wir handeln nicht mit dem Vaterland, sondern mit Büchern und Schreibwaren. Bei unserer Tätigkeit halten wir uns streng an die geltenden Gesetze. Von Vaterlandsverrätern und Russophoben steht im Gesetz nichts, ich habe heute Morgen nachgelesen. Dort steht etwas über ausländische Agenten. Was steht dort über sie? Dass die Bücher entsprechend gekennzeichnet und in undurchsichtiger Verpackung sein müssen und nicht ohne Vorlage eines Altersnachweises verkauft werden dürfen. All diese Anforderungen erfüllen wir genauestens. Aber da steht kein Wort davon, dass die Werke ausländischer Agenten nicht verkauft werden dürfen. Ihnen ist jetzt die Tätigkeit im Bildungswesen verboten, das wissen wir. Aber davon, dass man Belletristik aus den Buchhandlungen werfen oder sie auf öffentlichen Plätzen verbrennen soll, steht im Gesetz nichts. Jedenfalls noch nicht«, konnte er sich nicht verkneifen.

Natürlich hörten sie sofort den Spott in seiner Stimme und wurden noch wütender.

»Räumen Sie die Bücher weg«, befahl der Mann. »Oder wir kommen mit der Staatsanwaltschaft wieder. Die sollen sich darum kümmern!«

»Na, bei der Staatsanwaltschaft sollte man die Gesetze ganz bestimmt kennen«, antwortete Maxim. »Kommen Sie wieder. Sollen sie sich wirklich darum kümmern. Aber vielen Dank für Ihre Wachsamkeit.«

»Schau dir an, wen du hier bei dir aufnimmst!«, zischte die Frau. »Du nimmst die auf, die gegen Russland sind! Gegen die Spezialoperation! Und hier kommen auch Kinder, um Bücher zu kaufen! Bist du selbst etwa auch so einer?«

Aber sie zischte das aus ohnmächtiger Wut, denn sie hatte begriffen, dass sie Maxim nicht zu beißen bekam. Jetzt durfte er ihnen nicht antworten; sie provozierten ihn absichtlich, damit er etwas sagte, worüber sich die Staatsanwaltschaft freuen würde. Korrektheit und Unnachgiebigkeit. Dummheit und Mut.

»Galina Igorewna, warum stehen Sie da wie angewurzelt?«, sagte Maxim streng zu seiner Mitarbeiterin. »Stellen Sie die Bücher zurück.«

»Maxim Pawlowitsch, vielleicht sollten wir wenigstens Newzorow vorsichtshalber wirklich rausnehmen?«, flüsterte sie ihm zu. »Der ist doch völlig durchgedreht!«

»Wenn Sie Eigentümerin sind, können Sie sie rausnehmen. Bis dahin entscheide ich hier. Zurück ins Regal.«

Die Tür knarrte und krachte zu. Die beiden waren davongerannt. War das ein Sieg?, fragte Maxim sich.

• • •

Der Bahnhof bei Wologda war wie ein Spielzeugschloss: vorrevolutionär, aus Backstein, niedrig gebaut, aber mit Türmchen, und das Haupttürmchen hatte Zinnen und oben eine Fahne. Er sah aus wie ein rotes Plastik-Süßigkeitenpaket vom Weihnachtsbaum im Kreml. Mit zwölf, ganz am Ende ihrer Kindheit, hatte Uljanas Mutter sie zum Weihnachtsbaum im Moskauer Kreml mitgenommen. Sie hatte es gerade noch in den letzten Waggon des Märchens geschafft und es sich bis ins Detail, fürs ganze Leben, eingeprägt. So verband und verschmolz sich der Bahnhof in Uljanas Vorstellung mit dem Plastik-Kreml-Geschenk, mit der Reise in die riesige, schneelose Stadt, die überall mit elektrischen Girlanden geschmückt war, mit dem angespannten Warten auf ein Wunder in einer endlosen Schlange, mit dem leibhaftigen Väterchen Frost in einem silbrig-blauen Kaftan und mit dem durchdringenden Gefühl, dass gerade das Wichtigste in ihrem ganzen bisherigen und künftigen Leben geschah, dass etwas geschah, wovon jedes Kind auf der Welt träumt. Der Bahnhof von Wologda wurde für sie gewissermaßen zu einer Kreml-Filiale, zumal auch er aus Backstein und ebenfalls rot war.

