Dmitri Gluchowski · Registrierung
13.
Sie sagten, sie solle zur Station gehen. Sie sagten, man würde Sascha dorthin bringen.
Sie stand auf und ging los. Lief sogar. Vor Tatjana Nikolajewna hatte sie einen Vorsprung, aber einen kleinen und unsicheren. Ein Militärkrankenhaus ist ein komplizierter Mechanismus, wie ein Spielautomat im Kasino. Wer weiß schon, was sich da drinnen alles dreht – auf der Anzeige sieht man ja nur das Endergebnis all dieser zufälligen Zahnräder.
Heute hatte sie weder Schleier noch Sekt dabei. Von den Braututensilien nur den Pass. Alles andere kam ihr heute schon wie eine Clownnummer vor. Sie musste die Sache einfach zu Ende bringen. Feiern würden sie später, falls es dann noch etwas zu feiern gab.
Sie schlich sich auf die Station und traf den diensthabenden Arzt. Er sah sie seltsam an, offenbar wusste er schon Bescheid. Sie fragte ihn, wie es Sascha gehe, ob es Neuigkeiten gebe. Er sagte: Sepsis und intrakraniell. Uljana setzte sich vor Saschas Zimmer und googelte, was Sepsis sei und was sie beeinträchtige. Die KI machte ihr Angst, weil die Sache ernst sei, und Uljana schloss sie deshalb, damit sie nichts verschrie.
Sie beschloss, diese Information erst mal wegzurauchen. Sie stellte sich auf dem Treppenabsatz beim Aufzug hin, damit sie Sascha nicht verpasste, dort, wo alle rauchten, und holte ihre Kippen heraus: Die Melonensorte rettete sie auch nicht mehr vor irgendeinem Scheiß.
Im Korridor beim Aufzug lag noch irgendein kahl rasierter Typ auf einer Bahre und wartete darauf, wohin man ihn verlegen würde; er sah sie schief an. Aus Saschas Zimmer kamen seine Zimmergenossen, Seryj mit Piratenklappe über einem Auge und Leshy ohne Arm. Sie bemerkten Uljana, grüßten sie mit schiefem Mund und lächelten verkrampft.
— Oh, die Braut. Deiner ist nicht hier. Gibst du mir ’ne Kippe?
— Weiß ich, — sie klopfte ihnen je eine Zigarette aus der Schachtel. — Ich warte hier auf ihn.
— Kann sein, dass du lange warten musst. Da haben sie schon einen Kerl an seinen Platz gekarrt.
— Falls was ist, ich bin Igor, — sagte der Liegende. — Ich hätte auch gern mal einen Zug.
Leshy und Seryj schoben ihn mit dem Kopf voran auf den Treppenabsatz, damit sie vor dem Stationszimmer nicht qualmten.
— Mit Sascha ist alles in Ordnung, — erklärte Uljana. — Der kommt nicht an seinen Platz.
— Na, Gott sei Dank, — Leshy zuckte mit den Schultern, der Armstumpf zuckte komisch mit.
— Aber du bist doch schwanger, oder? — fiel es Seryj ein. — Warum rauchst du denn?
— Muss sein, — erklärte sie ihm. — Wir sind nicht so, das Leben ist so.
— Und was ist mit der Hochzeit? — ließ Seryj nicht locker.
— Na, sobald sie ihn herbringen, gibt’s Hochzeit, — Uljana zog an ihrer Zigarette. — Willst du Trauzeuge sein?
— Trauzeuge? Vielleicht ist Leshy besser dafür geeignet?
— Ich persönlich hätte nichts dagegen, — krächzte Leshy.
— Was machst du hier, Igorek? — fragte Seryj den Liegenden näselnd und hielt ihm die Zigarette hin. — Wie sieht’s aus? Wo kommst du her?
— Was soll’s schon sein. Bin aus Woltschansk gekommen. Direkt von der Ausbildung hierhergeschickt.
— Kenn ich den Scheiß. Und welche Einheit?
— Die 72. Motorschützenbrigade.
— Also Kanonenfutter.
— Genau das. Da ist die Hölle los, die Ukrainer haben sich eingegraben, sitzen in jedem Haus, in jedem Keller, und die FPV-Drohnen lauern überall. Keine Chance. Sie haben uns antreten lassen und gesagt: Wenn ihr heute nicht in den Sturmangriff geht, gibt’s hundert. Na, Tausender. Aber hundert sind besser als zweihundert. Und lachen dabei.
— Übrigens ein fairer Preis, — befand Leshy. — Menschlich.
— Und wir waren alle Grünschnäbel, ich eingeschlossen. Da tat uns das Geld leid, also … haben wir’s riskiert.
— Keiner hat einen blassen Schimmer, — Seryj nickte. — Und das Geld ist gerade erst ausgezahlt, liegt einem noch warm in der Tasche. Die Leute kapieren nicht, dass es da keine Chance gibt. Und dann?
— Na ja, also … Kurz gesagt, die erste Gruppe ist auf den Stützpunkt gegangen, und alle waren sofort erledigt. Einer brüllt da noch ins Funkgerät, so nach dem Motto: Ich bin dreihundert, dreihundert, holt mich ab. Der Kommandeur schaltet einfach das Funkgerät aus. Sieht uns an und sagt: Jetzt sind’s schon hundertfünfzig.
— Na ja, Inflation, was soll’s, — scherzte Leshy.