Und nun war Uljana wieder hier. Die Lautsprecher plapperten einander nach, sich selbst ein Echo: hell, unverständlich und abgehackt kündigten sie die Züge an. Die Luft roch nach diesem besonderen Bahnhofsgeruch, wie eine Kirche ihren eigenen Geruch hat — nach Diesellokomotiven-Weihrauch und Schwellenbalsam. Auf dem Bahnsteig standen Menschen, die sich auf den Abschied vorbereiteten, und Menschen, die auf ein Wiedersehen warteten: Sie vollzogen, einander ein wenig verlegen, ihre Bahnhofsrituale.

»Schnellzug … Zugnummer … Einhundertsechsundzwanzig G … ›Scheksna‹ … Auf der Strecke … Tscherepowez — Moskau … Abfahrt … von Gleis zwei … um einundzwanzig Uhr … achtundfünfzig … Minuten … Ich wiederhole …«

Draußen war es noch hell — die nördliche Sonne trieb irgendwo am Horizont herum wie ein Schwimmer. Flache Pfützen lagen auf dem Asphalt und waren vom Abendrot übergossen. Ein paar Jungs in Tarnuniform rauchten und lachten. Es war ein Lachen, bei dem einem die Haut kribbelte. Uljana sah sie ganz aus dem Augenwinkel an und erkannte alles. Das waren Menschen, die in den Krieg fuhren.

Der Zug, der einfuhr, war neu, schön und glänzend.

Die Seitenwände waren hellgrau, darauf leuchteten knallrote Buchstaben: »RŽD«. Der Bahnhof war märchenhaft, zaristisch, und der Zug war aus der Moskauer Zukunft zu ihm gekommen, um Uljana aus dem hinter dem Leben zurückgebliebenen Wologda dorthin zu holen, wo die Zeit der Gegenwart voraus war.

Niemand war gekommen, um Uljana zu verabschieden. Für ihre Mutter wäre es zu spät gewesen, danach wieder nach Hause zurückzufahren; am Telefon hatte sie ihr den Segen gegeben. Na ja, macht nichts, sie fuhr eben so.

Im Waggon war es sauber, aber ungemütlich: Er hatte noch keine menschliche Note angenommen, war noch eine unbewohnte Maschine. Er war ganz aus Metall und roch nach nichts als Metall; innen sah alles so fein herausgeputzt aus, war in Wirklichkeit aber staatlich-nüchtern.

Uljana setzte sich auf ihren Platz, gegenüber einer finsteren alten Frau im Schal. Draußen war es warm, aber die Alte fror und wickelte sich in ihren Schal. Sie fing sofort an, ihr Essen auszupacken, ohne zu warten, bis der Zug losfuhr. Uljana begrüßte sie, schob ihre Tasche unter den Sitz und schaute auf ihr Handy. Kein Empfang. Die Schaffnerin lief durch die Waggons und forderte die Verabschiedenden auf auszusteigen. Auf dem Bahnsteig plapperten die Lautsprecher wieder los. Ein eiserner Krampf durchlief den Zug, und der Bahnhof begann zurückzuweichen. Die Alte bekreuzigte sich und flüsterte ein Gebet. Los ging’s, die Masten huschten vorbei. All die hässlichen Gebäude tauchten auf, mit denen das Zauberschloss von allen Seiten zugebaut war. Dann ratterten Datschen und Garagen vorbei. Schließlich rollte der ganze Zug in einen dunklen Wald hinein. Die Schaffnerin brachte Tee in leichten, dünnwandigen Becherhaltern, wie früher, aber doch nicht wie früher: fast aus Alufolie, die nur so tat, als wäre sie Silber. Die Alte stopfte allein gekochte Eier in sich hinein, die nach Schwefel rochen. Das Eigelb war ganz blau angelaufen.

Sie fuhren durch Grjasowez.

Uljana lutschte an dem Keks, den es zum Tee dazugegeben hatte, und horchte in sich hinein. In ihrer Seele formte sich nichts recht zu Worten, aber hätte sie sich ehrlich gefragt: Will ich jetzt dorthin fahren oder will ich nicht? — hätte sie aus irgendeinem Grund geantwortet: Ich will nicht. Also stellte sie sich lieber keine weiteren Fragen. Sie schlürfte Tee und spielte auf dem Handy Diamanten. Glitzernde Glasscherben füllten die Hohlräume in ihrem Kopf und ihrer Brust. Mit Füllmaterial ging es besser; die Leere saugte nicht mehr so stark.

»Wie lange dauert’s noch bis zum Speisewagen?«

Stimmen hallten durch den Waggon, Schuhe schlurften. Uljana klebte an ihrem Handy, das ging sie nichts an — bis es richtig laut wurde.