— Ich hatte meinen Eltern alles überwiesen, damit sie mich in der Einheit nicht ausnehmen. Dann zeigte er auf mich: Los, ab dafür. Kurz, kein Geld mehr. Also entweder losgehen oder sie hätten uns da schon auf null gesetzt, wenn wir rumgezappelt hätten. Das haben wir im Flug kapiert. Na, bin halt los. Und dann haben sie uns da peng, peng. Ich hör’s surren. Na, denke ich, das war’s jetzt. Wenn die dich als Ziel erfassen, lassen sie dich nicht mehr los. Ich hab’s noch bis in irgendeinen Keller geschafft, bin reingesprungen, und die hinterher mit ’ner Granate. Gut, dass sie ein bisschen zu früh hochging, sonst wäre sie noch reingerollt. So hat mich nur ein Splitter erwischt, in die Wirbelsäule, wie sie später sagten. Als ich wieder zu mir kam, waren die Beine fremd. Aber ich hatte das Funkgerät. Na, denke ich, ich geh euch so lange auf den Sack, bis ihr mich holt, ihr werdet mich nicht so einfach abwimmeln wie diesen armen Wichser. Hab sie zwei Tage lang vollgelabert, bis sie mich in der dritten Nacht endlich rausgeholt haben. Die Jungs zogen sich von den Stellungen zurück, und irgendwem war’s nicht egal genug, der hat mich rausgeholt. Von den vierzig, die da angetreten waren, sind vielleicht fünf weggekrabbelt, den Rest hat’s gefickt.
— Na ja, Grünschnäbel in den Sturmangriff zu schicken, ist ganz normal, — Seryj schniefte. — Haben wir genauso gemacht. Was denn, sollen wir selbst rein? Die sind noch ganz frisch angekommen, also schickt man sie nach vorn. Sonst kapieren sie später, was Sache ist, und dann hast du nur Ärger. Die fangen an, sich aufzuspielen, und wir dürfen den Mist ausbaden. Der Alte brüllt: Entweder die oder ihr, seht zu, wie ihr sie reinkriegt. Wenn ihr wollt, setzt die da auf null, wenn ihr wollt, geht ihr selbst an ihrer Stelle.
— Na, die müssen da Zahlen vorweisen, — Leshy hob wieder seinen Armstumpf. — Die malen Pfeile auf Karten. Entweder Ergebnisse oder wenigstens Aktivität. Die haben da ihre Berichte und den ganzen Scheiß. Kann man auch verstehen.
— Zahlen, verdammt, — sagte Seryj mit seiner näselnden Stimme wie eine Kinderflöte. — Die haben ihre Berichte, und wir die Drecksarbeit.
— Und was … — fragte Igor auf der Bahre zaghaft, — musstet ihr auch Leute auf null setzen?
— Na, wenn die Lage so ist, — trötete Seryj, — dass entweder die oder du dran bist. Was meinst du denn selbst?
— Keine Ahnung.
— Siehst doch, dass ich hier bin, — kicherte Seryj.
Sie schnaubten. Schwiegen. Uljana war ihnen egal, obwohl sie danebenstand und zuhörte. Sie hatten sich wohl schon an sie gewöhnt.
— Und, ist die Chirurgie hier gut? — wechselte Igor das Thema.
— Keine Sorge, die flicken dich zusammen. Du bist wie neu und wirst wieder zurückgeschickt.
— Ich will nicht zurück, — sagte Igor. — Ich bleib lieber als Krüppel liegen, verdammt.
— Ich lass mich entlassen und fahr zurück, — schnäuzte Seryj.
— Wohin nehmen sie dich denn mit nur einem Guckauge? — krächzte Leshy.
— Genau dorthin. Zu meinen Leuten, dahin, wo ich hergekommen bin. Da ist alles geregelt. Die behandeln mich gut. Und außerdem, was für einen Unterschied macht’s? Es ist ja das rechte Auge. Blinzeln muss ich dann gerade nicht.
Er lachte wieder.
— Ach, leck mich, — widersprach Leshy. — Ich würde ihnen alles, was ich noch an Geld habe, in den Rachen werfen, nur um nicht wieder auf null zu landen. Wozu denn?
— Ach, verdammt … — Seryj winkte ab und spielte mit der Braue über seinem sehenden Auge. — Na, eben deshalb.
— Dann erklär’s mir.
— Na, was soll man hier denn machen? Hier ist nichts und zu tun gibt’s auch nichts.
Leshy legte den Kopf schief: Na gut. Jeder, wie er mag.
Der Diensthabende kam hereingestürmt und brüllte sie an, weil sie Igorek weggeschleppt hatten. Sie schoben ihn zurück. Dann gingen sie wieder ins Zimmer, um herumzuliegen. Aber Sascha kam und kam nicht.
• • •
Der Tag war wieder heiß und zähflüssig. Der Ventilator schwenkte hin und her, und das aufgeschlagene Buch auf dem Tisch flatterte jedes Mal mit den Seiten, wenn er sich ihm zuwandte. Maxim hätte über morgen nachdenken müssen, dachte aber stattdessen an gestern. Er versuchte, sich selbst zu verstehen: Wie war es dazu gekommen, dass nicht er Uljana in die Mangel genommen hatte, sondern sie ihn? Warum war er abgehauen?
Aus Angst um Kirill. Darum.
Wenn Uljana ihm, Maxim, gedroht hätte, wäre er nicht nur geblieben, sondern hätte diesen verdammten Fernseher gleich ganz aus der Steckdose gerissen. Theoretisch war er selbst bereit, verhaftet zu werden; oft genug hatte er sich schon vorgestellt, wie es eines Tages passieren würde, falls man ihn für seine Prinzipientreue drankriegen sollte. Maxim war auch auf Demos gegangen: 2010, 2012 und 2014; und als der Krieg begann, waren er und Marina ebenfalls auf die Straße gegangen — jedes Mal war er innerlich auf Festnahmen vorbereitet gewesen: Er hatte seine Papiere und Wasser dabeigehabt, alles nach den „Medusa“-Anweisungen. Aber absichtlich eine Verhaftung zu provozieren, darauf hatte er es nie angelegt; der Selbsterhaltungstrieb meldete sich, und wenn er auf Demos sah, wie die OMON irgendwo Leute einkassierte, ließ er sich nicht von der Menge dorthin tragen.
Aber Maxim hielt sich nicht für einen Revolutionär, er hielt sich für einen Menschen mit einer staatsbürgerlichen Haltung. Er tat das nicht fürs Land: Das Land war ohnehin dem Untergang geweiht, und all diese Volksversammlungen und liberalen Ausbrüche konnten seinen Absturz in den Abgrund höchstens ein wenig verzögern. Maxim tat es für sich selbst, einfach damit er wusste, dass er in der entscheidenden Stunde nicht beiseitegestanden hatte. Damit er es später seinen Enkeln erzählen konnte. Um sein Gewissen zu beruhigen, wenn man ganz ehrlich war. Und was war daran schlecht? Nein, lieber so, als sich auf dem Sofa zu verstecken. Aber egal, das war er. „Ich kann nicht schweigen“ und so weiter. Kirjuscha aber hätte er gern vor all dem bewahrt, ihn davor geschützt. Zumal die Risiken früher geringer und die Hoffnungen naiver gewesen waren. Damals konnte man noch kämpfen oder wenigstens so tun, als ob. Jetzt waren die Zeiten endgültig finster geworden, es gab keinen Grund mehr, seinen Hals zu riskieren. Er hatte ihn zu einem freien Menschen ohne Angst erzogen — und bitte, da hatte er den Salat.
Und dann auch noch diese Sache von gestern.
Eigentlich war der Vorfall geklärt; Maxim zweifelte nicht daran, dass Uljana sie jetzt nicht verpfeifen würde, nachdem er ihr erlaubt hatte, in diesem Streit scheinbar die Oberhand zu gewinnen. Na, wenn jemand einen symbolischen Sieg brauchte — bitte sehr, das kostete sie nichts. Sie verstanden ja, dass nur diejenigen bis zum Ende kämpften, die unbedingt etwas beweisen mussten; Menschen, die irgendwann einmal von jemandem gedemütigt worden waren — ihnen kam Großzügigkeit gar nicht in den Sinn, weil jede Schlacht für sie ein Echo jenes ersten, verlorenen Kampfes war. Maxim dagegen hatte im Großen und Ganzen, nicht nur dank der Umstände, sondern auch dank seines eigenen moralischen Kompasses (und, wenn man so wollte, auch seines Selbsterhaltungstriebs), ein Leben ohne Demütigungen geführt — nun ja, ohne ernsthafte Demütigungen, sagen wir —, sodass er es sich auch bei dieser lächerlichen Auseinandersetzung gestern durchaus hatte leisten können, Nachsicht mit Uljana zu zeigen. Das war, wie man so sagt, eine Win-win-Situation: Alles blieb unter Kontrolle, Kirjuscha war aus der Schusslinie genommen. Und vor allem war das Gespräch über die Million Rubel beendet, die nun nicht den Ärzten als Bestechungsgeld für die Eheschließung, sondern Uljana für ihr Schweigen gezahlt werden sollte. So kam es, dass Maxim Uljana scheinbar nachgegeben und sie in dieser nicht ganz gewöhnlichen Partie in Wirklichkeit ausgetrickst hatte.
Maxim streckte sich bis zum Schwenkknopf am Ventilator und drückte ihn hinein. Endlich hörte das Ding auf, neurotisch hin und her zu schwenken, und blies ihm stattdessen ins Gesicht. Das Buch, das der Teufel wusste wohin geweht worden war, flatterte nicht mehr. Maxim lehnte sich in seinem Chefsessel zurück und lächelte vor sich hin.
Da rief Marina an.
— Maxim … — sagte sie aus irgendeinem Grund flüsternd. — Wir müssen reden.
— Wir reden doch schon, — antwortete er ruhig, während in ihm etwas erstarrte.
— Fang bloß nicht an zu schreien, ja?
— Gut. Ich hab mich gestern schon ausgeschrien.
— Ich möchte, dass du hinfährst und das Geld abhebst. Für Uljana.
Maxim verdrehte die Augen, obwohl Marina es nicht sehen konnte. Nicht schon wieder? Er räusperte sich.
— Wozu? Ist sie heute wieder mit der Sache gekommen? Hast du Irina nicht erreicht?
— Ich hab Irina erreicht. Sie sagt, Uljana sei nicht ganz bei sich, habe sie angeschrien. Sie haben sich gestritten. Sie bittet uns, Verständnis zu haben.
— Verständnis für sie haben? Machst du dich über mich lustig? Moment, Moment … Ich hatte gestern eigentlich den Eindruck, dass wir uns ganz normal getrennt haben, jeder blieb bei seiner Meinung, oder? Sie hat begriffen, dass sie von uns nichts zu erwarten hat. Damit ist der Vorfall erledigt.
Sie schwieg. Dann piepte es in der Leitung.
— Kannst du auf Video umschalten? — bat Marina.
— Gut, machen wir. Bitte.
Auf dem Bildschirm erschien Marinas Gesicht — reglos wie das einer Gelähmten. Sie schaltete die Kamera um, und Maxim begriff, dass sie gerade in Uljanas Zimmer war.
— Na sowas. Sehr interessant, — kommentierte er.
— Ich bin reingegangen … um Staub zu wischen. Und … hier liegt ein Heft auf ihrem Tisch. Und in dem Heft …
Sie richtete die zitternde Kamera auf die karierten Seiten, auf denen sich die handgeschriebenen Buchstaben in lauter Kästchen auflösten; offenbar war der Empfang mit dem Handy ziemlich schlecht.