»Na, hallo! Guten Abend!«

Uljana hob den Kopf. Zwei Soldaten standen im Gang herum und lugten in ihr Abteil. Sie fingen Uljanas Blick auf und quetschten sich hinein. Der eine hatte leere, schreckliche Augen und einen sorgfältig gezogenen Scheitel im dunkelblonden Haar. Man sah sofort, dass er ein Psycho war. Der andere war kurz geschoren, draufgängerisch, und man sah, dass er ein Dummkopf war. Die Alte deckte ihr Essen sofort mit der Hand ab. Aber den Soldaten ging es nicht um das Essen der Alten. Der draufgängerische Blödmann schwang sich wie ein Äffchen am Ast am Haltegriff herum und landete geschickt neben Uljana.

»Fährst du auch bis Moskau?«

Der mit den leeren Augen versperrte den Ausgang mit seinem Körper.

»Wir nämlich auch. Wir kommen aus dem Heimaturlaub.«

Seine raue grüne Uniform berührte bereits ihr nacktes Knie, und er hauchte ihr Bier und irgendeinen sauren Gestank entgegen. Die Alte krümmte sich zusammen und wurde blass. Uljana rückte weg. Sie begann aus dem Fenster zu schauen.

»Acht Stunden Fahrt! Allein wird dir doch langweilig, was denn, hm?«

»Und wir mögen keine Langeweile«, pflichtete ihm der mit den leeren Augen bei.

Der dritte Soldat, blond und breitschultrig, der schon an ihnen vorbeigegangen war, kehrte zurück und schaute seinem Kameraden über die Schulter ins Abteil, um zu sehen, wie die Sache ausging, vielleicht auch, um mitzumachen. Was er sah, gefiel ihm. Er drängte sich ebenfalls hinein, schob die Alte zur Seite, nahm ihr ungefragt ein Ei weg, schlug es am Tischrand auf und begann, es zu pellen, während er Uljana ebenfalls mit einem besitzergreifenden Blick musterte, als wollte er sie auspacken. Das alles bekam sie aus dem Augenwinkel mit, auf weibliche Weise, ohne sich zu ihnen umzudrehen. Mit solchen Kerlen musste man umgehen wie mit streunenden Hunden: vorsichtig.

»Wenn du dich vor Mutti schämst, dann komm mit uns zum Speisewagen, wir machen einen drauf! Was sitzt du hier allein und sabberst über deinen Keksen wie so ein Waisenkind? Alles klar … Wir werden dich ordentlich füttern, dir was zu trinken geben, das Übliche …«

Hier musste sie wie auf einem Seil über einer Grube balancieren: höflich ablehnen, sodass sie ihr nichts vorwerfen konnten, aber so entschieden, dass ihnen kein Haken blieb, an dem sie ihre Hoffnung aufhängen konnten. Nicht nach rechts kippen und nicht nach links. So ähnlich wie bei einer besoffenen Gang am späten Abend, nur noch vorsichtiger. Und ihnen nicht in die Augen schauen.

»Nee, danke.«

»Warum bist du denn so abweisend?«

Irgendwelche Leute gingen vorbei, sogar kräftige Männer, sie schauten ins Abteil, sahen aber nichts Besonderes. Die grüne Uniform wirkte auf alle so, sie schuf einen toten Winkel ringsum. Die Soldaten waren im Recht, und die Leute in normaler Kleidung hatten Angst, sie anzusprechen. Ihre Uniform roch nach Unheil: nach Rauch, Eisen, Schnaps, einem kranken Kopf, nach Verwesung. Alle spürten, wonach es roch, aber niemand wollte Uljana beistehen.

»Was verlierst du denn dabei?«, er griff nach ihrem Knie.

Sie zuckte zurück.

Schrecken und Erstarrung. Sie musste dringend etwas tun. Sie musste sich selbst verteidigen, wenn sonst niemand es wollte. Sie drehte den Kopf und sah die beiden so an, wie sie auf dem Hof die Halbstarken angesehen hatte: durchgeknallt, legt euch nicht mit mir an.

»Weil ich keinen Bock drauf habe!«, gab sie zurück. »Haut ab und geht weiter, wohin ihr auch wolltet.«

Sie hatte es herausgebellt — und als wäre sie im selben Augenblick wieder von hier, aus dem Abteil, in den Keller zu sich und Kristinka zurückversetzt worden, an ihrem letzten Arbeitstag. Wieder verdichtete sich dieses Uljana nur allzu bekannte Vorgefühl des Unwiderruflichen. Hilflosigkeit kitzelte jeden winzigen Muskel von innen, ihr fehlte die Kraft, den Rücken gerade zu halten. Da war sie wieder auf den Gleisen, da raste wieder ein Zug auf sie zu, nur würde er ihr diesmal nicht die Zukunftspläne zunichtemachen, sondern ihr ganzes Leben zerschmettern und auf den Schienen zerquetschen. Und sie würde nichts tun können, niemand würde ihr helfen.

Die Alte zuckte zusammen, als wollte sie weggehen, blieb aber sitzen und verstummte.

»Warum machst du gleich so auf dicke Hose, Süße?«, legte der los, der sich an sie herangedrückt hatte. »Wir fahren hier mit den Jungs in den Krieg, falls du’s nicht weißt. Wir verteidigen das Vaterland, kapier’s. Vor solchen wie … dir. Sonst kommen die Amis und machen dich platt wie ’nen räudigen Köter.«

Sie wechselten einen lebhaften Blick. Vielleicht stellten sie sich vor, wie die Amis Uljana fertig machen würden? Und waren davon ganz begeistert.

Sie waren furchterregend, ja, aber der Krieg hatte sie so furchterregend gemacht. Derselbe Krieg, in den Sascha gegangen war. Also waren sie nicht schlimmer als Sascha. Und warum sollte sie sich das hier überhaupt gefallen lassen, sich abwenden, zusammenkauern wie diese Alte, sich in ihr Schneckenhaus zurückziehen, wenn er dort draußen war?! In ihr kochte es hoch.

„Und du brauchst dir um mich keine Sorgen zu machen“, sagte Uljana böse zu ihm. „Für mich hat meiner gekämpft. Sucht euch lieber eure eigenen Leute, für die ihr kämpfen könnt. Woanders.“

Und sofort veränderte sich etwas in ihren Gesichtern. Bis eben hatte darin Grausamkeit gelegen, Raserei, der Wunsch, sich auf den letzten Metern noch ein Stück Leben zu greifen, und die Vorstellung, wie sie sich das schnell noch holen konnten, solange der Zug nicht angekommen war – durch den Wodkadunst, durch den schamlosen Fleischrausch. Doch nun gerieten sie ins Stocken. Die Lust verrauchte, und ihr ganzes Verständnis brach zusammen. Sie hatte ihnen den Appetit verdorben. Übrig blieb nur die Grausamkeit, dazu kamen Verwirrung und Misstrauen.

„Wo hat deiner denn gekämpft, wenn ich fragen darf?“, fragte der Ordentliche.

„In Tschassiw Jar. Einen Monat lang war er vermisst, dann ist er wieder aufgetaucht. Jetzt fahre ich zu ihm ins Wischnewski-Krankenhaus nach Moskau.“

Sie tauschten Blicke. Sie kannten den Namen – Tschassiw Jar.

„Und wie … Wie geht’s ihm? Deinem?“, fragte plötzlich der unter dem Bubi, mit einer ganz normalen menschlichen Stimme, ohne Großtuerei, ohne Besoffenheit und ohne die Rüstung.

Sein Fuß drückte noch immer gegen ihr Knie, doch nun war die Berührung nicht unheimlicher und nicht widerlicher als die eines fremden Beins im Bus. Als hätte das Leben einfach einen zufälligen Mitreisenden niedergewuchtet.

„Sie haben ihn gerade noch rausgeholt.“

„Na ja … Ist klar. Also gut dann … Viel Glück.“

Der Trottel begann aufzustehen. Der Blonde machte sich, ohne sein Ei aufgegessen zu haben, ebenfalls zum Gehen bereit. Nur dieser Unheimliche wollte einfach nicht aufgeben.

„In welches Krankenhaus?“, bohrte er weiter. „Kennst du die Adresse?“

„Wischnewski. Eine Außenstelle im Gebiet.“

„Und wenn wir nachprüfen?“

„Prüf ruhig. Lasarenko Alexander Witaljewitsch.“

Uljana sah sie an und blickte jedem unverfroren direkt in die Augen. Die Angst war ihr völlig abhandengekommen. Sie fühlte … eine ungeheure Berechtigung und ungeheure Kraft. Tausendprozentige Kraft und tausendprozentige Berechtigung. Sascha hatte sie ihr mit seiner Berechtigung verliehen; für sie hatte er mit Blut bezahlt, nicht mit Geld, und sein Blut war nun für Uljana wie ein Schutzamulett. Dank Sascha war sie unverwundbar geworden.