— Ich kann so gar nichts erkennen, Marin. Die Verbindung ist beschissen. Was steht da?
— Ich kann es dir vorlesen, — sagte sie mit Unterbrechungen. — Hier steht: An die Verwaltung des FSB für die Stadt Moskau, Anzeige. Von Uljana Konstantinowna Tsarewa, dann ihre Passdaten, bei denen sie durcheinandergekommen ist und etwas durchgestrichen hat.
— Und? — fragte Maxim, obwohl ihm schon alles Innere verkrampfte.
— Und hier sind noch mehrere Seiten herausgerissen.
Der Ventilator brummte furchtbar laut und aufdringlich, aber die Luft bekam er nicht mehr in Bewegung.
— Und? — wiederholte er wie ein Vollidiot.
— Ich möchte, dass du jetzt hinfährst und das Geld abhebst. Und ich schreibe ihr, dass wir ihr helfen werden.
Maxim schwieg.
— Hörst du mich, Maxim? — Marina schaltete auf die Frontkamera um.
— Ich höre dich.
— Warum sagst du dann nichts?
— Ich werde das nicht tun.
Unter dem Hemd liefen ihm kühle Rinnsale von den Achseln über den Körper und kitzelten. Maxim wischte sich die Stirn ab. Er wollte brüllen. Er wollte sich verstecken. Wo willst du dich denn verstecken, Dummkopf? In einer Höhle? Nirgendwo kannst du dich verstecken.
— Na gut, dann fahre ich selbst hin und hebe das Geld ab. Ich habe genug auf dem Konto.
— Ich bin dagegen. Sie bricht uns! Verstehst du?
— Mir ist egal, ob du dafür oder dagegen bist, Maxim. Du hast damit überhaupt nichts zu tun. Du und dein Egoismus. Hier geht es nicht um dich, sondern um Kirill.
— Es geht um uns alle, Marina, — erinnerte Maxim sie.
— Spar dir deine Überlegungen für ein andermal. Wenn du mir nicht helfen willst, dann steh mir wenigstens nicht im Weg, ja? Misch dich einfach nicht ein. Ich hab dich nur angerufen, um dich zu warnen. Ich habe mich sowieso schon entschieden und werde tun, was ich für richtig halte.
Dieses gelähmte Gesicht von ihr. Wie oft hatte sie den Zettel wohl gelesen, bevor sie ihn anrief? Wahrscheinlich hatte sie schon das ganze Zimmer auf den Kopf gestellt … Diese leblose Stimme.
Für einen kurzen Moment — so wie ein statischer Funke überspringt — spürte Maxim, dass Marina recht hatte, doch kaum war der Funke, in einer Millisekunde, erloschen, polierte er diesen Gedanken, nein, nicht einmal einen Gedanken, nur einen Kratzer auf seiner Seele, spurlos glatt.
— Marina … Verstehst du, was du jetzt vorhast? Du willst ihr helfen, Geld für einen Mord zu bekommen.
— Sei einfach still, ja? Halt einfach den Mund. Ich bitte dich. Er ist kein Mörder, er ist ein Opfer. Er ist genauso ein Opfer wie wir alle. Du weißt selbst, wo die Mörder sitzen. Ganz oben. Das war’s, Maxim. Wir sehen uns heute Abend. Vielen Dank für deine Hilfe.
Der Bildschirm wurde schwarz. Maxim legte das Handy weg, starrte es aber weiter an und konnte den Blick nicht abwenden, bis es an der Tür klopfte. Maxim zuckte in seinem Chefsessel beinahe hoch — so laut kam ihm das Klopfen vor. Wer klopfte denn so? Und warum?
— Maxim Pawlowitsch?
Eine weibliche Stimme, bittend. Galina. Ach, verdammt noch mal, Galina Igorewna, wirklich.
— Ich bin beschäftigt! — rief er.
Galina raschelte und verschwand.
Ich habe einfach keine Kraft mehr, gegen Marina anzukämpfen, sagte Maxim sich. Er könnte sich jetzt querstellen, ihr verbieten, das Geld abzuheben, nach Hause fahren und streiten … Aber sollte er sie jetzt etwa auch noch mit Gewalt brechen? Er hatte keine Kraft mehr. Erstens hatte er seinen Standpunkt klar dargelegt. Er hatte nicht herumgedruckst, sich nicht herausgewunden, Uljana alles ins Gesicht gesagt — nicht nur einmal, nicht nur zweimal. Und dann … Sie hatte den Staat mit seinem ganzen Repressionsapparat gegen sie in Stellung gebracht; das war kein Konflikt mit ihr, sondern mit dieser ganzen Maschinerie. Hier waren die Kräfte nicht bloß ungleich verteilt, hier war jeder Widerstand zwecklos. Man musste anders denken: sich zurückziehen, um die Truppen zu schonen. Was redest du da, was für Truppen, was haben Truppen damit zu tun? … Na, und Uljana? Was sollte Uljana schon? Was würde sie irgendwem beweisen? Soll Marina ihr eben diesen Knochen hinwerfen, zum Teufel damit. Dann verschwindet sie wenigstens aus ihrem Leben, verkrümelt sich dorthin, wo sie hergekommen ist, und bei ihnen zu Hause herrscht wieder Frieden, denn wenn man ganz ehrlich war, hatte Marina auch darin recht: Im unvollkommenen menschlichen Leben gibt es nichts Wichtigeres als Frieden in der Familie.