„Ach, komm, Schenja. Lass gut sein. Sie ist in Ordnung, gehört zu uns.“

Endlich ließ auch dieser leereäugige Irre von ihr ab, wenn auch widerwillig. Vom Gang aus warf er Uljana noch einen letzten lüsternen Blick zu, aber nicht wie ein Mann eine Frau ansieht, sondern wie ein Wolf die Kehle eines Schafs.

Der Blonde verabschiedete sich mit einer Possenreißergeste:

„Frau! Für die Eier – ehrlich, danke!“

Sie bekreuzigte ihn.

„Bleibt dort gesund“, brachte sie hervor.

„Wenn wir bloß nicht verrecken, wär’s schon was“, lächelte er sie an.

Uljana nickte ihnen nur zu. Im Gang stießen sie zusammen, weil jeder als Erster hinauswollte, dann waren sie verschwunden. Uljana lächelte die alte Frau triumphierend an – sie konnte ihren Stolz nicht zurückhalten. Sie hatte den Kerlen die ganze Dreistigkeit abgenommen und für sich beansprucht. Sie spürte, wie es sie schier zerriss. Ihr standen sämtliche Härchen zu Berge. Durch ihre Arme lief eine solche elektrische Spannung, dass sie, wie es schien, mit den Fingern eine Zweihundertzwanzig-Volt-Glühbirne hätte anfassen können – und sie wäre angegangen. Sie wollte schreien oder singen, ihnen ein „Fickt euch!“ hinterherrufen und die Tür zuknallen.

Ein außergewöhnliches Gefühl war das.

So eines, dass sie einen zehntausend Tonnen schweren Zug zum Anhalten befohlen hatte, und er gehorsam stehen geblieben war. Dass sie in den Führerstand gegangen war, sich ans Bedienpult gestellt und alle Knöpfe gedrückt hatte, worauf der Zug sie dorthin brachte, wo sie hinmusste. Und wenn sich jetzt irgendeine Schlampe auf die Gleise stellen und mit den Armen fuchteln würde, um Uljana aufzuhalten, dann würden die tausend Tonnen Stahl, an deren Spitze Uljana nun stand, diese und jedes andere Miststück einfach wegfegen – und Uljana würde im Führerstand der Lok nicht einmal etwas davon merken. Ruck – und weiter.

„Hast du Hunger?“, fragte ihre Nachbarin mitfühlend.

„Ja.“

• • •

Sie setzten sich zum Tee. Maxim hatte bis zuletzt gehofft, den heutigen Tag ohne Kognak hinter sich bringen zu können, doch schließlich gestand er sich ein, dass das nichts werden würde. Er öffnete die Hausbar, fand blind und treffsicher die richtige Flasche und umschloss sie mit den Fingern, kühl wie sie war. Er schenkte sich einen Fingerbreit ein, seufzte und goss noch ein kleines bisschen nach.

Marina beobachtete ihn aufmerksam und fragte nichts. Maxim nahm einen Schluck, verbrannte sich den Mund und kniff die Augen zusammen. Die Flüssigkeit lief hinunter, und einer nach dem anderen lösten sich die Knoten – in seinem Hals, in der Speiseröhre, im Solarplexus. Er lächelte und atmete aus. Es war ihm egal, ob diese Aktivisten noch einmal bei ihm auftauchten oder nicht. Irgendwie würde sich das schon von selbst regeln. Er hatte schließlich alles richtig gemacht: seinem Gewissen nach. Ja, und außerdem auch nach dem Gesetz.

„Hat Kirjucha gesagt, wann er nach Hause kommt?“

„Du weißt doch, dass er sich vor mir nicht rechtfertigt. Und außerdem ist Sommer … Jeden Tag hat irgendwas auf, all diese Partys …“

„Sommer“, stimmte Maxim zu.

„Lass ihn ausgehen.“

Marina sagte das irgendwie so kläglich, dass Maxim aus seinen heutigen Abenteuern auftauchte, die er die ganze Zeit in seinem Kopf auf Endlosschleife abgespielt und noch einmal durchlebt hatte, und seine Frau bemerkte. Beim Abendessen hatte sie fast nichts gesagt, ihn nicht von seinen Gedanken abgelenkt; erst jetzt schien es ihm, als wäre sie irgendwie bedrückt: angespannt vielleicht?

„Alles in Ordnung?“

„Ja.“

„Was meinst du mit: Lass ihn ausgehen, Marina?“

„Hm? Nein … Ich meine doch dasselbe, wie wenn wir sagen: Lass ihn ausgehen, solange er noch die Möglichkeit dazu hat.“

„Ist wirklich alles in Ordnung?“

„Ja, schon.“

Maxim nickte. Aber da war noch etwas Ungesagtes, das spürte er jetzt. Den ganzen Abend hatte es in der Luft gehangen und gewartet.

„Gibt es noch mehr Neuigkeiten?“

„Also, ich wollte es dir gerade sagen … Ich habe es eben erst erfahren. Hast du etwas dagegen, wenn Uljana ein paar Tage bei uns wohnt?“

„Uljana?“

„Na, die Tochter meiner Cousine. Iras. Wirst du dir die beiden irgendwann mal merken?“

„Die aus Wologda?“

„Die aus Wologda. Die Zarews.“

„Natürlich kann sie bei uns wohnen, kein Problem“, stimmte Maxim zu. „Und wann?“

„Morgen kommt sie. Am Morgen.“

„Wow. Schon morgen?“

„Ich habe es ja auch gerade erst erfahren. Bei ihr ist etwas dazwischengekommen …“ Marina zögerte.

„Was ist denn dazwischengekommen?“

Er runzelte die Stirn und dachte daran, dass er sich beim besten Willen nicht an das Gesicht dieser Ira Zarewa erinnern konnte.

„Sie hat einen Freund … einen Verlobten. Wie soll ich sagen … Er wurde zur Armee eingezogen. In den Krieg. An die Front. Und jetzt ist er verwundet worden. Er liegt im Wischnewski-Krankenhaus. In der Chirurgie. Sie fährt zu ihm, um ihn zu besuchen.“

Marina schwieg und sah ihren Mann fragend an.

Maxim begann zu verstehen, warum es beim Abendessen so still gewesen war: Marina hatte überlegt, wie sie dieses Gespräch anfangen sollte.

„Im Krieg verwundet?“, wiederholte er verständnislos. „Dort, meinst du, direkt?“

Er nickte zum stummen Fernseher hinüber.

„Ja.“

Maxim schüttelte den Kopf. Er wusste nicht, was er sagen sollte. Übelkeit stieg in ihm auf: weil der Krieg irgendwie aus dem ausgeschalteten Fernseher herausgekrochen und bis in ihre Küche gedrungen war. Der Krieg, den Maxim so hasste und vor dem er solche Angst hatte. Weil Marina das Gespräch so eingefädelt hatte. Und jetzt seine eigenen Worte zurückzunehmen, wäre seltsam gewesen. Maxim schwieg.

„Sie war doch mal bei uns, erinnerst du dich nicht? Uljascha. Als kleines Mädchen.“

„Marina, du weißt doch, wie ich …“

Maxim mied jeden, der den Krieg unterstützte, als wäre er aussätzig. Ganz am Anfang hatte er mit solchen Leuten noch heftig gestritten, doch dann begriff er, dass man sie ohnehin nicht umstimmen konnte, und später bekam er sogar Angst davor, überhaupt noch zu diskutieren; vielleicht war es aber gerade das Zweite, das das Erste ausgelöst hatte. Aber hier … Was konnte denn Uljascha dafür?

„Und ich denke doch genauso, worüber reden wir überhaupt … Aber was kann sie denn dafür? Sie ist doch bloß ein Mädchen“, sagte Marina laut.

Bloß ein Mädchen. Na ja, sie hatte sich in einen Jungen verliebt, und dann hatte man ihn in den Krieg geholt. Geholt, fast umgebracht, jetzt lag er verwundet in Moskau, sagte Maxim sich lautlos. Wer sollte sie dafür verurteilen? Sicher nicht sie. Man konnte nur Mitleid mit ihr haben. Der Krieg walzt über Menschen hinweg, dünne Knochen krachen. Er musste sich jetzt überwinden – seine Angst vor dem Krieg, seinen Widerwillen gegen ihn und die dumme, abergläubische Furcht, den Krieg selbst ins eigene Haus einzuladen wie einen Vampir.

„Einfach der Verwandtschaft zuliebe, Maxik? Na gut?“

„Ja. Gut, ja. Natürlich.“

Wenn es Marina wichtig war … Eine Nichte. Na gut, was sollte man machen. Na gut … Na gut! Sie würde bleiben und wieder fahren. Sie würde bleiben und wieder fahren.

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