• • •
Als Erste tauchte eine unauffällige Frau in Zivil auf, mit einem so kurzen Haarschnitt, wie man ihn sich nicht aus freien Stücken verpassen lässt; in Uljanas Schulzeit hatten die Lehrerinnen so eine Frisur getragen. Eine richtige Mäusefrau. In den Händen hielt sie eine Kunstledermappe und ein Tablet. Sie ging ins Stationszimmer, erkundigte sich und marschierte zu Saschas Zimmer. Uljana hatte sie schon von Weitem bemerkt, vom anderen Ende des Korridors. Ihr Herz setzte aus, sie erriet sofort, was für ein Vogel das war.
— Sie sind die Braut? — fragte die Frau sie.
— Ja, — antwortete Uljana.
— Na, gut. Ich bin vom Standesamt. Ihr Bräutigam, Artur Iwanowitsch, sagte, er werde gleich hergebracht. Haben Sie alle Unterlagen dabei?
— Welche Unterlagen? Ich habe nur meinen Pass. Und hier den Ultraschall.
— Den Ultraschall brauche ich nicht. Wer hat die Unterlagen des Bräutigams?
— Wahrscheinlich das Krankenhaus, — sagte Uljana verwirrt.
— Na gut, wir klären das. Wissen Sie wegen der Gebühr für die staatliche Registrierung Bescheid?
— Ja.
Sie musterte Uljana mit einem Blick, wie Polizisten Tadschiken mustern, sagte aber nichts weiter. Sie sah auf die Uhr, schüttelte unzufrieden den Kopf, schnalzte mit der Zunge, und genau in diesem Moment kam bei den Aufzügen wie auf Kommando Bewegung auf.
— Da bringen sie ihn.
Erst in diesem Moment glaubte Uljana wirklich, dass sie gewonnen hatte. Dass sie sie alle in die Knie gezwungen hatte — Artur Iwanowitsch, Alexej Alexejewitsch, Onkel Maxim und Saschas Mama. Alles hing an einem seidenen Faden, alles hätte schrecklich enden können, keiner von ihnen hätte auf ihre Masche hereinfallen müssen; dann hätte es Uljana in den Straßengraben geschleudert, und das wär’s gewesen, aus und vorbei. Aber es war anders gekommen: Da rannten sie herum, waren in heller Aufregung, alle waren darauf hereingefallen, alle tanzten nach Uljanas Pfeife. So viel dazu, ihr Miststücke. Das Glück ist mit den Mutigen, und die Duckmäuser werden von allen Seiten gefickt.
Sie stürzte zu Sascha.
Sie rannte hin — und erkannte ihn nicht.
Er war grau, auf seinen Wangen hingen Schweißtropfen, die Augen aufgerissen, die Pupillen wie mit einer Nadel durchstochen. Um den Kopf ein roter Verband, in der Hand ein Katheter, daneben an einer Stange ein Plastikbeutel mit irgendeinem Gesöff. Zwei Ärzte schoben die Liege, hinter ihnen schritt Artur Iwanowitsch. Uljana schloss sich dem Zug an.
— Sascha! Saschenka …
— Uljasch? — Er rollte seine aufgerissenen Augen zu Uljana hinüber: Er erkannte sie.
— Wie geht’s dir?
— Ich bin Anästhesist, guten Tag. Wir haben ihm Naloxon und Flumazenil gespritzt, die Betäubung aufgehoben. Sie haben etwa zwanzig Minuten, dann driftet er wieder weg, also würde ich nicht trödeln. Machen Sie, was Sie vorhatten, und das war’s, — antwortete ihr einer der Ärzte düster, der Schwarzhaarige.
— Bringen wir ihn ins Zimmer, damit die Leute nicht glotzen, — befahl Artur Iwanowitsch; Uljana beachtete er nicht.
— Wir heiraten jetzt, Sasch, ja?
— Ja? Na los, — er blinzelte. — Ich muss nur … Uljasch … Ich will dir … Nur dir will ich … Ich will dir was erzählen …
— Ja, du erzählst es. Lass uns das jetzt schnell … Und danach erzählst du mir alles, ja? Was immer du willst.
In der Tür warteten Sery und Leshi, sie traten auseinander und ließen die Liege herein, dann quetschten auch sie sich mit hinein.
— Na, — sagte Sascha mit zusammengekniffenen Augen. — Ich werde heiraten. Gleich jetzt.
— Verdammt, bist du ein Fuchs! — nickte Sery ihm respektvoll zu.
— Und ich werde dann wohl dein Trauzeuge, — krächzte Leshi. — Geht klar?
— Ja … Na los …
Die Mäusefrau wandte sich an Artur Iwanowitsch und bat um die Papiere. Der holte irgendeine Klarsichthülle heraus, darin die Unterlagen für Sascha.
— Hier sind Kopien, die Originale bringt Ihnen die junge Dame später nach, — erklärte er. — Alexei Alexejewitsch bittet, keine Umstände zu machen, wir haben hier besondere Umstände.
— Ich verstehe alles.
— Uljasch … Ich will dir etwas erzählen …
— Ja, ja. Gleich. Bald, Sasch …
Irgendwo fing ein Telefon an zu summen. Uljana sah sich nach demjenigen um, bei dem es so unpassend klingelte — und stieß nur auf Serys schiefes Grinsen; dann spürte sie das Vibrieren durch ihre Tasche und begriff, dass es ihr eigenes Telefon war. Sie packte es — Tatjana Nikolajewna. Sie drückte sie weg. Gleich darauf klingelte sie wieder, und da schaltete Uljana das Telefon komplett aus, verdammt noch mal, damit es nicht störte.
— Also, ihr Lieben? — sagte die Mäusefrau gelangweilt. — Seid ihr bereit?
— Bereit, — sagte Uljana.
Sascha schwieg, schluckte und schwitzte. Der Schweiß lief ihm in die Augen, er kniff sie zusammen. Uljana nahm seine Hand. Auch seine Handfläche war völlig nass und kalt, aber sie durfte sie nicht loslassen.
— Los geht’s, — sagte Leshi. — Da-da-da-da … Da-da-da-da … Da-da da-da-da da-da, da da da, da-da-da, da-da …
— Was ist das? — fragte Sery.
— Das ist doch der Mendelssohn-Marsch.
— Danke für die Erklärung. Sonst hätten wir’s hier noch einen Scheiß kapiert.
— So! Ruhe! Liebe Uljana und Alexander. Ich freue mich, Sie an diesem bedeutenden und bewegenden Tag begrüßen zu dürfen, der zu einem der wichtigsten in Ihrem gemeinsamen Leben werden wird, — legte die Standesbeamtin routiniert los. — Von heute an werden Sie Ihre eigene, besondere, wunderbare und vielschichtige Welt erschaffen, die Familie heißt! Familie ist ein Bund der Liebe und Treue …
— Für alles zusammen bleiben etwa fünfzehn Minuten, — sagte der Anästhesist zu ihr. — Plusminus. Vielleicht lassen wir das Vorspiel aus?
Die Maus sah Uljana fragend an: Dass Sascha hier kaum mitmachte, hatte sie längst verstanden. Uljana nickte.
Irgendjemandes Telefon fing an, harten Elektronikkram zu plärren. Uljana zuckte zusammen und sah sich hastig um. Es war Serys — und er ging ran.
— Hallo? Ja? Wen? — Er verzog das Gesicht zu einer dämlichen Grimasse und tat, als wäre er überrascht. — Sascha? Sasch, für dich.
— Wer ist das? — fuhr Uljana auf.
— Das ist seine Mutter, — lächelte Sery sie an. — Sasch, deine Mutter ist am Telefon.
— Mama? Wirklich? — Sascha hörte auf, die Augen zusammenzukneifen, und entspannte sich für einen Moment.
— Wie? Sasch, warte … — Uljana wollte losstürzen und ihm das Handy abnehmen, aber Sery ließ es nicht los und hielt den Hörer selbst an Saschas Ohr.
Sascha neigte den verbundenen Kopf zum Handy und schielte zum Lautsprecher. Er versuchte, seine Mutter anzulächeln.
— Mama … Hallo. Ich heirate gerade. Ja. Uljana.
— Nein … Nein … Sascha … Neee … — piepste und kreischte es aus dem Hörer wie eine Ratte, die jemand mit dem Stiefel zertritt.
Uljana ballte die Fäuste. Sery ließ sie nicht aus den Augen und lachte. Arschloch, Wichser, er hatte das alles absichtlich gemacht, eingefädelt. Da kratzte Uljana ihm nicht die frechen Augen aus, sondern nahm Sascha wieder bei der Hand.
— Warum, Mama? Ich will das. Ich will es selbst. Wir haben doch … Wir kriegen ein Kind. Ja, mir geht’s gut … Ich stehe nicht unter Narkose. Mama … Ich hab mich entschieden … — Mit letzter Kraft widersprach Sascha seiner Mutter. — Mama, diesmal mache ich es so, wie ich es will. Ja. Sei nicht böse, Mama. Warum schimpfst du denn? Na gut, jedenfalls … Also … Komm her, Mama. Na los. Ich warte. Das war’s. Schluss.
Er sah Uljana an — seine Augen glänzten, waren nass. Mit diesem Verbandhäubchen auf dem Kopf, geschwollen, kam er Uljana für eine Sekunde schön vor — weil er sich für sie eingesetzt hatte. Nur für eine Sekunde, dann dachte sie wieder an seine Beine und überhaupt an alles.
— Sie möchte mit dir sprechen, Ulj …
Uljana nickte. Sery grinste böse, spuckte aus und zog den Rotz wieder hoch, schüttelte den Kopf, gab ihr aber das Handy: Na schön, verdammt, bitteschön. Sie hielt es ans Ohr, und sofort ergoss sich Eiter daraus.
— Was machst du da?! Was hast du für ein Recht auf ihn?! Du bist niemand, niemand! Wenn du deinen eigenen Sohn hast, dann! Und jetzt … Ich habe ihnen alles, alles gegeben! Meinen Sohn hergegeben! Und du?! Was hast du damit zu tun?! Mein ganzes Leben, mein ganzes Leben hab ich gewartet, dass wenigstens irgendwas … Ich hab ihnen meinen Sohn gegeben! Und du! Ich bitte dich, ich flehe dich an …
Weinte sie da etwa? Wollte sie Uljana etwa erweichen? Aber Uljana empfand kein Mitleid, nicht einmal einen Bodensatz davon. Nur Ekel.
— Jetzt ist es zu spät, Tatjan Nikolajewna. Sie sind wohl zu spät gekommen, — sie legte auf und behielt das Telefon in der Hand, winkte Sery ab. — Ich geb’s später zurück.
Alle starrten sie an — die Maus vom Standesamt, Artur Iwanowitsch und die Trauzeugen. Nur Sascha blickte irgendwohin in die Ferne, gegen die Wand.
— Können wir das jetzt endlich hinter uns bringen? — bat er. — Es tut höllisch weh.
— Liebe Uljana und Alexander, — legte die Tante wieder los. — Unter Wahrung der feierlichen Zeremonie bin ich verpflichtet, Sie vor der staatlichen Registrierung Ihrer Ehe zu fragen: Ist Ihr Wunsch, den Bund der Ehe einzugehen, gegenseitig, frei und aufrichtig? Ich bitte den Bräutigam um seine Antwort.
— Ja, — brummte Sascha und klammerte sich an Uljana.
Sie drückte seine Pfote, feucht und beinahe eiskalt.
— Ich bitte Sie um Ihre Antwort, Brau …
— Ja, — sagte Uljana.
— Ich schlage vor, Ihren Wunsch durch Ihre Unterschriften in der staatlichen Urkunde zu bekräftigen …
Serys Telefon fing wieder an zu kreischen, aber Uljana würgte es schon nach dem zweiten Ton ab.
— Ich schlage vor, Ihren Wunsch durch Ihre Unterschriften in der staatlichen Heiratsurkunde zu bekräftigen. Die erste Unterschrift erhält die Braut.
Sie klappte ihr Schreibbrett auf: Darauf lag schon die ausgedruckte Heiratsurkunde, Uljanas Angaben waren ordentlich eingetragen, Saschas konnte man nicht mehr überprüfen. Uljana nahm den Stift und setzte ihn an die Stelle, auf die diese Ziege zeigte. Sie wollte unterschreiben — der Stift schrieb nicht.
— Keine Aufregung, — sagte die Tante. — Sie reißen noch das Papier durch. Hier, kritzeln Sie erst mal hier drauf.
— Ich bin nicht aufgeregt.
Sie kritzelte auf ihrer Handfläche herum, der Stift blutete blau. Schnell, bevor er wieder den Geist aufgab, setzte Uljana etwas hin, das ungefähr wie ihre Unterschrift aussah. Sie sah hin — wessen Unterschrift war das? Wie die von jemand Fremdem.
Sie gab Sascha den Stift. Wie sollte er mit seiner schlaffen Hand unterschreiben?
— Mach’s wenigstens schön, — bat sie ihn.
Er spannte sich an und kritzelte irgendetwas hin.
— Gut. Und hier in den Urkunden … Ja. Also. In voller Übereinstimmung mit den Gesetzen der Russischen Föderation gilt Ihre Ehe als geschlossen. Ich erkläre Sie zu Mann und Frau, — sang die Maus monoton.
— Hat’s durchgezogen, — schnaubte Sery. — Was für ein Weib.
— Ich selbst … — sagte Sascha trotzig.
— Schon gut, schon gut … Selbst. Ein echter Fuchs, — Sery lächelte, klopfte ihm auf die Schulter und warf dann Uljana einen finsteren Blick zu. — Gib das Telefon zurück.
Uljana klatschte ihm sein Telefon auf die Handfläche.
— Frischvermählte, Sie dürfen sich küssen, — erlaubte die Mäusefrau.
Uljana beugte sich zu Saschas Gesicht hinunter. Er roch nach Medikamenten. Sie berührte seine Lippen mit ihren. Er spannte sie an, aber es war kein Kuss, sondern etwas anderes. Ihre Wange verschmierte sich an seinem kalten Schweiß. Es brannte wie Alkohol. Uljana blieb eine Sekunde so, dann richtete sie sich wieder auf. Was sie als Nächstes tun sollte, wusste sie nicht.
— Ich wollte dir etwas erzählen … — flüsterte Sascha.
— Also, ich lasse die Urkunden hier. Und wegen der Bezahlung dann …
— Kann ich mit ihm sprechen? — fragte Uljana.
— Na, dann warten wir wohl, Artur Iwanowitsch? — schlug der Anästhesist vor. — Danach bringen wir ihn zurück auf die Intensivstation.
— Entscheiden Sie selbst. Wir haben unseren Teil, sozusagen, erledigt. Na dann, herzlichen Glückwunsch, — endlich würdigte der stellvertretende Chefarzt Uljana eines Blickes. — Nun, Uljana Konstantinowna, ich hoffe, Sie sind mit allem zufrieden?
— Ja, danke.
Er ging hinaus, und sein ganzes Gefolge hinterher. Nur Sery blieb zurück, als hätte er Angst, Uljana mit Sascha allein zu lassen. Doch sein Telefon fing wieder an zu brüllen, und er ging zu den Aufzügen, um zu telefonieren.
Sascha schnappte nach Luft und suchte Uljana mit den Augen.
— Was ist denn, was? — fragte sie ihn.
— Mein Kopf tut so weh, du kannst dir nicht vorstellen … Uljasch … Sei nicht böse … Was meinst du … Wenn ich sterbe, wo lande ich dann? In der Hölle?
— Dummchen … Was für eine Hölle? Die gibt’s doch gar nicht … — versprach Uljana ihm. — Und warum solltest du überhaupt sterben? Wieso denn? Davon wolltest du mir erzählen, von diesem Quatsch?
— Na ja …
— Ich verbiete dir, daran zu denken! — sagte Uljana, wie eine Heldin in irgendeinem Film zu irgendeinem Helden, glaube ich, in einer ähnlichen Situation gesagt hatte.
— Ich hab dort solche … solche Sachen gesehen … Na ja … Ganz vorn und … Und überhaupt. Ich war nicht lange da, aber solche … Und wir haben es auch getan. Ich wollte nicht, Uljan. Ich wollte nicht … — Er gab ein seltsames Geräusch von sich.
— Sasch, hör auf. Sasch, lass gut sein.
— Nein, muss sein. Ich will, ich muss es sagen. Wir haben dort … Ich … Das ist schlimm. Weißt du, was wir dort … Was wir getan haben … Es tut so weh … Schrecklich weh.
Uljana nahm seine Hand wieder fest in die ihre.
— Lass es. Es ist mir egal, was du dort getan hast. Du hast alles richtig gemacht. Dort ist Krieg, und dort machen das alle so. Das war ein Befehl. Du hast ihn ausgeführt, Punkt.
— Diese Träume … Ich sehe sie ständig … Ich dachte, es wären einfach nur Träume … — plapperte Sascha. — Genau das wollte ich … dir erzählen. Es träumt sich und träumt sich … Ich dachte, vielleicht wird’s leichter, wenn ich’s erzähle … Na, du weißt schon … Wie ein Stein, der einem von der Seele fällt …
— Sascha! — unterbrach sie ihn. — Das sind Träume.
— Das sind Träume, und das andere sind keine Träume … Uljasch … Wo bist du?
— Sasch, du phantasierst doch nur. Sasch … Alles ist gut. Soll ich einen Arzt holen, ja?
Sascha bekam Angst vor dem Arzt. Seine Augen irrten umher, als suchten sie hier im Zimmer nach einer anderen Uljana, einer vertrauten, die ihm bis zum Ende zuhören würde.
— Nein, ich bin noch nicht dazu gekommen … Ich will dir, dir … Wir haben sie … Weißt du, was wir dort mit ihnen … Was wir getan haben …
— Was macht das für einen Unterschied? Dort sind Feinde! Du hast mit ihnen gemacht, was man mit Feinden macht! Damit sie nicht hierherkommen, zu uns! Die sind doch überhaupt keine Menschen, Sasch! Vergiss es! Du hast es getan, na und! Du hast es für uns getan!
— Du bist doch schwanger, oder? Wir kriegen ein Kleines … Ich will, dass es weiß, verstehst du … Was das ist, was das ist … Falls ich sterbe. Mein Kopf … Er platzt …
Er kniff die Augen zu, öffnete sie wieder, doch sie verdrehten sich unter die Stirn. Er löste die Finger voneinander und ließ Uljana los. Sie fing ihn wieder auf und versuchte, ihn festzuhalten, aber er glitt ihr weg, trieb auf seiner Krankenhausliege hinaus aufs Meer.
— Ja. Wir bekommen ein Kleines, bekommen wir. Du wirst mir nicht sterben, erstens, okay? Und wenn … Na, irgendwann einmal … Dann wird es wissen, dass sein Vater ein Held ist. Dass sein Vater ein echter Held war. Dass er die Heimat verteidigt hat. Bis zum Schluss. Und damit basta. Verstanden? Klar?
Sascha antwortete schon nicht mehr, die Worte wollten nicht mehr kommen, er konnte nur noch brummen. Uljana schüttelte ihn, er brummte nur lauter, dann fing er an zu zittern. Sie begriff, dass etwas Schlimmes geschah, rief nach den Ärzten. Die kamen aus dem Raucherraum angerannt, fluchten und schoben Sascha, ohne sich zu verabschieden, zum Aufzug. Uljana konnte ihnen noch den Flur entlang folgen, zwang sich, Sascha anzusehen, aber in den Aufzug passte sie nicht mehr. Die Türen schlossen sich und schlugen aneinander, im Schacht heulte es auf. Sie blieb auf dem Treppenabsatz zurück. Dort standen noch Sery und Leshi. Sery wandte sich ab, Leshi schnorrte sie um eine Kippe an.
Sie blieb noch ein bisschen bei ihnen stehen, dann begriff sie, dass es hier nichts mehr für sie zu tun gab. Sie ging die Treppe hinunter. Ihr war schwindlig und schrecklich übel, aber aus irgendeinem Grund glaubte sie, sie dürfe sich nicht übergeben, müsse das alles in sich behalten.
— Da hast du den Schrödinger-Fick, — brummte von oben eine Stimme wie eine Kindertrompete.
• • •
Sie erreichten Sascha telefonisch, als der Zug schon in den Bahnhof einfuhr.
Saschas Stimme pfiff, so wie die von Tatjanas Nachbarn aus ihrer Kindheit. Der hatte Kehlkopfkrebs gehabt, man hatte ihm ein Loch in den Hals gemacht, und durch dieses Loch hatte er geraucht und gepfiffen. Wenn er sprach, entwich die Luft durch das Loch, und mit ihr die ganze Kraft seiner Stimme; man musste es zuhalten. Lange hatte der Nachbar sich nicht zu Tode rauchen lassen. Als sie Saschas Pfeifen hörte, wurde sie verlegen: irgendetwas daran kam ihr bekannt vor. Sie erkannte es und vergaß es gleich wieder.
Denn in ihrem Kopf dachte sie nur an Uljana: dass sie verrecken sollte.
— Tanja … Tanj. Na, wirkt’s?
Gut, der Zug hatte es doch noch bis zum Bahnhof geschafft. Die Waggontüren wurden geöffnet, und ein bisschen Luft kam in den Wagen. Die Luft half ihr mehr als das Kapoten. Wenigstens drehte sich nicht mehr alles ganz so sehr. Vorsichtig erhob sie sich auf die Beine. Die Beine trugen sie offenbar.
Die Zugbegleiterin fragte noch einmal, ob sie einen Krankenwagen rufen sollte, aber Tatjana versicherte ihr bestimmt, sie komme schon zurecht. Vitalja nahm sie am Ellbogen, und sie gingen langsam über den Bahnsteig. Dann wurde sie müde, lehnte sich an eine Säule und verlangte von Vitalja erneut, Saschas Nachbarn anzurufen. Der ging ran und erzählte, dass alles bereits geschehen sei und sich nichts mehr daran ändern lasse.
Vitalja sah sie mitleidig an, aber dieser Blick machte Tatjana nur noch rasender. Hier durfte man niemanden bemitleiden, man musste weiterkämpfen.
— Na, wohin denn, Tanj?
— Dort. Ins Krankenhaus. Ich muss Saschka sehen. Ihn besuchen und ihm wenigstens den Kopf zurechtrücken. Und mit ihr, mit ihr will ich reden. Sie wird mir noch das Telefon wegdrücken … Das werden wir ja sehen.
Sie stiegen in die Metro hinunter. Sie sahen sich um und fanden sich irgendwie zurecht. Sie fuhren los. Der Zug raste pfeifend durch den Tunnel.